Die gefrorene Geschichte

Zemkani war frustriert. Sie hatte sich so viel Mühe mit ihrem Aufsatz gegeben und jetzt das. Warum war ihre Lehrerin Faheji nur so gemein? Wie konnte sie ihr auf ihren guten Text eine fünf geben? Sie war richtig sauer, so sauer, wie schon lange nicht mehr. Sie hatte drei Stunden an ihrem Text gearbeitet und jetzt sollte alles umsonst gewesen sein?

Sie hatte den Text extra auf Papier geschrieben und das in ihrer schönsten Schrift. Die Geshcichte hatte sie sich selber ausgedacht. Nicht realistisch genug. Sie verstand gar nicht, war ihrem Lehrer an Drachen nicht realistisch genug war. Es gab so viele Tiere auf der Erde, die nicht auf die Sejereh mitgenommen worden waren. Warum waren Drachen etwas anderes als Seekühe? Warum war Bakaras Geschichte über Seekühe realistisch aber ihre über Drachen nicht?

Zemkani ging durch das Raumschiff. Sie hatte keine Lust, mit ihrer schlechten Note nach Hause zu gehen. Sie hatte jetzt Lust, irgendwo etwas kaputt zu machen. Warum durfte man über Schnabeltiere und Seekühe einen realistischen Text schreiben aber nicht über Drachen? Woher wusste ihre Lehrerin bitteschön, dass es auf der Erde keine Drachen gab? Es gab so viele Geschichten über sie. Wie konnten die alle erfunden sein?

Zemkani kam an einer Luftschleuse vorbei. Ein Luftschleuse, dachte sie, das war genau das Richtige für ihre Geschichte. Sie öffnete die innere Tür der Luftschleuse und pfefferte ihr geknülltes Blatt Papier in eine Ecke, wo es keiner sah. Wenn die Schleuse das nächste Mal benutzt wurde, würde ihre Geschichte in den Weltraum fliegen und dort für alle Ewigkeit im Raum zwischen den Sternen treiben.

Zemkani schloss die Tür mit Schwung und ging dann nach Hause. Sie fand, dass sie ihre schlechte Note auf sehr elegante Weise losgeworden war.

***

Sechzig Jahre später…

Raza und Bazuk hatten Dienst in der Kontrollstation, als ihr Sensor ein kleines Objekt entdeckte. Sie ließen den Computer die voraussichtliche Bahn analysieren. Sekunden später kam die Entwarnung, das Objekt war nicht auf einem Kollisionskurs mit der Sejereh. Dann teilte der Computer ihnen mit, dass das Objekt zu leicht war, um einen Schaden anzurichten, selbst wenn es mit dem Raumschiff kollidiert wäre.

Eine genauere Analyse ergab, dass das Objekt auf einer Bahn unterwegs war, die fast vollständig mit der der Sejereh überein stimmte. In ein paar Tagen würde es sich bis auf drei Kilometer an das Raumschiff annähern und sich dann langsam wieder entfernen.

„Was meinst du“, fragte Raza Bazuk. „Sollten wir versuchen, es einzufangen?“

Bazuk überlegte kurz und nickte dann. „Das wäre eine gute Übung. Kasol und Sarina brauchen mal wieder ein wenig Übung im Weltraum.“

„Dann sag ich ihnen Bescheid, dass sie sich darauf vorbereiten können.“

Bazuk brummte zustimmend. „Mach das. Ich lasse den Computer das Objekt überwachen und die Bahn genauer bestimmen.“

Raza verließ die Kontrollstation, um Kasol und Sarina zu suchen. Als leitende Wissenschaftlerin dieses Jahr konnte sie so etwas machen. Jemand anders hätte sich danach vor ihr rechtfertigen müssen, aber als Chefin musste sie das nicht.

***

Sechs Tage später…

Kasol und Sarina schwebten im Weltraum. Sie hatten ein riesiges Netz dabei, mit dem sie das Objekt einfangen wollten. Kasol hatte sich die Daten zur Flugbahn des Objekts angeschaut. Es bewegte sich im Vergleich zum Raumschiff nur mit wenigen Metern pro Minute, sie müssten also nur hinfliegen und es einsammeln.

Normalerweise waren solche Objekte sehr viel schneller unterwegs und es war immer sehr hektisch, sie im richtigen Moment einzufangen. Diesmal hatten sie eine ganze Woche zur Vorbereitung gehabt. So war es viel entspannter, auch wenn die Raumanzüge trotzdem noch klobig und schwefällig waren.

Immer wieder glich Kasol ihre Flugbahn mit der vorberechneten ab. Sie waren perfekt auf Kurs. Zwei Stunden brauchten sie die drei Kilometer bis zum Rendevous-Punkt. Dort konnten sie das Objekt einfangen und anschließend über Funk die Sejereh kontaktieren, damit sie das Seil, dass sie mit dem Schiff verband, wieder einholten. Sobald sie dann zurück im Raumschiff waren, wäre ihre Mission beendet. Dann konnten die Wissenschaftler an Bord es untersuchen und anschließend dem Rohstoffkreislauf der Sejereh hinzufügen.

