Unterwegs nach Etumülat

Tülo war auf dem Weg zur Großen Versammlung in Etumülat. Die Bewohner von Schü hatten ihn bestimmt, für sie alle zur Versammlung zu reisen. Wenn sie gewollt hätten, hätten sie mehr Männer zur Versammlung schicken dürfen, denn jeder Mann Etulörgs, der über fünfundzwanzig Jahre alt war, hatte bei den Abstimmungen Stimmrecht. Aber der Weg bis ins dreißig Kilometer entfernte Etumülat war beschwerlich. Man brauchte für den Hinweg einen Tag, dann war man drei Tage dort und dann musste man auch noch wieder zurück wandern.

Diese Karte zeigt das Land Etulörg im Jahr 1240 AZ

Diese Karte zeigt das Land Etulörg im Jahr 1240 AZ

Im nächsten Jahr würden mehr Männer aus Schü an der Versammlung teilnehmen, denn da wäre sie in Schöck, was nur wenig mehr als zehn Kilometer entfernt war. Da würden sicherlich alle 14 Männer des Ortes teilnehmen. Außerdem würde sie ihre Kinder mitbringen, denn neben der Versammlung gab es auch einen großen Markt, der bei allen sehr beliebt war.

Der Weg führte ihn von Schü an der nachtwärtigen Küste durch Tuföcht und Schöck nach Tochüch, was die halbe Strecke des Weges markierte. Dort würde er in einem Gasthaus einkehren und Mittagspause machen. Wenn er Glück hatte, würde er dort weitere Männer treffen, die zur Großen Versammlung unterwegs waren.

In Tochüch würde er dann den Fluss überqueren und ihm durch Kufonschüch bis nach Etumülat folgen. Dieser Teil des Weges würde einfacher werden, weil es sich bei der Straße und die wichtigste Verbindung von Etulörg zu den anderen Ländern handelte. Dementsprechend war sie deutlich besser ausgebaut und gepflegt als der Trampelpfad, der von Schü nach Tochlüch führte.

Unterwegs musste Tülo immer wieder kleine Bäche überqueren. An manchen hatte jemand Baumstämme als Brücke quer über den Bach hinweg gelegt, bei anderen gab es nur eine Furt. Dann musste Tülo sich die Schuhe und Socken ausziehen, die Hosenbeine hochkrempeln und hindurch waten.

Manchmal verfluchte er seine Eltern dafür, dass sie in den entlegensten Ort auf der ganzen Insel gezogen waren, aber wenn die Fischer Abends mit ihrem reichhaltigen Fang zurück kamen oder er bei der Arbeit auf dem Feld die Sterne beobachtete, dann wusste er, dass Schü seine Heimat war und er sie für nichts gegen eine Leben in einem anderen Ort tauschen würde.

Vor allem die Oktosegler, die zu bestimmten Zeiten zu hunderten an die Küste gespült wurden und in Schü eine Delikatesse waren, würde er vermissen, denn es gab sie nur an den nachtwärtigen Küsten der Inseln.

Die Oktosegler waren eine der seltsamsten Tierarten, die Tülo kannte. Sie schlüpften im Bereich des Terminators und fraßen sich dort groß. Dann verließen sie das Wasser und stiegen mit samt ihren acht Armen in die Luft auf. Mit dem Wind ließen sie sich dann wieder in nachtwärtiger Richtung treiben, fast bis zur fernen Küste Mithlijs. Dort paarten sie sich und kehrten ins Wasser zurück. Von der Strömung ließen sie sich dann treiben, und sobald sie laichten, verloren sie ihre Orientierung und wurden ans Ufer gespült, während der Laich weiter in tagwärtiger Richtung unterwegs war und so den Zyklus von neuem begann.

Niemand wusste, was genau mit den Oktoseglern beim Laichen passierte, aber vorher waren sie bitter und verursachten Bauchschmerzen. Dann aber änderte sich ihr Geschmack und sie wurden zu einer Delikatesse.

Der Gedanke an die Oktosegler führte ihn zu den Fischern im Dorf. Er vermutete, dass sie ihn ausgewählt hatten zur Versammlung zu reisen, weil er noch keine Frau hatte. Neben der Politik war die Versammlung immer auch ein Hochzeitsmarkt. Wenn er nur daran dachte, dass er irgendwann heiraten müsste, wurde ihm übel.

Es war einfach zu schade, dass er seinen Freund Khano nicht heiraten durfte. So mussten sie sich beide einiges an Spott gefallen lassen, weil sie noch keine Frau erwählt hatten. Noch schlimmer wäre es, wenn sie wüssten, dass sie auf Männer standen. Dann wären sie ein gefundenes Fressen für all diejenigen, die sich nur toll fühlen konnten, wenn sie jemanden anderes ausgrenzten.

Wenn er nur wüsste, wie man Frauen erkennt, die auf Frauen stehen. Dann könnte er die eine Heiraten und Khano die andere und sie müssten nicht mit einander schlafen, denn jeder hätte seinen echten Partner. Überhaupt hatte er großes Glück gehabt, als Khanos Eltern nach Schü gezogen waren. Wenn er ihn nicht kennen gelernt hätte, würde er heute noch denken, dass etwas mit ihm falsch ist, weil er nicht auf Frauen steht.

Oft hatten sie sich ausgemalt, wie sie zusammen einen Hof bewirtschaften würden, er und Khano, und dann ihre jeweiligen Frauen, damit es niemandem auffielt. Wahrscheinlich würden die Leute irgendwann darüber spotten, dass sie keine Kinder hatten, aber das kam schon mal vor, auch wenn die Leute aus Liebe verheiratet waren. Bei seinem Onkel war es schließlich auch so gewesen. Aber wie ließ sich eine entsprechende Frau finden? Und wären die beiden dann bereit, mit ihnen nach Schü zu ziehen? Normalerweise wurden die Frauen nicht danach gefragt, ob sie da wohnen wollten, wo ihr Mann wohnte, aber in seinem Fall vermutete Tülo, dass es wohl besser war, wenn die Frauen genau das Gleiche wollten wie er und Khano. Wenigstens wusste er, dass Khano alles, was er in dieser Richtung unternehmen würde, gutheißen würde, sie hatten schließlich schon oft genug darüber geredet. Aber trotz aller Absprachen war er wegen der Frauen bei der Versammlung sehr viel nervöser als über die Tatsache, dass er zum ersten Mal über Gesetze abstimmen konnte.

Hier erfahrt ihr, wie es Tülo weiter ergangen ist.

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3 Antworten zu Unterwegs nach Etumülat

  1. 500woerterdiewoche schreibt:

    Na, und wie geht’s weiter mit Tülo und seinen Träumen? Du kannst doch nicht einfach hier aufhören!

  2. Pingback: Results for week beginning 2016-03-21 | Iron Blogger Berlin

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