Der Tag der schlechten Gedichte

Da ich das Wochenende über meine berufliche Zukunft nachdenken muss (ich hab zwei Jobangebote, die ich gerne beide annehmen würde), gibt’s meinen Blogpost diese Woche schon heute. Viel Spaß beim Lesen!

Schon mehrfach wurde in den Geschichten von der Sejereh von den Abschlussprojekten der Schüler gesprochen, deren Aufgabe es ist, die Bewohner des Raumschiffs zu unterhalten. Bisher waren es immer Projekt, die so gut waren, dass noch lange davon geredet wurde.

Das Projekt, von dem ich heute erzählen will, war da anderes. Es wurde schon darüber geredet, wahrscheinlich sogar länger als über die meisten anderen, aber der Grund dafür war nicht, dass es so gut und unterhaltsam gewesen wäre, sondern eher im Gegenteil. Doch seht selbst, wie es Sadji und Kasida erging.

Die Sejereh war bereits im Anflug auf die Sonnen Alpha und Beta, als Sadji und Kasida zur Schule gingen. In achtunddreissig Jahren, so der Plan, würden sie den Planeten Furasch erreichen und die ersten Menschen sein, die jemals einen richtigen Planeten, der um eine fremde Sonne kreist, neu besiedelten. Doch bis dahin würde es noch dauern und es es gab noch viel Bedarf für Unterhaltung.

Die beiden wollten unbedingt ein neues Projekt machen, irgendetwas, das in der tausendjährigen Geschichte der Reise noch niemand gemacht hatte. Sie waren nicht die ersten, die Wochen- und Monatelang recherchierten, und trotzdem nicht wirklich zu einem guten Ergebnis kamen. Das Raumschiff hatte zwar nur knapp über 500 Einwohner, aber in tausend Jahren waren es trotzdem eine riesige Menge Leute, die Abschlussprojekte gemacht hatten.

Es hatte Kunstprojekte gegeben, Forschungsbemühungen, Sternenbeobachtungstage, kulinarische und musikalische Projekte, Prosa und Gedichte.

„Vielleicht sollten wir etwas mit Gedichten machen“, überlegte Kasida, die selber gerne Gedichte schrieb, als sie darüber redeten.

„Mit Gedichten“, fragte Sadji skeptisch. „Was sollen wir denn mit Gedichten machen? Wenn wir die einfach schreiben und vortragen, ist es nichts besonderes. Und andere Gedichte zu bestimmten Themen schreiben zu lassen, das gab es auch schon oft genug.“

Kasida nickte. „Das stimmt schon. Aber immer ging es darum, dass die Gedichte gut oder besonders oder unterhaltsam waren.“

„Warum sollte jemand Gedichte wollen, die nicht unterhaltsam oder gut sind?“

Jetzt grinste Kasida: „Weil wir uns die schlechtesten Gedichte geben lassen, die die Leute haben.“

„Die schlechtesten Gedichte?“

Kasida nickte enthusiastisch. „Wir lassen uns von jedem sein schlechtestes jemals verfasstes Gedicht geben und tragen die dann anonym vor. Das wird bestimmt sehr lustig.“

„Dann müssen wir sie aber auch möglichst schlecht vortragen“, ergänzte Sadji.

„Das machen wir.“

Am nächsten Tag stellten sie ihrer Lehrerin ihr Projekt vor. Sie war anfangs nicht überzeugt, musste dann aber zugeben, dass es tatsächlich ein Projekt war, das noch niemand vor ihnen jemals gewagt hatte.

„Ich hoffe nur“, sagte sie, „ihr habt euch das gut überlegt.“ Kasida und Sadji nickten enthusiastisch.

„In Ordnung, dann macht euer Projekt und ich hoffe mal, dass es auch wirklich so gut wird, wie ihr beide denkt.“

In den nächsten Monaten besuchten die beiden Schüler jeden Bewohner der Sejereh persönlich und erzählten ihnen von ihrem Projekt. Bei vielen mussten sie eine Menge Überzeugungsarbeit leisten und versprechen, dass die Gedichte anonym gesammelt würden.