Kleine Objekte einzufangen war zwar ungefährlicher als bei größeren, aber Kasol wusste aus Erfahrung, dass sie auch viel schwerer zu finden waren. Der Weltraum war groß, da konnte man ein kleines Objekt leicht übersehen.

Kurz vor dem Rendevous aktivierte er den Radar seines Anzugs. Er sah, dass das Objekt nur noch wenige Meter von ihnen entfernt war. Er schaute in die Richtung, die der Radar ihm wies und versuchte, es mit eigenen Augen zu entdecken.

„Das vorne!“, sagte Sarina. „Da ist es, der helle Punkt.“

Jetzt sah auch Kasol es. Als er seine Helmlampe auf das Objekt richtete, sah er, dass es ziemlich hell, fast weiß war. Es war ungefähr faustgroß. So einen Asteroiden hatte er noch nie gesehen. Er und Sarina breiteten das Netz aus und zwei Minuten später hatten sie es eingefangen und gaben das Signal zur Rückkehr.

***

Fünf Stunden später…

„Kasol, Sarina, kommt mal rein“, rief Raza, als die beiden vor der offenen Labortür vorbeigingen. Sie hatte die letzten zwei Stunden mit dem Objekt verbracht, dass die beiden jungen Erwachsenen vor ein paar Stunden eingesammelt hatten.

„Schaut euch das an“, sagte sie, als die beiden ihr über die Schulter schauten. „Es ist ein Blatt Papier, das ihr eingesammelt habt.“

„Ein Blatt Papier?“

Raza nickte. „Jemand muss es aus der Schleuse geworfen haben und so ist es uns die letzten Jahre auf unser Bahn gefolgt.“

Kasol und Sarina waren überrascht. „Es stammt von der Sejereh?“, frage Kasol.

„Ich dachte, man darf kein Material in den Weltraum werfen“, wandte Sarina ein.

„Darf man nicht. Aber das heißt nicht, dass es nicht trotzdem von Zeit zu Zeit passiert.“

Raza drehte das Blatt vorsichtig um. „Es scheint eine Geschichte zu sein. Schaut mal, hier steht auch drauf, wer es geschrieben hat.“

„Aufsatz über Tiere von der Erde von Zemkani.“

„Zemkani? Die Zemkani aus Modul Gamma zwei?“

Raza zuckte mit den Achseln. „Keine Ahnung. Das finden wir nur raus, wenn wir sie fragen.“

Raza packte das Papier in eine durchsichtige Folie und dann ging sie zusammen mit Kasol und Sarina in Modul Gamma zwei.

„Hallo Zemkani“, begrüßte Raza die alte Frau.

„Hallo Raza, hallo Kasol und Sarina. Was verschafft mir die Ehre?“

Raza lächelte Zemkani an. „Wir haben etwas wiedergefunden, das vielleicht von dir ist.“

Sie gab Zemkani die Folie mit dem Zettel. Zemkani holte ihre Lesebrille raus und setzte sie auf. Dann schaute sie sich den Zettel an und ihre Augen wurden immer größer.

„Mein Gott!“, sagte sie. „Wo habt ihr das denn gefunden?“

„Ist es von dir?“, fragte Sarina ungeduldig.

Zemkani nickte. „Das ist ein Schulaufsatz, den ich in der zweiten Klasse schreiben musste. Ich habe mich ziemlich darüber aufgeregt, weil ich eine fünf darauf bekommen habe. Seit dem habe ich ihn nicht mehr gesehen. Wie kommt er zu euch?“

„Wir haben ihn im Weltraum eingesammelt…“

„Im Weltraum?“ Zemkani sah sie verwirrt an. Dann schien ihr etwas einzufallen und sie sagte: „Natürlich. Die Luftschleuse!“

Die anderen sahen sie verwirrt an. „Ich hatte es ganz vergessen. Ich hatte mich so über meine schlechte Note geärgert, dass ich die Geschichte zusammengeknüllt und in die Luftschleuse geworfen habe.“

Raza nickte. „Das erklärt, warum er im Weltraum gelandet ist. Dort sind deine Wort dann von der Kälte des Alls konserviert worden. Irgendwie müssen sie auf eine Umlaufbahn um die Sejereh gelangt sein.“

„Eine Umlaufbahn… Ich dachte damals, dass ich die Geschichte ein für alle Mal loswerde.“

Raza lachte. „So kann es gehen. Manchmal holt einen die Vergangenheit unverhofft wieder ein.“

Zemkani lachte auch. Sie las die Geschichte und stellte fest, dass sie ga rnicht so schlecht war, wie ihrer Lehrerin behauptet hatte. Vielleicht würde sie die Drachen-Geschichte eines Tages den Kindern auf der Sejereh vorlesen.

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2 Antworten zu Die gefrorene Geschichte

  1. 500woerterdiewoche schreibt:

    🙂

    Richtig lustig wäre es noch gewesen, wenn Zemkani inzwischen Schriftstellerin wäre.

    Oder Biologin 😉

  2. Pingback: Results for week beginning 2016-12-05 | Iron Blogger Berlin

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