Hepkaale und der Drache 6

Erster Teil, vorheriger Teil

Überraschend kamen Hepkaale und Faares in einen weiteren kleinen Ort. Sie hatten nicht mit einer größeren Siedlung gerechnet, aber die Häuser standen da, massiv und unzweifelhaft bewohnt. Sieben Häuser standen an dem Weg, der ins Dorf führte und der am Ufer des nördlichen Ozeans endete. Die Bewohner hatten sogar einen Steg gebaut, der ein Stück weit ins Wasser ragte. So konnte Schiffe problemlos hier anlegen.

Die Häuser waren aus Stein und unverputzt. ‚Die Steine waren einfach aufgeschichtet worden und die Fugen waren mit Erde abgedichtet, nicht die Holzhäuser, die sonst auf Sma Azirk vorherrschten. Die Steine waren wahrscheinlich vom Meer angespült worden, sie waren vom Wasser rund geschliffen.

In den Häusern gab es keine Fenster und die Türen waren mit schwer aussehenden, graubraunen Decken verhangen. Es gab jeweils einen Kamin, aus dem Rauch aufstieg und sich mit den tief hängenden Regenwolken vermischte. Am Hafen gab es ein Haus, das eine Kombination aus Laden und Gasthaus war.

Ein kalter Wind wehte und Hepkaale versuchte, ihre Kopf etwas weiter einzuziehen. Es half aber nicht viel, sie fror trotzdem ein wenig. Sie kam sich unglaublich albern vor, wie sie mit einem Ofensieb als Rüstung auf einer Ziege als Reitpferd in der Ort ritt. Sie war froh, dass sie die Leute, die sie auf ihren Reise traf, nie wiedersehen würde. Sie würden zwar Geschichten erzählen und so eine weitere Legende von ihr erschaffen, aber sie war sicher, wenn man es in einer Geschichte hörte, war ein Ziegenbock aus Reittier weniger albern als in Wirklichkeit.

Vor dem Gasthaus stand ein Mann, der einen dicken Mantel mit weiter Kapuze trug. „Hallo, edler Mann“, begrüßte Faares ihn.

Er drehte sich zu ihnen um. „Hallo, Fremde! Kommt herein und erzählt uns, was es in der Welt neues gibt!“

Als Hepkaale näher kam, sah sie, dass der Mann noch recht jung war, vielleicht in ihrem Alter, vielleicht etwas älter. Sein Gesicht war kantig und er hatte eine markantes Kinn. Große, blaue Augen, glatte Haut und ein paar Lachfalten im Gesicht. Als Hepkaale von ihrer Ziege stieg, trafen sich ihre Blicke und sie lächelten sich an.

Hepkaale band ihre Ziege an, gab ihr etwas Heu zu fressen und dann gingen sie in die Gaststube.

Die linke Seite des großen Raumes war ein Laden. In der Mitte stand ein Tresen, neben dem eine Treppe ins Obergeschoss führte. Rechts standen einige Tische und Stühle. Der Gastbereich war im Moment leer.

Im Ladenbereich stand eine Frau mittleren Alters, offensichtlich die Wirtin. Faares ging sofort zu ihr und sprach in seiner gestelzten Ausdrucksweise mit ihr. Hepkaale setzte sich an den Tisch neben der Tür. Es würde eine Weile dauern, bis Faares fertig war.

Der Vorhang vor der Tür wurde zur Seite geschoben und der junge Mann mit der Kapuze trat ein. Er sah Faares und die Frau an und drehte sich dann zu Hepkaale um. Er nahm seine Kapuze ab. Er hatte blondes, gepflegtes Haar, kurz geschnitten. Seine Augen hatten in faszinierendes blau.

„Wollt ihr wirklich in der Ausrüstung Drachen jagen?“, fragte er Hepkaale.

Hepkaale zuckte mit den Schultern. „Faares möchte Drachen jagen. Ich begleite ihn nur, weil ich es muss, damit ich nach Hause zurückkehren kann.“

Er sah sie neugierig an. „Wurdest du verbannt, oder warum musst du ihn begleiten?“

„Verbannt?“ Hepkaale überlegt. „Naja, nicht richtig, aber irgendwie schon. Es ist kompliziert.“

Er zog sich einen Stuhl heran und setzte sich verkehrt herum darauf, sich auf die Lehne stützen, so dass er Hepkaale anschauen konnte.

„Kompliziert? Erzähl!“ Er lächelte Hepkaale an. Es war so warmes Lächeln, dass Hepkaale davon eine Gänsehaut bekam.

