Jadras lange Reise – letzter Teil

Teil 1, Teil 5

Es dauerte zwei weitere Tage, bis Saj in Sicht kam. Schon aus großer Entfernung konnte Jadra die Rauchsäule sehen, die laut Ari immer über der Stadt aufstieg. Als sie näher kamen, sah sie, dass ein großer Teil der Seeufer gerodet worden war und dass sich nun viele kleine Orte und Gehöfte an ihm erstreckten.

Während die Mitur in einiger Entfernung vom Ufer in östlicher Richtung unterwegs war, hatte sie den Eindruck, dass die Siedlungen immer dichter wurden. Die Häuser wurden prächtiger, die Waldstücke zwischen den Häusern kleiner und es waren mehr Boote am Ufer vertäut.

Dann kam die eigentliche Stadt in Sicht, Lagerhäuser, Fabriken, Wohnhäuser, repräsentative Bauten und Hafenanlagen zogen an ihnen vorüber und für Jadra war es, als hätte diese Stadt einfach kein Ende. Eukab war ihr schon riesig vorgekommen, aber Saj war mindestens noch zehnmal größer. Die Häuser standen enger und hatten mehr Stockwerke. An den Hängen der flachen Hügel erstreckte sich die Stadt, soweit ihr Auge reichte. Überall waren geschäftige Menschen zu sehen und noch viel mehr Schiffe als in Eukab waren auf dem Wasser unterwegs.

Mit großen Augen stand Jadra an der Reling und schaute sich alles an. Sie wusste nicht, ob und wann sie jemals wieder hierher kommen würde, daher wollte sie sich alles möglichst genau merken. Wenn sie älter war, würde sie ihren Kindern davon erzählen, und sicherlich würde das eine oder andere von ihnen mal nach Saj kommen, um die Großeltern zu besuchen. Aber bis dahin würde noch einige Zeit vergehen, das war klar.

Schließlich waren sie im Hafen angekommen und legten an einem freien Stück Kaimauer an. Jadra war fasziniert davon, wie zielgenau Mafyar und Ari ihr Schiff steuern konnten, es passte genau in die Lücke, vorne und hinten höchsten einen Meter bis zum nächsten dort vertäuten Schiff.

„Dort hinten“, sagte Mafyar, „immer die Straße entlang. Da ist ein Büro, in dem man als Neuankömmling in Saj Informationen bekommt. Wahrscheinlich möchtest du dort als erstes hin. Da gibt es dann auch Stadtpläne und Informationen zu Herbergen und allem, was man sonst noch so über die Stadt wissen muss.“

„Und wenn du Abends mal Lust auf ein Bier hast“, sagte Ari Hadad mit einem Zwinkern, „ich werde die nächsten zwei Tage im Plankeneimer in der Helogjedviler Straße verbringen.“

„Vielen Dank. Es war eine schöne Fahrt mit euch.“

Dann holte sie sich ihren Esel und ging an Land.

Auf dem Weg zur Information musste sie sich durch die Menschenmenge hindurch schlängeln, etwas, das ihr am Anfang schwer viel, weil sie es nicht kannte. Aber als sie darauf achtete, wie die Einheimischen sich durch die Menge bewegten, fiel es ihr einfacher.

Das Informationszentrum von Saj war noch eindrucksvoller als das Verkehrsamt von Eukab. Große Säulen, Fahnen in vielen Farben – sie konnte sogar die von Patarsmark erkennen – und mehrere Etagen, die Balkone hatten, von denen aus man bestimmt über den See schauen konnte. Es gab mehrere Eingänge, die jeweils beschriftet waren. Einer führte zum Verkehrsamt, einer zu Übernachtungs- und Verpflegungsinformationen und einer für Handelsreisende. Ein vierter Eingang war mit „Allgemeinische Informationen“ beschriftet.

In der Empfangshalle war es nach dem Trubel am Hafen überraschend ruhig. Die Leute, die sich über den teuer aussehenden Fußboden bewegten, taten dies mit einer ruhigen Eleganz, die Jadra beeindruckte. Hier war es offensichtlich nicht notwendig, laut zu sein, es reichte aus, dass man da war.

Jadra ging zu einem der Schalter, an dem nur eine kurze Schlange stand. Schon nach kurzer Zeit war sie dran.

