Senauris Prüfung

„Selbstverständlich ist dort nichts. Das ist die Probe“, erklärte die Dame. „Sie müssen so tun als ob.“ Als sie in der Küche verschwunden war, sah Senauri sich um. Die Gesamtsumme auf der fleckigen Rechnung des Mechanikers war demgegenüber der reinste Alptraum. Aber eines nach dem anderen, dachte sie sich.

Alle wussten, das man bei der Kommando-Prüfung mit den schwierigsten Aufgaben konfrontiert wird. Doch bei jedem ist die Prüfung anders. Mindestens seit zwei Jahren versuchen ihrer Lehrer, ihre Schwachstellen zu finden, um genau diese zu Prüfen.

Sie fragte sich, was wohl ihre Schwachstellen waren. Warum sollte sie sich vorstellen, dass sie auf Kollisionskurs mit einer Gruppe Asteroiden waren? Wäre eine Simulation da nicht besser gewesen? Warum sollte sie dafür alleine mit einem Rettungsschiff um die Sejereh herum fliegen? Sie hatte viel zu viele Fragen, über die sie nachdachte. Hoffentlich ging es bald los, dass sie sich um ihre Aufgabe kümmern konnte.

Als hätten sie ihre Gedanken gelesen, meldete sich die Funkzentrale der Sejereh: „Sejereh an RLS-3. Senauri, hörst du uns?“

Sie aktivierte den Sprechknopf. „Hier Senauri auf dem RLS-3. Ich kann euch hören. Hier ist alles bereit.“

„Hier Sejereh. Das ist gut. Die letzten Personen haben dein Rettungsschiff verlassen, du kannst dich jetzt zum Abflug vorbereiten. Deinen Kurs haben wir dir übermittelt.“

„Alles klar.“ Senauri schaute sich den Flugplan am Computer an und glich ihn mit dem Zettel, den der Mechaniker ihr gegeben hatte, ab. Der Kurs schien der gleiche zu sein. Sie wurde die Sejereh auf eine langgezogenen Ellipse umkreisen und sich am entferntesten Punkt ein paar Asteroiden einbilden. In drei Stunden wäre sie dann wieder an Bord der Sejereh und ihre Prüfung wäre vorbei. Wenn das alles war, würde sie es mit Leichtigkeit schaffen.

„Meinst du, du schaffst es, den Abflug manuell zu machen?“

Senauri bejahte. Manuell fliegen war viel besser als automatisch. So hatte sie unterwegs mehr zu tun und musste nicht so viel nachdenken.

„Dann kannst du jetzt starten.“

Senauri verriegelte die Luken und bereitete das Rettungsschiff zum Start vor. Pingelig genau arbeitete sie die Checkliste ab, die der Computer ihr zur Verfügung stellte. An zwei Stellen gab es Fehler im System, die aber nicht kritisch waren. Sie Funkfrequenzen konnte sie auch manuell auswählen und dass einer der hinteren Positionsmelder nicht richtig funktionierte, war auch zu verschmerzen. Sie meldete die beiden Fehler an die Sejereh und dort notierte man sie, um nach ihrer Rückkehr einen Mechaniker mit der Reparatur zu beauftragen.

Als sie das Schiff langsam von der Sejereh weg steuerte, dachte sie über die Flugroute nach. Wenn es echte Asteroiden wären, würde sich nicht einfach auf einer Bahn um die Sejereh kreisen sondern gezielt die Bahn der Felsen ansteuern. Aber zu ihrer Prüfung gehörte es nun man, dass sie den vorberechneten Kurs befolgte.

Eine halbe Stunde vor Erreichen des Ziels wollte sie etwas Essen und holte sich eine Dose mit eingelegtem Obst aus der Küche. Als sie die Dose öffnete, musste sie feststellen, dass die Dose ein falsches Etikett hatte. Statt eingelegtem Obst befand sich Wurst darin. Wie doof, dachte sie. Auf Wurst hatte sie keine Lust. Sie überlegte, ob sie eine andere Dose aus der Küche holen sollte, aber dann ging plötzlich ein Alarm los und eine halbe Sekunde später ging das Licht im Rettungsschiff aus.