„Willst du die Geschichte wirklich hören?“

Er beugte sich ein wenig zu ihr vor, ergriff ihre Hand und sagte leise: „Jedes einzelne Wort!“

„Du hast es so gewollt.“

„Habe ich!“

Hepkaale lächelte ihn an. „Weißt du, wer ich bin?“

„Eine hübsche, niedliche Frau, die sich in unsere Gegend verirrt hat.“

Hepkaale schüttelte den Kopf. „Das meine ich nicht.“

„Aber das ist es, was für mich zählt.“

„Soll ich nun erzählen oder nicht?“

„Natürlich sollst du. Ich halte ja schon die Klappe.“

Die nächsten zwei Stunden erzählte Hepkaale von ihrem Plot Device und wie sie in das Abenteuer mit Faares geraten war. Der junge Mann, Alesch mit Namen, hörte ihr zu. Manchmal fragte er nach. Seine Fragen liefen meistens darauf hinaus, dass er der Meinung war, dass das Plot-Device fies zu ihr war und sie allen Grund hatte, ihre Abenteuer zu verfluchen. Noch nie hatte sie mit jemandem über ihre Abenteuer gesprochen, der genauso wie sie der Meinung war, dass das Plot-Device mehr lästig als hilfreich war.

Irgendwann fragte er sie, ob sie nicht lieber in sein Zimmer gehen wollten, um dort weiter zu reden, und Hepkaale willigte bereitwillig ein. Faares schien weiter damit beschäftigt zu sein, die Frau in seiner gestelzten Sprache zu bearbeiten.

Hepkaale und Alesch setzten sich auf sein Bett. Hepkaale legte ihren Kopf auf seinen Schoß. Während sie von Sibüü und ihrem Abenteuer zur Ersten Landung erzählte, kraulte er ihr den Kopf. Sie genoss seine überraschend weichen Hände. Hepkaale legte eine Hand auf sein Bein und streichelte es. Irgendwann küssten sie sich und Hepkaale hoffte, dass Faares noch lange genug beschäftigt war, dass sie mit Alesch schlafen konnte.

„Hepkaale! Wo bist du!“

Hepkaale seufzte. „Das war es dann wohl erstmal mit unser Zweisamkeit.“

Alesch nickte. „Ich befürchte auch.“

Hepkaale kuschelte sich nochmal eng an Alesch an, seine Arme um sie geschlungen, dann rief sie: „Warte kurz!“

Dann drehte sie sich um, küsste Alesch nochmal, suchte ihre Kleidung zusammen und zog sich an.

„Ich hoffe, dass wir auf dem Rückweg nochmal hier vorbei kommen können!“

„Du bist jederzeit eingeladen.“

Hepkaale nickte. Dann wurde sie ernst. „Ich weiß. Wenn ich auf normalem Wege hier wäre, würde ich dir Versprechen, dass ich wieder vorbei komme. Aber mit dem Plot-Device…“

„Ich weiß. Aber wenn ich in Zukunft eine Geschichte über dich höre, werde ich immer in süßen Erinnerungen schwelgen.“

Er stieg auch aus dem Bett und zog sich an. „Mal schauen, vielleicht habe ich noch eine Idee, wie ich dir bei eurem Quest helfen kann.“

Zusammen verließen sie den Raum im Obergeschoss und gingen die Treppe herunter.

„Da bist du ja endlich! Diese Dame hat mir den Weg zu den Drachen erzählt.“

Hepkaale ergriff hinter ihrem Rücken Aleschs Hand. „Das ist schön“, sagte sie und drücke dabei Aleschs Hand. Er würde verstehen, wie sie das meinte.

„Wusstest du“; sagte Faares, „dass es hier in der Vergangenheit öfter Angriffe von Drachen gegeben hat?“

Hepkaale schüttelte den Kopf. Dann sagte sie: „Aber es überrascht mich nicht. Wenn ich mir überlege, wie die Häuser gebaut sind, so war es zu erwarten. Alles Feuerfest und so.“

„Wir müssen sofort aufbrechen“, sagte Faares.

„Hepkaale braucht eine Waffe“, sagte Alesch, „wenn ihr den Drachen gegenübertreten wollt.“

Hepkaale drehte sich um und schaute ihn an. Sofort versank sie wieder in seinen Augen. Sie musste sich konzentrieren, um reden zu können: „Was für eine Waffe?“

Alesch lächelte. „Drachenjäger brauchen eine Lanze. Wir haben zwar keine, aber ich werde dir eine unserer Bohnenstangen mitgeben. Die sind aus Eisenrohr, damit sie einen Drachenangriff überstehen können.“

„Eine Bohnenstange“, sagt Hepkaale skeptisch. „Ich soll einen Drachen mit einer Bohnenstange jagen?“

Alesch zuckte die Achseln. „Was besseres haben wir leider nicht, oder, Mutter?“

Er schaute zu der älteren Frau, die den Kopf schüttelte. „Eigentlich können wir nicht einmal die Bohnenstangen entbehren, aber wenn ihr einen Drachen tötet, so wird es in Ordnung sein.“

Hepkaale zuckte mit den Schultern. Sie ritt einen Ziegenbock mit einem Salatblatt als Sattel, Hahnenkämmen als Sporen und einem Ofensieb als Rüstung. Da konnte sie auch eine Bohnenstange als Lanze verkraften.

Fünf Minuten später saß sie wieder in voller Ausrüstung auf ihrer Ziege, diesmal mit Bohnenstangenlanze. Sie gab Alesch einen Kuss zum Abschied, und dann folgte sie Faares die Straße entlang aus dem Dorf hinaus.

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