Hepkaale privat

 

Dort hinten ist Hepkaale, zusammen mit ihren Geschwistern arbeitet sie auf dem Kohlfeld ihrer Familie. Sie jäteten Unkraut und suchten nach Schädlingen. Am Tag zuvor hatten sie zwei Reihen Kohl geerntet und morgen würden sie an der Stelle neuen Kohl aussäen.

Im Gegensatz zu ihren Geschwistern genießt Hepkaale die langweilige Arbeit auf den Kohlfeldern. Keine Abenteuer, keine Gefahr und sie weiß genau, warum sie das macht, was sie macht. Sollte es ihr eines Tages gelingen, das Plot-Device loszuwerden, so würde sie ihre eigene Kohlfarm aufmachen, mit eigener Familie und allem. Viele Kinder, die zur Schule gehen würden, während sie auf den Feldern arbeitete. Manchmal würde ihr Mann sie begleiten, aber oft würde er etwas anders zu tun haben. Was gäbe es schöneres als ein langweiliges Leben ohne größere Gefahren?

Sie arbeitet etwas Abseits ihrer Geschwister, die sich bei der Arbeit unterhalten und viel lachen. Früher hat sie sich auch gerne mit den anderen unterhalten, aber seit das Plot-Device sie immer wieder in irgendwelche abstrusen Abenteuer schicktird, weiß sie die Ruhe zu schätzen. Das Wissen, dass sie jederzeit mit den anderen Scherzen und Lachen könnte, ist völlig ausreichend, um ihr ein Gefühl von Geborgenheit zu geben.

Hepkaale schaut sich um. Alle sind am Arbeiten, ein Stück weit von ihr entfernt. Sie konzentrieren sich auf das Unkraut, sogar Sibüü. Sie schaut sich weiter um und blickt in das flache Tal. Sie fühl sich beobachtet, auch wenn sie weit und breit niemanden sehen kann. Sie sieht den kleinen Bach in der Mitte des Tals, rechts und links davon ein Streifen Gras, am Ufer ein paar niedrigen Büsche. Hinter dem Gras das nächste Kohlfeld, das sich an dem flachen Hang hinauf zieht und bis über die Kuppe hinweg reicht. Auf dieser Seite des Baches auch nur Kohl. Weit und breit ist außer ihr und ihren Geschwistern kein Mensch zu sehen. Warum fühlt sie sich so beobachtet?

„Was soll das“, fragte sie sich leise. „Wer beobachtet mich? Warum jetzt, wo doch niemand das Plot-Device aktiviert hat. Meine Arbeit hier ist doch völlig uninteressant.“

Es ist eine gute Frage, warum Hepkaale bei der Feldarbeit interessant sein sollte, wo doch weit und breit kein Abenteuer mit dem Plot-Device in Sicht ist.

„Hey! Das habe ich gehört!“

Hepkaale schaute sich erneut um. Was hatte sie da gehört?“

„Dass kein Abenteuer in Sicht ist, das habe ich gehört! Ihr beobachtet mich schon wieder in der Hoffnung, dass ich das Plot-Device aktiviere. Aber das werde ich nicht. Den Gefallen werde ich weder dem Erzähler noch den Zuhörern tun!“ Hepkaale wandte sich wieder ihrem Kohl zu und versuchte, das Gefühl des Beobachtet-Werdens zu ignorieren. Nach einer Weile schweiften ihre Gedanken ab und sie dachte an Saarb.

„Hey! Das geht jetzt aber zu weit!“, widersprach Hepkaale. „Was ich über andere Leute denke, ist privat und hat in der Geschichte nichts zu suchen.“

Der Autor schaute peinlich berührt aus dem Fenster, bevor er weiter schrieb.

