Jadras lange Reise – fünfter Teil

Teil 1, Teil 4

Zwei Tage später kamen sie durch Abyad Saj, wo der Uasabi in den Ramadey Budeyrah, den größten See des ganzen Planeten, mündete. Am Ufer dieses Sees lag die Stadt Saj, in der Bistuno sie erwartete. Das war also der letzte Teil ihrer langen Reise, dann endlich würde sie bei ihrem Mann sein, seine Familie kennen lernen und ihn dann mit nach Takutaph nehmen. So schön es auch war, so eine lange Reise machen zu können, so freute sie sich mittlerweile doch langsam darauf, nach Hause zurückzukehren und wieder in ihrem eigenen Bett zu schlafen.

Sie würde natürlich noch die Rückreise vor sich haben, aber auf der wären sie zu zweit, das wäre sicherlich weniger langweilig. Außerdem würden sie vielleicht ein Stück zusammen mit einer Karawane reisen. Bistuno hatte in seinem letzten Brief so etwas angedeutet.

Manche ihrer Freundinnen hatten angedeutet, dass es verrückt wäre, in eine zweitausend Kilometer entfernte Stadt zu reisen, nur um dort seinen Mann abzuholen, aber Jadra war sich sicher, dass Bistuno den Aufwand wert war.

Sie musste beim Anblick des Sees daran denken, wie sie ihn kennen gelernt hatte. Es war in Pantarsmak gewesen. Sie war mit ihren Eltern dort auf dem Markt, um Waren zu verkaufen. Bistunos Eltern waren wohlhabende Händler aus Saj, die ihren Sohn zum ersten Mal an die tagwärtige Küste mitgenommen hatten.

Jadra und Bistuno waren bei noch jung gewesen, sie vierzehn und er sechzehn Jahre alt. Sie hatten sich am Stand ihrer Eltern kennen gelernt, als seine Eltern mit ihren um den Preis für Hochzeitskleider stritten. Sie hatte ihn den ganzen Abend damit aufgezogen, dass seine Eltern bis ans tagwärtige Meer reisten, nur um dort über den Preis für Hochzeitskleider zu diskutieren, die noch nicht einmal hergestellt waren. Am Ende hatten sich die Eltern geeinigt und es war für takutapahsche Verhältnisse ein ansehnlicher Betrag als Vorschuss geflossen, während sie und Bistuno sich näher kamen.

Ein Jahr später waren seine Eltern wieder nach Takutapah gereist und hatten die fertigen Kleider, aus feinster Wollmuschelseide gefertigt, abgeholt und einen weiteren ansehnlichen Betrag bezahlt. Die drei Tage, die Bistuno mit seiner Familie in Takutapah war, waren die schönsten und intensivsten in Jadras Leben. Ab dieser Zeit schrieben sie sich regelmäßig Briefe und wann immer er in der Gegend war, besuchte Bistuno Jadra.

Jadra lächelte. Die Zeit mit Bistuno war immer wundervoll, aber auch viel zu kurz gewesen. Aber das würde sich jetzt ändern. Seine Eltern wollten ein Handelskontor an der Tagwärtigen Küste eröffnen, und er hatte es geschafft, seine Eltern zu überreden, dass er dieses leiten würde. Seinen Briefen entnahm Jadra, dass seinen Eltern sofort klar war, dass er das wegen ihr machen wollte, und so stellten sie die Bedingung, dass sie nach Saj kommen und ihn abholen solle, damit sie die gesamte Familie kennen lernen konnte.

Jadra war ein wenig nervös, wie seine Familie wohl war. Seine Eltern waren ganz nett, aber soweit sie es verstanden hatte, handelte es sich um eine recht große Familie mit vielen Onkels und Tanten und Großeltern und so weiter, die noch dazu zu den reichsten Familien in Saj und wahrscheinlich auf dem ganzen Kontinent gehörte.

