Hepkaale und Mathilde, die Geisterjägerin

hepkaale_header„Es spukt. Hepkaale, du musst etwas dagegen unternehmen“, sagte der Bürgermeister von Tirüplet.

Hepkaale verdrehte die Augen. „Warum ich? Was kann ich daran ändern, wenn ihr denkt, dass es im Versammlungssaal spukt?“

Der Bürgermeister schaute sie streng an. „Du hast ein Plot-Device. Es ist deine Aufgabe, Probleme für uns zu lösen.“

Hepkaale schüttelte den Kopf. „Ist es nicht. Meinetwegen schenke ich dir das Plot-Device. Ich habe es satt, dass ich immer eure Probleme lösen muss.“

„Aber Hepkaale“, mischte sich nun ihre kleine Schwester Sibüü ein. „Mit dem Plot-Device wäre es bestimmt ein Leichtes, einen Geisterjäger zu finden.“

Hepkaale schaute ihre kleine Schwester an. „Woher weißt du, wie man Geisterjäger findet?“

„Ich habe in einem Buch davon gelesen. Da stand genau drin, wie das mit den Geisterjägern ist und dass man sie mit Ektoplasma bezahlen muss.“

Hepkaale sah zum Bürgermeister und zurück zu Sibüü. „Was ist Ektoplasma?“

„Na, das Zeug, was Geisterjäger brauchen“, erklärte Sibüü, als wäre damit alles erklärt.

Der Bürgermeister schaute Hepkaale streng an. „Holst du einen Geisterjäger?“

Hepkaale schüttelte den Kopf.

„Aber du musst uns helfen“, jammerte Sibüü.

„Nur, wenn wir ihn dann auch bezahlen können.“

Der Bürgermeister lächelte. „Das lass mal meine Sorge sein. Ich kümmere mich persönlich darum, das Ektoplasma zu besorgen. Deine Schwester wird mir dabei helfen.“

„Aber ich will mit Hepkaale gehen und den Geisterjäger anwerben“, jammerte Sibüü. Doch der Bürgermeister blieb hart, und schließlich fügte sich Sibüü in ihr Schicksal.

Hepkaale seufzte. Es sah so aus, als bliebe ihr nichts anderes übrig, als sich ebenfalls in ihr Schicksal zu fügen.

Zwanzig Minuten später ließ das Brummen und Summen des Plot-Devices nach und Hepkaale schaute sich um. Sie lag irgendwo im Stroh in einem engen und dunklen Raum. Es schien ein kleiner Dachboden zu sein, in der Mitte vielleicht einen Meter hoch, ganz oben unter der Dachspitze eines Hauses. An einer Seite gab es ein kleines Fenster, durch das ein einzelner Strahl Sonnenlicht in den dunstigen Raum fiel.

Hepkaale fragte sich, warum sie hier war und was sie hier sollte. Offensichtlich gab es hier keinen Geisterjäger. Sie hoffte nur, dass das Plot-Device nicht wieder irgendeine seltsame Aufgabe für sie hatte, die sie bewältigen musste, bevor sie einen Geisterjäger fand.

Sie tastete um sich, ob sie irgendwo einen Ausgang aus diesem Raum finden konnte, aber außer dem Fenster, das für sie viel zu klein war, schien es keine Öffnung zu geben. Dann waren plötzlich Schritte zu hören. „Hallo! Können Sie mich hören?“, rief Hepkaale. Ein spitzer Schrei war die Antwort. Dann rennende Schritte.

„Hallo? Hallo!“ Doch Hepkaale bekam keine Antwort.

Sie fluchte. Das hatte ihr gerade noch gefehlt, dass sie hier fest saß und nichts unternehmen konnte. Sie klopfte die Wände erneut erfolglos ab, ob es doch irgendwo einen Ausweg gab. Nach einer Weile konnte sie erneut Stimmen hören.

„Hier war es. Es klag voll gruselig“, sagte eine Stimme.

