Hepkaale und Hepkaale 2

hepkaale_headerTeil 1

Zwei Tage später hatten sie alles vorbereitet. Hepkaale stand am Staudamm und wartete auf Sibüüs Zeichen, dass sie ihn öffnen konnte. Die Hepkaale von Übermorgen und Sibüü waren irgendwo im Wald und legten das Feuer.

Hepkaale fand, dass es auch langsam Zeit wurde, dass sie fertig waren. Sie hatte überhaupt keine Lust, noch eine Nacht hier im Wald verbringen zu müssen. Ihr eigenes Bett war deutlich bequemer. Und sie freute sich darauf, endlich wieder etwas ordentliches zu Essen, denn die Früchte und Beeren, die sie hier im Wald fanden, konnte sie nach zwei Tage nicht mehr sehen.

Ein Geruch von brennendem Holz lag in der Luft, stelle sie befriedigt fest. Dann hatten Sibüü und ihr anderes ich es geschafft, den Wald in Brand zu stecken. Es war eine interessante Erfahrung gewesen, mal mit sich selber zu sprechen, dachte sie. Es hatte viel Spaß gemacht, mit ihrem anderen ich zusammen Sibüü zu nerven, dass sie an ihrem Aufsatz arbeiten sollte, während sie Pause machten und sich erholten.

„Hepkaale! Hepkaale! Los geht’s!“ Das war Sibüüs Stimme, die ihr das Kommando gab, den Staudamm zu öffnen. Mit aller Kraft schob Hepkaale an dem Baumstamm, den sie extra zu diesem Zweck in den Staudamm eingebaut hatten. Am Anfang bewegte er sich nicht, aber dann, ganz langsam, geriert der Stein- und Erdhaufen doch in Bewegung. Als das erste Wasser über den Damm floss, ging es immer einfacher und Sekunden später wurde ihre ganzen Bauwerk weggespült und eine Meterhohe Flutwelle ergoss sich Flussabwärts.

Sie sah Sibüü, die zu ihr gerannt kam, und dann war das Summen und Brummen des Plot-Devices zu hören. Endlich zurück nach Hause, dachte Hepkaale, als es immer lauter wurde.

***

Sie war nicht zu Hause. Warum war sie nicht zu Hause? Sie hatte doch getan, was das Plot-Device wollte. Warum war sie immer noch im Wald? Sie konnte jemanden etwas rufen hören. Es war Sibüüs Stimme.

„Weit und breit ist keine Lichtung zu sehen. Ich verstehe das nicht.“

Dann wurde ihr schlagartig klar, was passiert war. Übermorgen! Sie war jetzt Hepkaale von Übermorgen und musste ihr ich von Vorgestern überreden, den Wald anzuzünden.

„Ich auch nicht“, hörte sie Hepkaale antworten. „Vielleicht solltest du runter kommen und an deinem Aufsatz arbeiten. Bestimmt hat uns das Plot-Device nur hergeschickt, damit du deine Ruhe hast. Und wenn du fertig bist, schickt es uns wieder nach Hause.“

Jetzt erkannte sie, dass sie selber auf der anderen Seite des Gebüschs saß. Sie zwängte sich an einem Baumstamm vorbei und sagte: „Stell dich nicht blöd. Du weißt genau, was du zu tun hast.“

Hepkaale schlug einen Dornenzweig zur Seite, der sich an ihrer Hose festgehakt hatte.

„Hier sitzen und abwarten“, antwortete ihr die Hepkaale von Vorgestern und dreht sich um. Als sie sie sah, riss sie die Augen auf und ihr Mund stand offen.

„Das sieht ja voll dämlich aus, wie du mich anschaust“, sagte Hepkaale. Dann verbesserte sie sich: „Wie ich mich anschaue. Wie auch immer.“

Die Hepkaale von Vorgestern klappt ihre Mund zu. Dann sagte sie: „Bist du mein Doppelgänger?“

Wie konnte sie nur so doof gewesen sein, das zu glauben, fragte Hepkaale sich. „Natürlich nicht“, antwortete sie. „Glaubst du etwa, dass es vor der Landung des Raumschiffs hier schon Menschen gab?“

„Aber wer bist du dann?“

„Ich bin Hepkaale aus Tirüplet“, sagte Hepkaale. Bevor sie noch „Von Übermorgen“ hinzufügen konnte, widersprach ihr Hepkaale von Vorgestern schon.

„Das kann nicht sein, denn ich bin schon Hepkaale aus Tirüplet.“

Hepkaale rollte mit den Augen. Sie ließ sich ja nicht mal ausreden. Dann sagte sie: „Mach dich nicht dümmer als du bist. Natürlich geht das, wenn das Plot-Device es so will.“

Hatte sie sich vorgestern wirklich so dämlich angestellt?

