Hepkaale und der Drache

Das Summen und Brummen des Plot-Devices ließ nach. Hepkaale überlegte, ob sie ihre Augen öffnen sollte. Sie fragte sich, wer das Plot-Device aktiviert hatte, denn eben noch hatte sie in ihrem Bett gelegen und den morgendlichen Geräuschen aus der Küche gelauscht und jetzt war sie schon wieder irgendwo, wo sie garantiert nicht sein wollte. Vielleicht wäre es besser, einfach die Augen geschlossen zu halten und noch eine Weile zu schlafen. Zum Glück lag sie wenigstens halbwegs bequem, auch wenn es eindeutig nicht ihr kuscheliges, warmes Bett war. Außerdem war es trocken, was auch nicht immer der Fall war, wenn das Plot-Device sie irgendwo hin sandte. Hepkaale seufzte. Es funktionierte nie einfach die Augen nicht auf zu machen. Nicht, dass sie es nicht immer wieder versuchen würde, aber es war eben sinnlos.

Hepkaale öffnete die Augen, sah jedoch erstmal nichts. Es war dunkel. Sehr dunkel. Sie wedelte mit der Hand vor ihren Augen, konnte ihre Hand jedoch nicht sehen. Aber als sie sich bewegte, raschelte es. Sie tastete neben sich. Sie schien sich in einem Bett aus Stroh oder Heu zu befinden. Warum befand sie sich in einem Bett? Wollte das Plot-Device diesmal nett zu ihr sein?

Hepkaale schüttelte den Kopf. So, wie sie das Plot-Device kannte, würde sie sich nur den Kopf stoßen, sobald sie versuchte sich aufzusetzen. Es lief ja immer so, dass sie, kaum das sie ein wenig entspannen konnte, wieder in ein haarsträubendes Abenteuer geschickt wurde.

Vorsichtig tastete sie mit ihren Händen über sich, fand jedoch nichts, woran sie sich den Kopf stoßen konnte. Vorsichtig setzte sie sich auf. Man konnte dem Plot-Device einfach nicht trauen, also war es besser, lieber vorsichtiger zu sein als sich den Kopf zu stoßen.

Sie lauschte, ob sie etwas hören konnte, aber außer ihrem eigenen Atem und dem Rascheln des Strohs war nichts zu hören. Wo war sie hier gelandet? Überall, wo sie bisher war, hatte sie wenigstens etwas hören können.

Als sie ihre Füße auf den Fußboden stelle, merkte sie, dass sie keine Schuhe und Socken an hatte. Zum Glück fühlte der Boden sich weich an. Ob es in diesem Raum Teppich gab? Sie tat einen Schritt nach vorne und stieß sich prompt die Zehen an etwas, das sich bei näherer Erkundung mit den Händen als kleiner Nachttisch entpuppte. Auf dem Tisch stand eine Kerze und daneben lag ein Feuerstein. Hepkaale zündete vorsichtig die Kerze an. Dann schaute sie sich um.

Sie stand in einem kleinen Raum mit felsigen Wänden und einer hölzernen Tür, die von Innen verriegelt war. Es gab das Bett, den Nachttisch, einen Stuhl und einen kleinen Schreibtisch mit zwei weiteren Kerzen sowie ein Regalbrett. Auf dem Brett lag ihre Kleidung. Wie nett vom Plot-Device, dass es ihr auf diese Reise Kleidung mitgegeben hatte, dachte sie. So musste sie dieses Abenteuer wenigstens nicht in Unterwäsche bestehen.

Als sie sich angezogen hatte, schob sie den Riegel auf und betrat einen von Fackeln erleuchteten Flur. Offensichtlich waren diese Räume in den massiven Fels gehauen worden. Ob zum Schutz von außen oder um hier Leute einzusperren, konnte sie nicht sagen. Nach links stieg der Gang sanft an. Wahrscheinlich war oben irgendwo ein Ausgang, vermutete sie.

Der Gang machte mehrere Biegungen und schließlich kam sie in einen größeren Raum, in dem mehrere Polstersessel standen. Hinter einem Tresen saß ein junger Mann, der recht gelangweilt aussah.