„Das kann doch gar nicht sein. Es gibt keine Geister“, sagte eine zweite, etwas tiefere Stimme.

„Aber wenn ich es dir doch sage…“

„Hallo! Hören sie mich?“, rief Hepkaale so laut sie konnte. „Ich sitze hier auf dem Boden fest.“

„Da!“ rief die erste Stimme aufgeregt. „Da war es wieder. Es klang voll wie ein Geist!“

Die zweite Stimme klang skeptisch. „Das war bestimmt nur Luft in irgendwelchen Wasserleitungen. Geister gibt es nicht.“

„Aber es klang nicht nach Luft.“

Hepkaale rief erneut, doch die beiden Personen schienen sie nicht verstehen zu können.

„Es gibt bestimmt eine ganz natürliche Erklärung dafür.“

„JA! MICH!“ rief Hepkaale sinnloser weise.

„Das ist schon ein seltsamer Zufall, dass der Geist hier gerade heute auftaucht, wo doch eine Geisterjägerin auf dem Dorfplatz sitzt…“

Schlagartig wurde Hepkaale klar, warum das Plot-Device sie hierher geschickt hatte. Sie begann sofort laut zu rufen und auf dem Boden herum zu poltern.

„Ist mir egal, was du sagst“, sagte die erste Stimme. „Ich gehe die Geisterjägerin holen.“

Dann waren wieder Schritte zu hören, die schnell leiser wurden. Hepkaale lehnte sich an dem Fenster an. Zum Glück hatte sie ihren Rucksack dabei, in dem sie immer eine Flasche Wasser und etwas zu Essen hatte. Zu oft musste sie schon nach einer Reise mit dem Plot-Device hungern. Da sie jetzt auf die Geisterjägerin warten musste, dachte sie, konnte sie genauso gut auch eine Picknickpause machen. Nach dem Essen packte sie ein Buch aus und begann zu lesen, während sie wartete.

Fünf Seiten später konnte sie wieder Schritte hören. Schnell packte sie ihre Sachen wieder zusammen und dann rief sie nach der Geisterjägerin und den anderen Leuten. In der Stimme der Geisterjägerin war eindeutig Überraschung zu hören. Offensichtlich hatte sie mit einem falschen Alarm gerechnet. Sie hörte, wie die Geisterjägerin irgendwas machte, und zehn Minuten später war wieder das Brummen und Summen des Plot-Devices zu hören.

Als Hepkaale die Augen wieder öffnete, stand sie auf einer Lichtung am Rande eines Dorfes. Zu ihrer Freude stellte sie fest, dass es sich bei dem Dorf um Tirüplet handelte. Hepkaale lächelte, doch dann erschreckte sie ein Schrei direkt neben ihr.

„Aaahhh! Geister! Dämonen! Teufelszeug!“

Neben ihr stand eine Frau, vielleicht ein paar Jahre älter als Hepkaale, vielleicht aber auch nur früh gealtert. Wahrscheinlich die Geisterjägerin, vermutete Hepkaale.

„Beruhige dich, es ist nichts passiert“, sagte Hepkaale. „Hier in Tirüplet droht keine Gefahr.“

Die Geisterjägerin schaute Hepkaale überrascht an. „Wo bin ich hier? Wie bin ich hierher gekommen?“

„Ich bin Hepkaale aus Tirüplet“, sagte Hepkaale. „Und du bist hier, weil wir eine Geisterjägerin brauchen.“

Die Frau lachte. „Hepkaale? Hepkaale aus Tirüplet? Hepkaale ist nur eine Legendengestalt.“

Hepkaale schüttelte den Kopf. „Nein, bin ich nicht.“ Dann fügte sie hinzu: „Das Plot-Device hat uns hierher gebracht. Das Brummen und Summen und so.“

Hepkaale sah, wie die Frau versuchte, aus ihrer Situation schlau zu werden. Wer weiß, was sie machen würde, wenn sie die falschen Schlüsse zog und sie für einen Geist hielt? Hepkaale machte sich Sorgen. Das durfte nicht passieren.