„Warum sollte es wollen, dass ich mich selber treffe?“, fragte ihr Gegenüber jetzt.

Hepkaale musste lachen, so offensichtlich war die Antwort auf diese Frage. „Weil wir drei Leute brauchen, um unsere Aufgabe zu erfüllen. Ich habe einen Teil gemacht und jetzt hat mich das Plot-Device hierher zwei Tage zurück geschickt, damit ich mich – also dich – überzeuge, dass wir diese Aufgabe zusammen erledigen müssen.“

Dann wurde die Diskussion von Sibüü unterbrochen: „Hepkaale! Mit wem redest du?“

„Mit mir selbst“, antwortete sie sofort. Von Sibüü kam ein irritiertes „Aha. Ich sollte wohl wieder runter kommen“, als Antwort.

„Komm schon“, sagte sie zu ihrem ich von Vorgestern. „Du weißt genau, was das Plot-Device von mir – von dir – will. Du weißt es spätestens, seit Sibüü keine Lichtung gefunden hat.“ Sie konnte sich noch genau daran erinnern, was sie gedacht hatte, als Sibüü keine Lichtung gesehen hatte.

Doch die Hepkaale von Vorgestern war da anderer Meinung. „Es will von mir, dass ich hier warte, bis Sibüü ihren Aufsatz geschrieben hat.“

Hepkaale schüttelte den Kopf. „Du weißt genau, dass das nicht stimmt.“ Wie konnte sie nur so naiv gewesen sein. Es war doch immer das Gleiche mit dem Plot-Device. „Es stimmt nie.“

„In diesem Fall stimmt es doch.“ Hepkaale stellte fest, dass das demonstrative Arme-Verschränken, das die Hepkaale von Vorgestern machte, eher lustig aussah.

„Sei doch nicht so stur. Du wirst dich in zwei Tagen selber darüber ärgern, das kann ich dir versprechen.“

„Ich kann mich dafür entscheiden, einfach zwei Tage zu warten. Dann landet das Raumschiff oder auch nicht. Und danach habe ich nichts mehr zu tun und das Plot-Device schickt mich nach Hause. Ich muss also nur abwarten.“

Hepkaale dachte an die zwei Tage, die sie gearbeitet hatte, um den Wald in Brand zu stecken. Wenn sie die Hepkaale von Vorgestern nicht überreden bekam, würde sie noch zwei Tage länger hier bleiben müssen. Sie schüttelte den Kopf beim Gedanken daran. „Das Plot-Device wird dich dann einfach zwei Tage zurück in die Vergangenheit schicken und du bist ich und versuchst dich zu überreden, das Nötige zu tun.“

„Das würde ich nie machen“, widersprach sie. Hepkaale erinnerte sich an ihre Gedanken danach und sagte:

„Ich kenne ja deine Meinung auch.“

An dem Blick ihres Gegenübers sah sie, dass sie sich nun fragte, ob sie Gedanken lesen konnte.

„Nein, ich kann keine Gedanken lesen“, sagte sie. „Aber ich kann mich an vorgestern erinnern und daran, was ich gedacht habe.“

„Boah, das ist ja krass!“, konnte Hepkaale Sibüü von oben rufen hören. „Wie hast du es geschafft, dich zu verdoppeln?“

„Wir brauchen drei Leute, um die Aufgabe zu erledigen“, antwortete sie. „Deswegen hat das Plot-Device mich zweimal hergeschickt.“

„Warum bin ich nicht zweimal hier? Ich hätte bestimmt sehr viel Spaß mit mir selber.“

Hepkaale rollte mit den Augen. Das hatte noch gefehlt. Ihr ich von Vorgestern sah genauso gequält aus bei der Vorstellung, sich mit zwei Sibüüs rumärgern zu müssen.

„Komm runter, wir wollen anfangen.“

Jetzt widersprach die Hepkaale von Vorgestern wieder. „Ich werde gar nichts anfangen. Ich lasse mich weder vom Plot-Device noch von dir – ähm, mir – was vorschreiben.“

Das klang ganz schön dämlich, dachte sich Hepkaale und schüttelte den Kopf. Warum war sie nur so dickköpfig? „Du wirst dich übermorgen sehr über deine Dickköpfigkeit ärgern, das kann ich dir versprechen.“

„Ich werde übermorgen immer noch die gleiche Meinung haben.“

So langsam ging es ihr auf die Nerven, dass sie vorgestern so lange widersprochen hatte. Warum konnte sie nicht akzeptieren, dass sie sich in das Unvermeidliche gefügt hatte? „Wirst du nicht.“

„Warum sollte ich meine Meinung ändern?“

Das ist doch offensichtlich, dachte Hepkaale. Der selbe Grund, warum das Plot-Device am Ende immer dafür sorgt, dass ich das mache, was ich tun soll.

