Jadras lange Reise – dritter Teil

Teil 1, Teil 2

Zwanzig Minuten später, nachdem sie ihren Esel in einem Mietstall abgegeben hatte, stand Jadra am Stadthafen von Eukab. An dem langen Kai lagen mehr Schiffe, als sie in Pantarsmak oder den anderen Häfen am tagwärtigen Meer jemals gesehen hatte. Dort gab es nur Fischerboote und gelegentlich mal ein Handelsschiff, doch hier am Uasabi waren es unzählige Schiffe, und auf allen passierte etwas. Waren wurden entladen oder die Schiffe nahmen neue Waren auf. Matrosen und Fischer arbeiteten auf den Schiffen und unzählige Leute liefen dazwischen herum. Mit einem großen Kran, der von mehreren Ochsen bewegt wurde, wurden große Bündel Waren auf ein großes Schiff geladen. Jadra konnte mindestens drei Etagen zählen. Nie hatte sie gedacht, dass es so große Schiffe geben könnte.

Das gesamte Flussufer war befestigt und wimmelte vor Leben. Jadra schaute an einer Stelle des Kais, an dem gerade kein Schiff lag, über den Fluss hinweg. Das andere Ufer, an dem sich weitere Teile der Stadt erstreckten, war ebenfalls befestigt und auch dort wurden Schiffe be- und entladen.

Jadra fragte sich, wie sie herausfinden sollte, welche dieser Schiffe nach Saj unterwegs waren und welches sie mitnehmen könnte? Sollte sie einfach von Schiff zu Schiff gehen und fragen? Oder gab es hier einen Trick, wie Schiffe und Passagiere zueinander fanden? Als sie weiter am Kai entlang ging, fand sie ein Schild, dass den Weg zur Verkehrsbörse wies. Dort würde man ihr sicher weiterhelfen können.

Zehn Minuten später stand Jadra von dem hölzernen Gebäude, in dem die Verkehrsbörse war. Menschen kamen aus dem Gebäude und andere gingen hinein. Ob sie auch einfach reingehen sollte?

Die Eingangshalle war der größte Raum, den Jadra jemals gesehen hatte. Er war bestimmt zehn Meter hoch und midestens doppelt so breit und wahrscheinlich fünfzig Meter oder mehr lang. In der Mitte standen Tafeln, die von Leute angeschaut wurden. An den Seiten gab es Schalter, vor denen Schlangen standen. Mehrere Schalter waren unbesetzt, aber ungefähr die Hälfte war geöffnet.

Im hinteren Bereich gab es ein Podest, auf dem jemand stand und zu einer Menschenmenge vor ihm sprach. Jadra konnte nicht verstehen, was er rief, aber es schien ihr, als würde es sich um eine Auktion oder ähnliches handeln.

Rechts von ihr gab es einen Schalter, der mit „Information“ betitelt war. Da die Schlange vor dem Informationsschalter nicht lang war, stellte Jadra sich dort an und war zwei Minuten später an der Reihe.

„Ich komme aus Takutapah und möchte nach Saj reisen. Ich war noch hier hier und weiß nicht, wie ich ein Schiff finde, das mich mitnimmt.“

Die Frau hinter dem Schalter lächelte Jadra an. „Willkommen in Eukab am Uasabi. Du hast Glück, denn heute ist Markttag und es sind besonders viele Schiffe in der Stadt. Um mit einem Schiff nach Saj zu reisen, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Alle drei Tage fährt ein Personenschiff, das extra dafür ausgelegt ist, Passagiere den Uasabi entlang mitzunehmen. Dort gibt es Einzel- und Mehrpersonenkabinen, teilweise mit eigenem Bad und teilweise mit Gemeinschaftsbad, je nach Preisklasse. Das nächste Personenschiff fährt morgen Richtung Saj, ist jedoch schon ausgebucht. In vier Tagen fährt das nächste.“

Jadra nickte. Sie hatte nicht damit rechnen können, dass jederzeit Schiffe nach Saj fuhren, und ein Schiff alle drei Tage war sehr luxuriös verglichen mit dem Tagwärtigen Meer, wo der Händler ungefähr einmal im Monat vorbei kam.

„Wenn dir das zu spät ist oder die Fahrt zu teuer, dann kannst du auch auf einem Frachtschiff mitfahren. Dort gibt es weniger Luxus, aber dafür ist es auch billiger. An der anderen Seite der Halle die vier linken Schalter sind für die Personenschifffahrt und die beiden rechts daneben sind für Kabinen auf Frachtschiffen. Oder du schaust auf den Tafeln in der Mitte, dort werden Kabinen auf unabhängigen Schiffe angeboten, das ist am billigsten.“

Jadra überlegte, ob sie lieber auf das Passagierschiff warten sollte oder ob es besser wäre, eines der Frachtschiffe zu nehmen. Sie bedankte sich bei der Information und ging zu den Tafeln, um zu schauen, was dort angeboten wurde. Sie war nicht die einzige, die sich hier umschaute. Ein junger Mann mit sehr hellen Haar und ebenso heller Haut, der neben einer der Tafeln stand, fiel ihr besonders auf. Sie hatte bisher noch nie jemanden mit so hellem Haar und Haut gesehen und konnte ihren Blick nicht abwenden.

„Hallo, junge Frau“, sagte er, als ihre Blicke sich trafen.

„Hallo!“, antwortete Jadra, unsicher, was von ihr erwartet wurde.

„Ich bin Ari Hadad“, sagte er und verbeugte sich leicht vor ihr.

„Mein Name ist Jadra und ich suche ein Schiff nach Saj.“

„Nach Saj, die Metropole unter der leuchtenden Sonne.“ Er lachte, doch es klang gutmütig, fand Jadra. „Wäre ich dort nicht schon so oft gewesen, dann wäre die Stadt auch mein erstes Ziel.“

„Wie ist es dort?“

„Großartig“, lachte er. „Viele Menschen, ein tolles Nachtleben und viel von allem. Nach Alewalla und Wasabi Fim die beste Stadt des Planeten, finde ich.“ Dann fügte er noch hinzu: „Ich fünf Tagen werden wir dort sein und ich werde die Nacht im Plankeneimer verbringen und die Zivilisation genießen.“

„Du fährst auch nach Saj?“

„Ich kommandiere die Mitur und wir transportieren Getreide und Kieswurzeln nach Timatim. Und unser nächster Zwischenstopp ist Saj.“

„Mitur? Dein Schiff heißt Regen?“

Ari lachte. „In Timatim, wo ich herkomme, regnet es nur selten. Ich dachte, wenn ich mein Schiff Regen nenne, dann regnet es dort vielleicht öfter. Tja, und jetzt bin ich hier, und es vergehen kaum mal zwei Stunden, in denen es nicht regnet. So einfach gehen Wünsche manchmal in Erfüllung.“

Jadra lächelte. Sie hatte das Gefühl, dass Ari etwas verrückt war, aber wahrscheinlich würde eine Reise auf seinem Schiff lustig werden. Sie fragte ihn, was es kosten sollte und wie die Kabine für Passagiere beschaffen war. Als beides für sie vernünftig klang – die Reise war deutlich billiger, als sie gedacht hatte – nahm sie Aris Angebot an.

Wie ihre Schiffahrt mit diesem Ari Hadad verlief, erfahrt ihr, sobald ich es geschreiben habe.

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