„Richtig so! Wenn du schon über mich schreibst, so respektiere wenigstens mein Privatleben!“ Dann fügte sie noch hinzu: „Das gilt auch für euch, Leser und Zuhörer!“

Befriedigt, ihrem Ärger Luft gemacht zu haben, wandte Hepkaale sich wieder ihren Kohlpflanzen zu. Auch wenn alle sagten, sie sei eine Legendenfigur, so hatte sie doch Recht auf ihre Privatsphäre. Während er ihre Gedanken erzählte, dachte der Erzähler, dass in den ganzen Schreibratgebern tatsächlich eine Regel zur Privatsphäre der Figuren fehlte. Andererseits waren das natürlich auch die Sachen, für die sich die meisten Zuhörer am meisten interessierten.

„Das stimmt überhaupt nicht“, sagte Hepkaale. „Niemand interessiert sich für meine Gedanken. Alle wollen nur hören, wie das Plot-Device mich ärgert und ich für alle Leute Probleme lösen muss, die mir völlig egal sind.“

Du meinst so Sachen, wie mit Schwertern Monster bekämpfen?

„Wahrscheinlich. Dabei wäre es doch viel besser, wenn sie wissen wollen würden, wie ich in Ruhe Unkraut jäte.“ Hepkaale zog eine weitere Ranke aus der Erde. „Genau so! Ich habe überhaupt keine Lust zur Bespaßung der Zuhörer immer irgendwelche gefährlichen Sachen machen zu müssen!“

Sie warf die Ranke weit von sich. „Können die Leute mich nicht mal in Ruhe lassen?“

In letzter Zeit war Hepkaale aus irgendwelchen Gründen immer nur am Meckern in den Geschichten.

„Das ist ja auch kein Wunder. Wenn es euch so ergehen würde wie mir, würdet ihr genauso meckern wie ich. Außerdem meckere ich nur, wenn, wenn ich wieder irgendwelche bescheuerten Abenteuer bestehen muss!“

Hepkaale drehte sich zu den anderen um. „Sibüü! Sibüü! Komm mal her!“

Ihre Geschwister schauten auf, als Hepkaale nach ihrer Schwester rief, und wandten sich dann wieder ihrer Arbeit zu. Sibüü stand auf und lief zu Hepkaale.

„Was ist los?“, rief sie schon von weitem.

„Sag mal“, fragte sie ihre Schwester, „bin ich immer nur am Meckern?“

Sibüü überlegte. „Weiß nicht. Wenn du das Plot-Device benutzt schon. Oder wenn ich dich dazu überreden will.“

„Aber sonst nicht, oder?“ Hepkaale warf ihrer Schwester einen Blick zu. Die nickte. „Meistens nicht.“

„Seht ihr!“, sagte Hepkaale triumphierend. „Es ist alles eure Schuld!“

Sibüü schaute ihre Schwester verwirrt an. „Mit wem redest du?“

„Mit den Lesern und Zuhörern. Die erzählen schon wieder eine Legende über mich.“

Sibüü wurde ganz aufgeregt. „Echt? Ein neues Abenteuer? Nimm mich mit!“

Hepkaale schüttelte den Kopf. „Ich habe das Plot-Device nicht aktiviert, ich gehe nirgendwo hin.“

„Ich war es auch nicht“, warf Sibüü ein. „Wirklich nicht! Aber schade ich es schon.“

„Vielleicht weiß der Erzähler etwas darüber, was er heute von mir erzählt.“ Sie riss eine weitere Ranke aus der Erde. „Du! Erzähler! Weißt du, was ich dieses Mal blödes machen soll?“

Hepkaale warf eine weitere Ranke weg. Wahrscheinlich war das das Spannendste, was sie an diesem Tag machen würde.

„Das fände ich gut, dann könnt ihr mich ja in Ruhe lassen“, sagte Hepkaale und ignorierte Sibüüs enttäuschtes Gesicht. Dann wandte sie sich wieder dem Unkraut zu und jätete es mit neuem Elan.

Und wenn sie davon noch nicht genug hat, dann jätet sie noch heute Unkraut auf Kohlfeldern.

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Eine Antwort zu Hepkaale privat

  1. 500woerterdiewoche schreibt:

    XD

    Hat sie auch mal verdient 😉

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