Kunst in der Schwerelosigkeit

Lahuna und Dapak überlegten, was für ein Kunstprojekt sie machen könnten. Im letzten Jahr hatten sie im Kunstunterricht die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts durchgenommen, und als Abschlussprojekt für ihren Kunstunterricht und zum Abschluss ihrer Schule sollten sie ein besonderes Projekt machen.

Sie überlegten lange hin und her. Sollten sie Fotos machen oder eine Videoinstallation? Oder lieber ganz klassisch ein Bild malen? Oder ein Theaterstück schreiben und aufführen? Das Projekt würde einen wichtigen Teil ihrer Abschlussnote ausmachen, es musste also etwas Besonderes sein. Außerdem wäre es vielleicht etwas, womit sie die Sejereh unterhalten könnten. Es war immer toll, wenn man für etwas Abwechslung im eintönigen Alltag auf dem Raumschiff sorgen konnte. Sie schauten sich ihre Unterlagen aus dem Kunstunterricht an, aber es erschien ihnen irgendwie alles so langweilig. Jede interessante Idee war auf der Sejereh schon tausendmal ausgeführt worden. In achthundert Jahren Reisezeit ließ sich eine Menge Kunst machen. Das machte ihre Aufgabe, jetzt etwas neues zu finden, um so schwieriger.

Es war bereits zu Anfang klar gewesen, dass es etwas Besonderes sein sollte, das sie machen würde, da waren sie sich schnell einig. Dabei konnte es auch aufwändig sein, da sprach in ihren Augen nichts gegen, Hauptsache, es machte Eindruck. Tagelang schauten sich die beiden alte Berichte und Videos über Kunst an, bis sie schließlich auf die Idee stießen, nach der wochenlang gesucht hatten.

„Sowas machen wir auch!“, sagte Lahuna und zeigte Dapak das Video, dass sie inspiriert hatte.

„Aber wir sind nur zwei und nicht sieben Künstler.“

„Dann muss uns jemand helfen. Was hältst du davon, wenn wir jeweils Zweierteams auswählen, die zusammen ein Stück machen sollen und nach einer Weile wird dann gewechselt.“

Sie überlegten hin und her, aber schnell war ihnen klar, dass die Idee prinzipiell gut war. Die nächsten Wochen verbrachten sie damit, alle möglichen Vorbereitung zu treffen und das nötige Material zu besorgen. Außerdem fragten sie die anderen Bewohner der Sejereh, wer von ihnen Lust hätte, an einem Kunstprojekt für jeweils eine Stunde teilzunehmen. Am Ende hatten sie 30 Personen zusammen, die mitmachen wollten, ohne zu wissen, worum es ging.

Das nächste Problem war, eine Stelle zu finden, an der sie ihr Projekt umsetzen konnten. Da kam ihnen der Zufall zur Hilfe, denn auf einer Versammlung der Sejereh wurde diskutiert, ob eine Verbindungsgang eine neue Innengestaltung bekommen solle. Die beiden erklärten sich bereit, sich darum zu kümmern.

Bereits bevor der Tag kam, an dem sie ihr Projekt durchführen wollten, was es das wichtigste Gesprächsthema. Alle wussten, dass sie ein Kunstprojekt planten, und dass es in dem Verbindungsgang stattfinden sollte, war auch allen klar. Aber was genau sie vor hatten, wussten nur Lahuna und Dapak.

Dann war der große Tag gekommen. Lahuna und Dapak hatten vor den Zugängen des Verbindungsganges einen Sichtschutz aufgebaut. Dann führten sie die ersten beiden Freiwilligen in den Gang, in dem schon allerlei Material schwebte.

„Einer von euch“, erklärte Lahuna den Freiwilligen, „ist der Künstler, der andere das Model. Es geht darum, dass ihr die Wände nach Inspiration eures Models neu gestalten sollt. Dafür sollt ihr aber nicht Farbe benutzen, denn die ist in der Schwerelosigkeit ja nicht so einfach an die Wand zu bekommen und außerdem langweilig, sondern Klebeband. Wir haben zwölf verschiedene Farben hergestellt, wobei manche bei UV-Bestrahlung farbig leuchten und andere immer ihre normale Farbe haben.“

„Mit diesem Klebeband“, fuhr Dapak mit der Erklärung fort, „soll der Künstler das Modell abbilden. Ihr könnt das Klebeband schneiden und falten und übereinander kleben, wie ihr wollt, hauptsache, es sieht gut aus und der Gang ist noch benutzbar. In fünfundfünfzig Minuten geben wir euch ein Zeichen, dann müsst ihr den Gang nach hinten verlassen und das nächste Paar macht euer Bild weiter. Noch Fragen?“

Die beiden Freiwilligen überlegten, dann schüttelten sie den Kopf.

„Wir werden das Ganze mit einer Kamera filmen, damit wir dann nachvollziehen können, wie das Kunstwerk entstanden ist.“

Die beiden Freiwilligen nickten.

„Wenn ihr dann den Gang verlasst, dürft ich nichts davon verraten, was hier drin passiert ist, denn die anderen sollen genauso unvoreingenommen an die Arbeit gehen wir ihr.“

Lahuna schaute auf die Uhr. „In dreißig Sekunden geht es los.“ Die letzten zehn Sekunden zählte sie als Countdown und dann fingen die beiden an. Lahuna und Dapak filmten sie dabei, wie sie in der Schwerelosigkeit bunte Farbstücke an die Wände des Gangs klebten. Nach jeweils fünfundfünfzig Minuten wurde die Arbeit abgebrochen und das nächste Paar kam rein.

Lahuna und Dapak staunten, wie deutlich sich die Klebestile der einzelnen Freiwilligen voneinander unterschieden und nach fünfzehn Stunden war der Gang vollends beklebt, und doch konnten die beiden Schüler zuordnen, wer welchen Teil geklebt hatte. Sie waren überrascht davon, wie gut manche der Modelle zu erkennen waren.

Nach dem Ende des Klebens öffneten sie die Türen, damit alle Bewohner der Sejereh sich das Ergebnis anschauen konnten. Die Reaktion war bei allen im ersten Moment Verwunderung und dann Begeisterung für ihre Idee und das Talent der Freiwilligen.

Die nächsten vier Wochen brauchten Lahuna und Dapak, um ihr Videomaterial auszuwerten und ihren Bericht zu schreiben, aber bereits lange vor der Fertigstellung des Berichts war klar, dass sie eine ziemlich gute Note für ihr Projekt bekommen würden.

Vielen Dank an Septette on Sheets und Ostap für die Inspiration zu dieser Geschichte anlässlich der 48 Stunden Neukölln 2016.

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3 Antworten zu Kunst in der Schwerelosigkeit

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