„Wir brauchen hier eine Geisterjägerin“, sagte sie, um die Geisterjägerin abzulenken. „Das Plot-Device ist offensichtlich der Meinung, dass du die Richtige bist, um die Geister in unser Versammlungshalle zu vertreiben.“

„Aber… ich…“ Die Frau schaute sich hilflos um.

„Keine Sorge, wir werden dich für deine Arbeit bezahlen, und dann wird dich das Plot-Device sicher zu dem Ort zurück schicken, wo du hergekommen bist.“

„Zurück?“

„Nach getaner Arbeit. Wie heißt du?“

„Ich bin Mathilde.“

„Mathilde? So einen seltsamen Namen habe ich hier noch nie gehört.“

Diese Antwort schien die Frau öfter zu hören, denn sie wurde gleich viel sicherer.

„Es ist ein antiker Name. Von der Erde. Ich habe als Kind ein Buch gelesen, das auf der Erde spielte. Über eine Geisterjägerin namens Mathilde. Ich fand den Namen schön und geheimnisvoll, also habe ich ihn mir zugelegt. In meinem Beruf muss man auf Kleinigkeiten achten. Und ‚Mathilde, die Geisterjägerin‘ klingt gut, findest du nicht?“

Hepkaale nickt. Dann ergriff sie den Arm der Frau. „Komm, ich bringe dich zum Bürgermeister.“

Zehn Minuten später hatte sie Mathilde beim Bürgermeister abgeliefert, der begeistert davon war, wie schnell Hepkaale zurück gekommen war. Sibüü war noch im Auftrag des Bürgermeisters unterwegs, um das Ektoplasma für die Bezahlung zu besorgen.

Zwei Stunden später kam Sibüü zurück nach Hause und brachte Mathilde mit.

„Hepkaale! Du musst uns helfen. Ich habe in ganz Tirüplet kein Ektoplasma gefunden.“

Hepkaale seufzte. Es wäre ja auch zu schön gewesen, wenn das Abenteuer schon abgeschlossen gewesen wäre.

„Wieviel Ektoplasma brauchst du als Bezahlung?“, wandte sich Hepkaale an Mathilde.

Mathilde überlegte. „Weiß nicht. Wenn ihr keines habt, nehme ich auch Geld oder Essen.“

„Geld wir schwierig“, sagte Hepkaale. „Aber Essen können wir die anbieten. Magst du Kohl?“

Mathilde nickte. „Ich liebe Kohl. Wo ich aufgewachsen bin, gab es den immer nur zu hohen Feiertagen.“

Hepkaale lächelte und wandte sich an ihre kleine Schwester: „Sibüü. Lauf zum Bürgermeister und sag ihm, dass wir Kohl statt Ektoplasma bezahlen. Und zwar soviel Kohl, wie Mathilde tragen kann.“

Sibüü wandte sich zum Gehen, und Hepkaale rief ihr hinterher: „Und sag ihm, wenn in einer Stunde nicht genug Kohl da ist, dann schickt Mathilde die Geister wieder zurück in die Versammlungshalle.“

Es dauerte nicht lange, da kam Sibüü zurück. Ihr folgte der Bürgermeister, der einen großen Sack schleppte.

„Hier, soviel Kohl, wie wir auf die Schnelle auftreiben konnten.“

Hepkaale schaute in den Sack und gab ihn dann Mathilde. „Hier. Vielen Dank für deine Hilfe.“

Mathilde lächelte. „Es war mir eine Ehre, dich kennen zu lernen, Hepkaale.“

Dann ertönte wieder das Summen und Brummen des Plot-Devices und Mathilde löste sich vor ihren Augen in Luft auf. Hepkaale atmete erleichtert aus, als sie sah, dass sie selber noch immer zu Hause war. Der Teil, wo sie wieder nach Hause kam und das Abenteuer beendet war, war immer der beste Teil.

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