Manche Leute waren einfach gar nicht zu überzeugen oder hatten Ausreden.

„Ich hab meine Gedichte alle vernichtet und erinner mich nicht mehr dran.“

„Ich hab noch nie ein Gedicht geschrieben.“

„Mein schlechtestes Gedicht war so kurz, dass es nur eine leere Seite war.“

Und die lächerlichste Ausrede: „Ich kann nicht denken, mir also auch keine Gedichte ausdenken. Konnte ich noch nie.“

Insgesamt bekamen sie aber 434 schlechte Gedichte zusammen, was sie eine ganz gute Ausbeute fanden. Manche waren kurz, Drei- oder Vierzeiler, mache waren aber auch deutlich länger, das längste dauerte über zwanzig Minuten, um es vollständig vorzulesen.

In den nächsten Wochen verbrachten sie ihre Freizeit damit, die Gedichte zu sortieren und sich zu überlegen, wie sie sie vortragen wollten. Sie entschieden sich, die Gedichte über das Lautsprechersystem der Sejereh möglichst gelangweilt vorzutragen, um die schlechte Qualität der Gedichte noch zu unterstreichen.

Dann kam der große Tag. Sie schlossen sich in dem Senderaum ein und Sadji kündete schlecht gereimt über die Lautsprecher an, dass alle nun den legendären Tag der schlechten Gedichte miterleben durften. Dann trugen die beiden abwechselnd die Gedichte der Bewohner vor.

Fast fünf Stunden lang beschallten sie das ganze Raumschiff mit einem Gedicht nach dem nächsten. Da sie sich eingeschlossen hatten, bekamen sich nichts von der Reaktion der anderen Bewohner des Raumschiffes mit, zumindest so lange nicht, bis es jemandem gelang, die Türverriegelung zu umgehen und die beiden unsanft vom Mikrophon zu entfernen.

Wie sich herausstelle, hatten viele Bewohner versucht, der Beschallung durch die schlechten Gedichte zu entgehen. Mehrere hatten Raumanzüge angezogen und anfangen, uralte Schäden an der Außenhülle der Sejereh auszubessern, nur um die schlechte Gedichte nicht hören zu müssen.

Andere Leute hatten versucht, sich die Ohren zu verstopfen oder mit lauter Musik die Gedichte zu übertönen. Aber die schlechten Gedichte waren so schlecht, dass sie immer durchdrangen und die Leute weiter nevten. Irgendwann hatte sich dann eine Gruppen von einem Dutzend Personen zusammengefunden, die die Gedicht um jeden Preis stoppen wollten und es schließlich schafften, die Tür aufzubrechen.

Viele der Bewohner der Sejereh waren ziemlich sauer auf die beiden und es brauchte den Kapitän, ihre Lehrerin und zwei Ordnungshüter, um alle wieder zu beruhigen und die beiden Schüler in Schutz zu nehmen.

Die nächsten Wochen wurden Sadji und Kasida oft angefeindet und angepöbelt, aber da sie sich entschuldigten, verziehen ihnen die meisten Bewohner recht schnell. Wie der Kapitän so schön sagte: „Es ist das Privileg der Jugend, Dinge auszuprobieren und dabei Fehler machen zu dürfen – ungestraft, wenn sie sich aufrichtig entschuldigen.“

Noch Jahre und Jahrzehnte später wurde der Tag der schlechten Gedichte auf der Sejereh als abschreckendes Beispiel für ein misslungenes Abschlussprojekt genannt, selbst als Sadji, Kasida und alle anderen, die den Tag erlebt hatten, schon längst nicht mehr lebten.

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2 Antworten zu Der Tag der schlechten Gedichte

  1. 500woerterdiewoche schreibt:

    XD

    Glückwunsch zu den Jobangeboten! Ich hoffe, die entwickeln sich so, wie du dir das wünschst.

  2. Tja, am Montag ist noch ein weiteres von meiner Chefin hinzugekommen, das auch sehr verlockend klingt… Macht es nicht einfach. Wenn ich nur wüsste, wie ich mich entschieden haben werde…

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