„Ich würde gerne wissen, wie ich zu Zahada Nuktah Nummer 27 komme.“

„Zahada Nuktah? Darf ich fragen, zu wem Sie dort möchten?“

„Zu Bistuno Tadjer, warum fragen Sie?“

„Weil wir gebeten wurden, auf eine Jadra aus Takutapah zu achten.“

„Warum sollen Sie auf mich achten?“

„Sie sind Jadra aus Takutapah?“

„Ja, die bin ich.“

„Das Haus Tadjer wollte informiert werden, sobald sie hier ankommen, um sie hier am Hafen abholen zu lassen.“

Jadra schaute den Mann am Schalter ungläubig an. „Mich abholen lassen? Warum?“

„Wenn Sie das nicht wissen… Ich weiß es nicht. Es wurde mir nur vor drei Wochen aufgetragen, nach Ihnen Ausschau zu halten. Wir alle haben diese Anweisung bekommen.“

„Aber warum?“

Der Mann lächelte. „Die Tadjers sind eine sehr angesehene Familie hier in Saj. Wenn das Oberhaupt der Tadjers etwas wünscht, dann achten die meisten Leute darauf, ihm nicht zu widersprechen und auf ihn zu hören. Wahrscheinlich hielt man es für angemessen, dass Sie abgeholt werden. Wenn sie mitkommen, können Sie im Warteraum hinten warten.“

Jadra nickte und der Mann führte sie einen Gang entlang in einen Raum, in dem bequem aussehende Bänke standen.

„Und Sie gehen jetzt zu den Tadjers und sagen Bescheid, dass ich hier bin?“

Der Mann lachte. „Nein, nein, ich schicke ihnen eine Rohrpost. Dann wissen sie in zehn Minuten Bescheid und dann wird in einer halben Stunde jemand hier sein, der Sie abholt. Warten Sie einfach hier.“

Jadra nickte und setzte sich. Sie hatte sich ja viel vorgestellt, wie ihre Ankunft in Saj werden würde, aber mit sowas hätte sie nicht gerechnet. Sei hatte keine Ahnung, was eine Rohrpost war, aber offensichtlich diente sie dazu, Leute zu informieren.

Dann würde eine Kutsche kommen und sie abholen. Sie war zuletzt mit einer Kutsche gefahren, als sie sechzehn war. Jetzt würde eine Kutsche extra losgeschickt, um sie abzuholen. Ob die dann auch ihren Esel, den sie vor dem Amt an der dafür vorgesehenen Stange angebunden hatte, mitnehmen würden?

Die Wartezeit war überraschend schnell vorbei und ein Mann in einem eleganten, roten Anzug trat ein und fragte sie nach ihrem Namen.

„Willkommen in Saj, Jadra. Bistuno Tadjer schickt mich, sie zu ihm zu geleiten. Wenn Sie bitte mitkommen würden.“

„Gerne“, sagte Jadra. „Aber mein Esel muss auch mit. Ich habe ihn vor dem Haus angebunden.“

„Selbstverständlich. Ein Diener wird sich darum kümmern.“

Dann führte der Mann sie durch einen langen Gang zu einem Hinterausgang. Als Jadra die Kutsche sah, klappte ihr der Mund auf. Die Kutsche war aus schwarzem Holz mit roten und blauen Verzierungen gebaut, vorne an den Seiten flatterten Wimpel im Wind und oben drauf saßen zwei Kutscher. Ein Diener stellte eine Leiter vor den Eingang der Kutsche, damit Jadra bequemer einsteigen konnte.

Die Kutsche wurde von sechs wunderschönen, schwarzen Pferden gezogen, in deren Mähne rote Bänder flatterten. Jadra hatte noch nie so eine schöne Kutsche gesehen. Sie hatte sich nicht einmal vorstellen können, das es irgendwo so etwas schönes geben könnte.

Einer der Diener hielt ihr seine Hand hin, um ihr beim Einsteigen behilflich zu sein, und kurz darauf kam ein anderer Diener um die Hausecke und brachte ihren Esel mit. Das Gepäck wurde auf das Dach der Kutsche verladen und einer der Diener nahm den Esel am Zügel und ging los.

Jadra stieg in die Kutsche ein. Die Sitzbänke waren mit einem dicken, roten Polster versehen, das unglaublich weich war. Der Mann in dem eleganten, roten Anzug stieg zu ihr in die Kutsche und fragte sie, ob alles in Ordnung sei. Jadra bejahte, und dann ging die Fahrt auch schon los.

Jadra war so damit beschäftigt, die prächtige Kutsche zu bewundern, dass sie kaum etwas von der Stadt mitbekam. Dann hielt die Kutsche an und ihre Tür wurde geöffnet. Jadra stieg aus, und dann sah sie auch schon Bistuno, der aus dem Haus gelaufen kam. Sie rannte ihm entgegen und sie umarmten sich stürmisch.

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