Jadras lange Reise – Erster Teil

Jadra war auf dem Weg nach Saj, um endlich ihren Freund Bistuno abzuholen, damit sie heiraten konnte. Der Weg führte sie über die Ebene von Halka, die von den Bewohnern Dafah Mawapa genannt wurde und die sich endlos vor ihr erstreckte. Wie so oft hingen dichte Wolken am Himmel und zogen in nachtwärtiger Richtung, aber es regnete nicht.

Sie hatte einen großen Rucksack mit Vorräten dabei. An einem Seil führte sie einen Esel, der Waren trug, die sie bei der Gelegenheit in Saj verkaufen wollte, Samen von exotischen Pflanzen, lokale Spezialitäten aus Takutapah, Handelsgüter von der Tagwärtigen Küste. Takutapah war ihr Heimatort. Auf Deutsch würde der Ortsname Kreuzning heißen, da sich in ihm zwei wichtige Wege kreuzten.

Beständiger Wind wehte aus tagwärtiger Richtung über die Ebene, immer von Rechts gegen Jadra und ihren Esel. Wenn sie zusammen mit Bistuno auf dem Rückweg wäre, würde der Wind noch immer aus tagwärtiger Richtung wehen, dann gegen ihre linke Seite. Aber dann wäre Bistuno bei ihr, dann wäre die wochenlange Reise sehr viel weniger langweilig.

Jadra kam über eine Kuppe und konnte in die Ferne schauen. In einem Gestrüpp rechts von ihr raschelte etwas, und dann kam ein Stelzerhuhn aus dem Gebüsch und hüpfte so schnell er konnte über den Weg. Nur wenige Sekunden später kam eine schwarze Katze hinter ihm her und verfolgte ihn.

Jadra lächelte. Wenn es hier eine Katze gab, dann musste es in der Nähe Menschen geben. Das war gut, denn sie hatte Hunger und freute sich auf eine warme Suppe oder etwas anderes als Mittagessen. Sie schaute in die Ferne und versuchte zu erkennen, ob sie den Ort schon sehen konnte. Stieg dort hinten eine Rauchwolke auf? Sie war sich nicht sicher, aber es könnte sein. Spätestens in einer Stunde würde sie mehr wissen.

Das Haus stand etwas Abseits des Weges, vielleicht fünfhundert Meter oder mehr. Jadra bog auf den Pfad, der zu dem Haus führte, ab, und ein paar Minuten später stand sie vor Tor zu dem Hof. Das Haupthaus war aus rohen Stämmen gezimmert, rechts und links davon gab es Ställe und ein Zaun umgab das ganze Gelände. Am Tor zu einem der Ställe hin an der Türklinke eine tote Ratte und baumelte im Wind. Hier also auch. Jadra fragte sich noch immer, wie die Ratten es geschafft hatten, sich auf das Landeschiff zu schleichen und auf Amel zu landen, aber irgendwie war es ihnen gelungen. Überall, wo Menschen hinkamen, kamen auch die Ratten hin.

„Hallo!“, rief sie und ging auf das Haupthaus zu. Als sie fast die Tür erreicht hatte, öffnete eine ältere Frau die Tür.

„Ich bin Jadra und auf der Reise nach Saj.“

„Hallo Jadra. Willkommen in Farmasar.“

Jadra lächelte. Farmasar, also Rattenfelde, war sicherlich ein treffender Name.

„Möchtest du zum Essen einkehren?“, fragte die Frau sie.

Jadra nickte. Es war immer wieder schön, als Reisender überall willkommen zu sein. „Gerne“, sagte sie schließlich und trat ein.

Die nächste halbe Stunde verbrachte sie in der Küche und erzählte der Frau und ihrer ganzen Familie Neuigkeiten aus Takutapah und den anderen Orten, durch die sie gekommen war. Es war der übliche Preis für eine warme Mahlzeit hier in der Dafah Mawapa, wo Fremde eine Seltenheit waren.

Schließlich war der Erbseneintopf fertig und sie aßen alle zusammen im größten Raum des Hauses. Insbesondere die Kinder waren begierig darauf, mehr von der Welt zu hören und ließen sich von ihr immer wieder beschreiben, wie sie vor ein paar Jahren am Meer gewesen war und dort sogar mit einem Fischerboot einmal mit rausgefahren war. Die Wellen, das Schaukeln des Bootes, die aufspritzende Gischt, die gebraten unglaublich leckeren Oktopoden, die eingelegt nicht ansatzweise so gut schmeckten wie frisch. Fast zwei Stunden saßen sie beim Essen und Jadra musste die ganze Zeit erzählen.

Anschließend führten sie ihre Gastgeber durch ihr Anwesen und sie musste die Kühe und Schafe anschauen sowie den Hofhund und die wilden Stelzerhühner. Die alte Frau erklärte ihr lang und breit, dass sie die Stelzerhühner selber gefangen und in dem Gehege eingesperrt hätte. Eigentlich wären es ja keine echten Hühner, da sie nicht von der Erde waren, aber da sie zwei Beine hatten und schmackhafte Eier legten, wurden sie eben Hühner genannt. Nach dieser Besichtigung musste Jadra noch Kuchen Essen und von ihrer Reise nach Saj erzählen.

Als Dank überreichte Jadra der Familie ein Glas Meeresäpfelmarmelade. Dies wurde von der älteren Frau zum Anlass genommen, Jadra noch den Keller vorzuführen. Sie verließen das Haus gingen an der Seite eine aus Feldsteinen gebaute Treppe hinab in den unter dem Haus angelegten Raum. Die Frau entzündete eine Kerze und zeigte Jadra voller stolz ihre Vorräte. Ein großer Teil davon, wurde Jadra klar, waren Sachen, die andere Reisende mitgebracht hatten. Wein aus Eukab, Salz aus Bukehakla, Lakritze aus Uasabi Fim und noch einiges mehr. Die meisten Sachen waren angefangen, aber gründlich wieder verschlossen worden. Also wurden die Mitbringsel nicht nur gesammelt sondern auch benutzt. Das war gut, denn die Meeresäpfelmarmelade war echt lecker und sie wäre traurig gewesen, wenn sie nur zum Anschauen genutzt worden wäre.

Zwei der Kinder rannten um sie herum und wuselten zwischen den Gängen herum. Dann stießen sie an die Frau und die zuckte zusammen. Die Kerze flackerte und ging dann aus.

„Entschuldigung, Entschuldigung!“, sagte die Frau immer wieder.

„Nicht so schlimm, die Tür ist ja offen“, erwiderte Jadra, als sich ihre Augen an das schwache Licht gewöhnt hatten. Wenigstens konnte sie sehen, wo die Tür war. Vorsichtig schlurfte sie in die Richtung und die anderen folgten ihr.

Als sie wieder ans Tageslicht kam, erschien es ihr überraschend hell. Lag es nur daran, dass sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten? Sie schaute sich um. Der eine Stall schien fast zu leuchten. Dann sah sie, dass die Wolken aufgerissen waren und die Sonne auf das Gebäude schien.

„Schau nur, Jadra“, rief eines der Kinder. „Die Sonne scheint. Was für ein schöner und seltener Anblick.“

Jadra nickte. „Ein wunderschöner Anblick.“

Den zweiten Teil dieser Geschichte gibt es hier.

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