„Hallo! Ich bin Hepkaale!“

Der junge Mann schaute auf. „Ah, hallo! Du musst unser geheimnisvoller Gast aus Zimmer 134 sein.“

Hepkaale schaute den jungen Mann überrascht an. „Geheimnisvoll? Ich finde mich nicht geheimnisvoll. Findest du mich etwa geheimnisvoll?“

Der junge Mann schaute sie an. „Ja, schon – ähm – ich meine natürlich nein, du siehst ja ganz normal aus. Aber nicht langweilig normal natürlich. Denn schön bist du natürlich trotzdem…“

Hepkaale musste lächeln. Offensichtlich brachte ihn ihre Anwesenheit völlig aus dem Konzept. Dass es Leute verwirrte, wenn sie plötzlich auftauchte, war sie ja mittlerweile gewöhnt. Aber dass jemand so verwirrt ist, dass er ihr Komplimente machte, hatte sie noch nicht erlebt.

„Das macht mich geheimnisvoll?“

Der junge Mann schüttelte hilflos den Kopf. „Natürlich nicht. Aber bei der Schichtübergabe hieß es, dass jemand unbekanntes in Zimmer 134 schlafen würde und wir dich schlafen lassen sollten.“

„Das ist nett von euch.“

Der junge Mann lächelte sie an. „So läuft das bei uns.“

„Kannst du mir jetzt noch sagen, wo genau wir hier sind?“ Sie sah den überraschten Gesichtsausdruck ihres Gegenübers und fügte hinzu: „Von Zeit zu Zeit passiert mir sowas.“ Dann lächelte sie ihn an. „Siehst du, jetzt bin ich doch geheimnisvoll.“

Der junge Mann nickte. Dann sagte er: „Du bist hier auf der Insel Tenijeen im Hotel der Bergfeste.“

„Tenijeen… Hilft mir mal auf die Sprünge, wo Tenijeen liegt.“

„Tenijeen liegt vor der Nordküste Sma Azirks, ungefähr hundert Meter vom Festland entfernt. Eebeaad liegt ungefähr hundert Kilometer südlich von hier.“

„Eebeaad, die Stadt kenn ich, da war ich schon mal.“

„Hast du wirklich noch nie von der Bergfeste von Tenijeen gehört?“, fragte er neugierig.

Hepkaale schüttelte den Kopf. „Noch nie. Aber in Tirüplet erfahren wir nicht viel aus anderen Teilen der Welt.“

Der junge Mann beugte sich zu Hepkaale vor. „Ich dachte, jeder hätte schon mal davon gehört. Sie wurde zum Schutz vor den Drachen gebaut.“

Hepkaale schüttelte den Kopf. „Drachen gibt es doch gar nicht. Das waren doch Tiere von der Erde, die nicht nach Amel mitgenommen worden sind.“

„Ich meine die Seedrachen, die im nördlichen Ozean leben.“

Hepkaale schüttelt energisch den Kopf. „Jedes Kind weiß doch, dass Seedrachen nur Seemannsgarn sind.“

Er beugte sich noch weiter vor uns sprach nur ganz leise: „Es gibt sie wirklich. Sie haben schon mehrfach die Insel angegriffen. Warum sonst hätte man hier mit so viel Mühe die Bergfeste errichten sollen?“

„Aber doch nicht wegen Drachen.“

„Natürlich wegen der Drachen“, mischte sich jemand hinter ihr in das Gespräch ein.

Hepkaale drehte sich um. Ein älterer Mann kam auf sie zu. „Drachen sind der einzige Grund, warum Tenijeen überhaupt bewohnt ist, lass dir das gesagt sein, Mädchen.“

Hepkaale musterte den Mann. Er war alt und recht klein. Sein faltiges Gesicht war von einem langen, weißen Bart bedeckt. Sein Kopfhaar fehlte größtenteils, lediglich oberhalb der Ohren wuchsen noch einzelne weiße Büschel. Seine Kleidung sah alt und verbraucht aus, aber an der Seite steckte ein langes, glänzendes Schwert in seinem Gürtel.

„Ich weiß, wovon ich rede“, erklärte er, „denn ich bin ein Drachenjäger.“

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2 Antworten zu Hepkaale und der Drache

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