Hepkaale und der Alkoholmangel

hepkaale_headerJemand donnerte mit der Faust an die Tür.

„Hepkaale! Schnell! Mach auf, es ist dringend!“

Dann wurde wieder gegen die Tür gehämmert. Hepkaales Geschwister schienen sich über diese Abwechslung zu freuen, aber Hepkaale war nicht erfreut. Wie sollten sie jemals unter ihrer Aufsicht mit ihren Hausaufgaben fertig werden, wenn ständig jemand kam und sie unterbrach? Sahen die anderen nicht ein, wie wichtig es war, dass sie in der Schule etwas lernten?

Als das Hämmern an der Tür nicht aufhörte, stand Hepkaale auf und öffnete. Es war der Sohn des Bürgermeisters. Er sah aus, als wäre etwas sehr schreckliches passiert. Oder vielleicht mehr, als würde etwas sehr schreckliches demnächst passieren, dachte sich Hepkaale.

„Schnell, Hepkaale, du musst uns helfen. Ganz Tirüplet ist in Gefahr!“

„Warum ich?“ Das war eine Frage, über die Hepkaale schon öfter nachgedacht hatte. Warum kamen immer alle mit ihren Problemen zu ihr und lösten sie nicht selber? In anderen Orten, in denen sie nicht wohnte, konnten die Leute ihre Probleme doch auch selber lösen.

„Beeil dich!“, sagte der junge Mann stattdessen, ergriff ihre Hand und zog sie hinter sich her.

Als sie auf die Straße kamen, fluchte Hepkaale. Es regnete. Die halbe Straße war voller Pfützen und sie hatte weder einen Regenschirm noch wasserdichte Stiefel an. Sie hatte nicht einmal richtige Schuhe an sondern nur ihre Hauspantoffeln. Wie hätte sie auch ahnen können, dass sie entführt wurde, während sie darauf aufpasste, dass ihre jüngeren Geschwister ihre Hausaufgaben machten?

Als sie beim Haus des Bürgermeisters ankamen, war Hepkaale von oben bis unten nass. Sie hoffte nur, dass es wenigstens ein richtiger Notfall war und sie nicht gerufen worden war, weil die Katze des Bürgermeisters mal wieder unter einen Schrank gekrochen war und jetzt dort fest steckte.

Die Haushälterin des Bürgermeisters öffnete ihnen die Tür und als sie sah, wie nass Hepkaale war, reichte sie ihr ein trockenes Handtuch.

Hepkaale trocknete sich die nassen Haare ab. Als sie fertig war und sich umschaute, stand sie alleine im Flur. Sowohl der Sohn des Bürgermeisters als auch die Haushälterin hatten sie alleine gelassen. Hepkaale fragte sich, ob es in Wirklichkeit überhaupt kein Problem gab und sich heute nur alle gegen sie verschworen hatten, um einen schlechten Tag noch schlechter zu machen. Wahrscheinlich hatten ihre Geschwister in der Zwischenzeit schon die halbe Wohnung auf den Kopf gestellt, während sie hier sinnlos im Flur des Bürgermeisters stand.

Schließlich kam die Haushälterin wieder. Sie gab Hepkaale eine Tasse heißen, dampfenden Tee. „Hier, damit du dich aufwärmen kannst.“

Dankbar nahm Hepkaale sie an. Vorsichtig trank sie einen Schluck. Als sie gerade merkte, wie die Wärme ihren Magen erreichte, kam der Sohn des Bürgermeisters zurück, seinen Vater im Schlepptau.

„Hepkaale! Wie gut, dass du Zeit hast. Wir brauchen ganz dringend deine Hilfe.“

„Nun, dass ich Zeit habe, ist übertrieben…“, begann Hepkaale, doch der Bürgermeister unterbrach sie. „Ich weiß ja, dass du unserem Dorf sehr gerne hilfst und dir dafür die nötige Zeit nimmst, auch wenn du sie nicht hast. Und zwar haben wir folgendes Problem.“

Der Bürgermeister erzählte ihr, dass Tirüplet ja nur ein kleiner Ort sei und dass der Ort Zelekaah viel mächtiger sei. Daher müsse Tirüplet darauf achten, Zelekaah und insbesondere den zugegebenermaßen etwas arroganten Bürgermeister immer zufrieden zu stellen. Er erklärte lang und breit, was die Ursache für diese Probleme seiner Meinung nach war und warum man das nicht ändern konnte. Mehrfach musste Hepkaale ein Gähnen unterdrücken. Als ihre Teetasse leer war, stand die Haushälterin zum Glück schon mit der Kanne bereit, um Hepkaales Tasse nachzufüllen.

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis der Bürgermeister ihr erklärt hatte, dass der Bürgermeister von Zelekaah zu Besuch kam, auf Kohlbrand stand und dass es in Tirüplet keinen Kohlschnaps mehr gab.

„Du hast mich hierher zitiert, nur damit ich Kohlbrand besorge?“

Der Bürgermeister nickte. „Ich bin wirklich verzweifelt. Tirüplet ist der einzige Ort auf der Welt, wo Kohlschnaps gebrannt wird und er steht nun mal auf das Zeug.“

Hepkaale verzog angewidert das Gesicht. „Bei dem Geschmack von dem Zeug wundert es mich nicht, dass niemand sonst so verzweifelt ist, aus Kohl Schnaps herzustellen.“

Der Bürgermeister sah sie entrüstet an: „Aber Hepkaale. Du musst doch stolz auf die Erzeugnisse Tirüplets sein.“

Hepkaale schüttelte den Kopf. „Doch nicht auf Kohlbrand. Man sollte ihn verbieten.“

„Doch, Hepkaale, Kohlbrand ist für Tirüplet wichtig. Und genau deswegen wirst du uns welchen besorgen.“

„Aber woher? Wenn es in Tirüplet keinen Kohlbrand gibt, dass gibt es keinen.“

Jemand klopfte an der Tür und der Bürgermeister und Hepkaale waren abgelenkt. Die Haushälterin öffnete die Tür. Es war Sibüü, die vor der Tür stand.

„Was willst du hier?“, fragt Hepkaale überrascht.

„Mutter sagt, ich soll schauen, wo du abgeblieben bist.“

Hepkaale schaute ihre Schwester streng an. „Habt ihr ihr nicht gesagt, dass der Bürgermeister mich sprechen wollte?“

Sibüü nickte. „Das haben wir, aber sie wollte uns nicht glauben. Du sollst nach Hause kommen und Kartoffeln schälen.“

Hepkaale sah triumphierend zum Bürgermeister. „Da haben Sie es. Ich werde anderswo dringender gebraucht als bei ihnen. Wünsche noch einen schönen Tag!“

Hepkaale drehte sich um, ging zur Tür und schob Sibüü vor sich her in den Regen.

„Aber Hepkaale…“ rief ihr der Bürgermeister hinterher, doch sie reagierte nicht darauf.

Teil 2 findet ihr hier.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Geschichten, Sma Azirk abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Hepkaale und der Alkoholmangel

  1. 500woerterdiewoche schreibt:

    Aus Hepkaales Sicht ist das doch mal ein Happy End 😛

  2. Pingback: Results for week beginning 2017-01-16 | Iron Blogger Berlin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s