Planetenbremsen

Heute durfte Sanbai im Astronomieunterricht zum ersten Mal selber durch das große Teleskop schauen, um die Planeten zu sehen, zu denen sie unterwegs waren. Ihre ganze Klasse war für diese Astronomiestunde im Navigationsmodul.

„Die Gelegenheit ist günstig“, erklärte Nagam, ihr Lehrer. „Alle drei Planeten, die für eine Besiedelung durch uns in Frage kommen, stehen heute so weit wie möglich von ihren Sonnen entfernt, man kann sie also besonders gut sehen.“

Sanbai schaute sich um. Sie war schon ein paar Mal hier gewesen, aber das Teleskop durfte sie bisher noch nie benutzen. Daragah hatte ihr und Zabari vor ein paar Monaten mal die Sonne der Erde gezeigt, die man durch die großen Panoramafenster sehen konnte. Doch diesmal wollte sie keinen Stern anschauen sondern einen echten Planeten. Da Planeten nicht selber leuchteten, wie sie aus der Schule wusste, mussten sie das Teleskop benutzen. Ob die Planeten im Teleskop wohl wie die Bilder von der Erde und ihren Nachbarplaneten aussehen würden?

Ihr Lehrer und Scheraz, der im Navigationsmodul Dienst hatte, stellten das Teleskop ein. Dann duften sie einer nach dem anderen hindurchschauen.

„Das ist Furasch. Wenn die Astronomen der Erde recht haben, ist dieser Planet bewohnbar.“

Sanbai war eine der ersten, die durch das Teleskop schauen durften, doch als sie den Planeten sah, war sie enttäuscht. Der Planet war einfach nur ein Punkt, genauso wie die Sterne, und man konnte keine Berge und Wolken erkennen. Er hatte eine leicht grünliche Farbe, aber das war auch alles, was ihn von einem Stern unterschied.

Emkamyh war etwas rötlicher, aber genauso uninteressant. Auch ihre Mitschüler fanden es langweilig, außer Zujab natürlich, aber er war seltsam.

„In vierzig Jahren“, erklärte Nagam, während er um das Teleskop herum schwebte, „werdet ihr die Planeten aus der Nähe sehen können, dann werden wir bei Furasch ankommen.“

„Warum dauert das noch so lange?“, wollte Zabari wissen.

„Das ist, weil wir so schnell sind“, sagte Zujab, der immer alles besser wusste. Sanbai war sich sicher, dass er sich diesmal irrte.

„Du spinnst“, widersprach sie ihm. „Wenn wir noch schneller wären, würden wir noch eher da sein.“

„Würden wir nicht. Wir würden noch länger brauchen.“

„Gar nicht!“

„Doch!“

„Streitet nicht“, unterbrach sie ihr Lehrer. „Ihr habt nämlich beide recht.“

Jetzt schauten sie beide verblüfft zu ihrem Lehrer. Sanbai sah, dass auch ihrer Mitschüler nun neugierig zu Nagam schauten.

„Wenn wir schneller wären“, erklärte ihr Lehrer, „dann würden wir auch schneller an dem Planeten vorbei fliegen. Wenn wir wollten, könnten wir Furasch in fünfzehn Jahren passieren.“

Sanbai warf Zujab einen vielsagenden Blick zu.

„Aber wir wollen ja nicht nur an dem Planeten vorbeifliegen sondern dort anhalten. Deswegen müssen wir langsam sein, wenn wir dort ankommen.“

Er hatte das Teleskop neu justiert und nun konnten sie Amel anschauen.

„Wenn wir bei Furasch anhalten wollen, müssen wir rechtzeitig bremsen. Wir fliegen eine Strecke, die viel weiter ist als der direkte Weg. Wir werden sieben oder acht Runden um die Sonnen fliegen, bis wir langsam genug sind, um bei Furasch anzuhalten. Dabei werden wir die ganzen Planeten als Bremse benutzen, um langsamer zu werden. Wären wir jetzt schon langsamer, bräuchten wir weniger Runden und es ging schneller. Deswegen hat Zujab auch recht.“

Sanbai schaute schnell durchs Teleskop. Amel war genauso langweilig wie die anderen Lichtpunkte, aber der Blick auf den fernen Planeten bewahrte sie davor, Zujabs besserwisserischen Blick ertragen zu müssen. Sie entschied, dass Amel ab sofort ihr Lieblingsplanet würde.

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Eine Antwort zu Planetenbremsen

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