Bistuno hatte ihr als Vorbereitung viel über die einzelnen Personen geschrieben, aber sie konnte sich nicht alles merken, dafür war es zu viel. Wahrscheinlich waren reiche Familien immer weit verzweigt und hielten eng zusammen. Jadra vermutete, dass ihnen das half, um weiterhin eine reiche Familie zu bleiben.

Zum Glück war Bistuno sehr bodenständig. Er hatte sich immer darüber beklagt, dass er so viel Kaufmännisches lernen musste und so wenig Zeit hatte, sich mit handwerklichen Sachen, die ihm viel mehr Spaß machten, zu beschäftigen. In Takutapah würde er dafür hoffentlich mehr Zeit haben.

Für Jadras Familie war ihre Beziehung mit Bistuno ein Glücksfall, denn, so hatte er es erklärt, es konnte ja nicht sein, dass er eine Frau aus einer armen Familie hätte. Also wurden die Hochzeitskleider aus Wollmuschelseide, die ihre Eltern jedes Jahr nach Saj lieferten, als etwas sehr besonderes vermarktet und zu einem entsprechenden Preis verkauft. Und da es in der Familie blieb, sorgten seine Eltern dafür, dass bei ihren Eltern genug Geld ankam.

Jadra schaute über den See. Die Wellen waren hier viel kleiner als am Meer, und dem Ufer sah man an, dass es hier auch kein Ebbe und Flut gab, der Schilf am Ufer reichte bis ins Wasser. Wenn sie nach links schaute, dann was das Ufer in der Ferne kaum noch zu erkennen, und es würde sicherlich nicht lange dauern, bis es komplett aus ihrem Blick verschwunden war.

Jadra hatte nicht erwartet, dass der See so groß war. Sie wusste zwar aus der Schule die Abmessungen des Ramadey Budeyrah, aber den See mit eigenen Augen zu sehen, war etwas ganz anderes.

Im Gegensatz zum tagwärtigen Meer schien hier tatsächlich öfter die Sonne, und das Blau, dass die Wasserfläche dann annahm, war phänomenal. Er jetzt wurde ihr so richtig klar, warum dieser See der Blaue See genannt wurde. Diese Farbe war etwas ganz anderes als das grau oder grün des tagwärtigen Meeres.

Mit so einem blauen See, an dessen Ufer die Stadt errichtet worden war, musste Saj einfach eine wunderschöne Stadt sein, wie konnte es anders sein? Und dieses Wasser würde Bistuno für sie aufgeben, um unter den fast ewigen Wolken der tagwärtigen Küste zu leben.

Hoffentlich würde sie bei seiner Familie einen guten Eindruck hinterlassen. Hoffentlich würden sie die Geschenke, Meeresäpfelmarmelade, Wollmuschelhandtücher und das beste Stück, die Schachtel mit der Erde und dem Regenwurm, der Fruchtbarkeit und Reichtum symbolisierte, zu schätzen wissen.

Auf den Regenwurm war sie besonders stolz, denn es war ein langes Exemplar, dass sie selber in ihrem Garten ausgegraben hatte. Wo immer Regenwürmer gediehen, da würden auch die Menschen gedeihen und in Reichtum leben. Für ihre Familie war das der Fall. Vor acht Jahren hatten sie die ersten Regenwürmer in ihrem Garten ausgesetzt. Sie hatten sich wunderbar vermehrt und dafür gesorgt, dass bei ihnen das Gemüse sehr viel besser wuchs als bei den Nachbarn.

Im Lauf der Jahre hatten sich die Regenwürmer im ganzen Dorf ausgebreitet, aber im Garten ihrer Eltern gab es noch immer die dicksten und größten. So gesehen passte es gut, dass sie Bistuno heiraten würde. Dann würden sich die Regenwürmer noch mehr ausbreiten und für Fruchtbarkeit in ihrer Familie sorgen.

Den sechsten Teil findet ihr ihn hier.

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Geschichten, Khesib abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Jadras lange Reise – fünfter Teil

  1. Pingback: Results for week beginning 2016-11-14 | Iron Blogger Berlin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.