Senauri wartete darauf, dass die Notbeleuchtung wieder an ging, doch auch nach drei Sekunden war es dunkel. Sie fluchte. Wenn es ein Problem mit dem Computer gab, hatte sie ein Problem. Vorsichtig schwebte sie im Dunkeln zum Rechnerraum, ganz langsam und vorsichtig. Zum Glück gab es wenigstens hier ein paar Kontrolllämpchen, die den Raum schwach erhellten. Sie drückte den Start-Knopf, doch nichts passierte. Sie versuchte es erneut, doch es passierte wieder nicht.

Senauri schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich war dies ein Teil der Prüfung, vermutete sie. Ein Problem, mit dem sie nicht gerechnet hat. Was tat man bei einem Totalausfall der Technik? Als erste sollte sie wohl die Sicherung überprüfen. Sie tastete nach dem Sicherungskasten und fand ihn schließlich. Tatsächlich war die Sicherung wirklich raus. Sie legte die Sicherung wieder ein.

Der Zentralcomputer ging auch tatsächlich wieder an, doch gleichzeitig durchlief ein Zittern das Rettungsschiff und Senauri trieb langsam aus dem Rechnerraum heraus.

„Mist!“, fluchte sie. „Wer hat denn die Triebwerke mit der Hauptsicherung verbunden?“

Zum Glück konnte sie auch vom Rechnerraum aus auf den Zentralcomputer zugreifen, so dass sie die Triebwerke abstellen und die Schwerelosigkeit wiederherstellen konnte. Sie schwebte in den Gang, stieß sich ab und war kurz darauf wieder im Steuerraum. Als erstes prüfte sie ihren Kurs. Der unerwartete Schub hatte sie deutlich auf eine andere Bahn gebracht, und ohne Korrektur würde sie nicht zur Sejereh zurück kommen. Sie fragte sich erneut, ob es Absicht für ihre Prüfung war.

Sie aktivierte den Funk, doch sie konnte die Sejereh nicht erreichen. Dann fiel ihr ein, dass sie die Frequenz ja manuell wählen musste. Als sie das getan hatte, erreichte sie das Raumschiff.

„Hallo Sejereh. Bei mir war der Zentralcomputer ausgefallen und die Triebwerke haben ungeplant gefeuert.“

„Hier Sejereh. Wir haben uns schon gewundert, nichts mehr von dir zu hören.“

„Ist es Teil meiner Prüfung, dass der Rechner ausgefallen ist?“

„Warte, ich schaue mal auf den Plan… Hier auf dem Zeitplan stehen nur die Asteroiden und danach zwei weitere Punkte. Aber die kommen erst danach und die darf ich dir nicht verraten. Aber zumindest soviel kann ich sagen, das defekte Licht beim Start-Check war Teil der Prüfung.“

Senauri nickte. Das hatte sie schon vermutet.

„Die vertauschten Etiketten bei den Essensdosen auch?“

„Die hast du schon gefunden? Wir hatten damit gerechnet, dass du die erst auf dem Rückweg findest.“

„Berechnet ihr meinen Rückflugkurs oder soll ich das selber machen?“

„Ich würde sagen, du rechnest und schickst uns die Ergebnisse dann zur Prüfung. Du sollst schließlich sicher wieder hier ankommen.“

„In Ordnung.“

Senauri gab im Himmelsmechanik-Programm das Ziel Sejereh ein und wählte 20 % Schnelligkeit und 80 % wenig Treibstoffverbrauch als Randbedingungen. Sie hatte es schließlich nicht eilig. Dann ließ sie den Computer rechnen und sandte die Ergebnisse an die Sejereh, von wo sie kurz darauf bestätigt wurden.

Der neue Flugplan führte sie weiter von der Sejereh weg und dauerte fast dreißig Stunden. Doch die Geschichte von ihrem Rückweg und dem blinden Passagier, den sie dort fand, wird ein andermal erzählt.

Zur Inspiration dieser Geschichte dienten drei Sätze, die ich aus drei verschiedenen Büchern geklaut habe und am Anfang der Geschichte als Inspiration verwendet habe. Ein Satz ist aus „Dreimal Proxima Centauri und zurück“ von Myra Çakan, einer aus „Die Stille in Prag“ von Jaroslav Rudiš und der dritte ist aus „Liebe Isländer“ von Huldar Breiðfjörð.

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