„Ich will nach Hause.“

„Das können wir, sobald das Raumschiff gelandet ist“, sagte Hepkaale von Vorgestern und Hepkaale stimmte ihr in Gedanken zu. Aber die Sache hatte einen Haken. „Und wo soll es hier landen?“,

„Was weiß ich“, erwiderte Hepkaale von Vorgestern gereizt. „Es ist nicht meine Aufgabe, mich darum zu kümmern.“

Sie diskutierte weiter mit sich selbst, bis irgendwann Sibüü von Baum geklettert kam und sich dann beschwerte, das ihr langweilig war. Das gab für die Hepkaale von Vorgestern den Ausschlag, endlich nachzugeben. Danach fragten sie zusammen Sibüü aus, was sie in der Schule über die Erste Landung gelernt hatte, was ein großer Spaß war.

***

Zwei Tage später brannte der Wald. Sie und Sibüü waren überall zerkratzt von den Dornen, aber sie waren Erfolgreich gewesen. Die Hepkaale von Vorgestern wartete derweil am Staudamm darauf, dass sie ihr das Signal gaben, den Damm zu brechen und so das Feuer zu löschen. Sie hoffte, dass alles so funktionierte, wie sie sich das gedacht hatte.

Die beiden anderen dachten, dass sie gesehen hätte, wie das Feuer gelöscht wird und das Raumschiff landet. Aber sie war ja vorher zurück geschickt worden, um sich selber zu überreden. Das Feuer hatte sich gut ausgebreitet und reichte schon fast bis an das ausgetrocknete Flussbett des aufgestauten Baches heran. Wie sie es geschafft hatten, so einen schönen Waldbrand zu erzeugen, wo doch das ganze Gelände ein einziger Sumpf war und man bei jedem Schritt im feuchten Morast einsankt, wunderte sie ein wenig. Aber sie hatten es geschafft, und darauf kam es an.

Schließlich war sie der Meinung, dass die Lichtung nun groß genug sei und gab Sibüü das Zeichen, ihrem anderen ich Bescheid zu geben, den Damm zu öffnen. Sibüü rannte los den leichten Abhang hinauf und Hepkaale suchte sich einen kleinen Hügel, von dem aus sie alles würde beobachten können.

Sie hörte Sibüü rufend weglaufen und dann konnte sie trotz des Prasslens des Feuers leise das Summen und Brummen des Plot-Devices hören, als die Hepkaale von Vorgestern zurück in die Vergangenheit reiste.

Dann sah sie das Wasser steigen und über die Ufer treten und sich in den brennenden Wald ergießen. Es gab lautes Zischen und dichter Dampf stieg auf. Sibüü kam angelaufen. „Sie ist einfach verschwunden“, rief sie Hepkaale zu und Hepkaale nickte. Das Plot-Device. Dann stand Sibüü neben ihr und betrachtete den aufsteigenden Dampf. Kurz darauf ertönte das Summen und Brummen des Plot-Devices.

***

Als Hepkaale die Augen wieder öffnete, stand sie noch immer mit Sibüü auf dem Hügel. Vor ihnen erstreckte sich die verkohlte Lichtung, an manchen Stellen kamen schon Schösslinge zwischen den verkohlten Überresten hervor. Es mussten mehrere Tage oder sogar Wochen vergangen sein.

Dann war ein Rauschen zu hören und ein Donnern. Und dann setzte das Raumschiff mit einer Mischung aus Rums und Platsch auf. Sibüü starrte es mit offenem Mund an, und auch Hepkaale war beeindruckt.

Dann öffnete sich die Tür und die ersten Siedler stiegen aus und schauten sich auf der Lichtung um. Sie gingen hierhin und dorthin. Sibüü wollte zu ihnen gehen, doch Hepkaale hielt sie zurück. „Hier dürfen wir nur zuschauen.“

Zwei der Siedler gingen an dem Gebüsch vorbei, in dem Hepkaale und Sibüü versteckt waren und unterhielten sich.

„Was für ein Glück, dass es diesen Waldbrand gegeben hat. Die Gegend hier scheint sehr fruchtbar zu sein.“

Der andere brummte zustimmend. „Stell dir vor, wir hätten tatsächlich am Rand der Wüste landen müssen, wie das ursprünglich geplant war.“

Beim Unterhalten waren sie weitergegangen und Hepkaale konnte nicht mehr verstehen, was der erste antwortete. Dann war das Brummen und Summen des Plot-Devices wieder zu hören und brachte sie nach Hause.

***

Eine Woche später kam Sibüü aus der Schule zurück und schäumte vor Wut.

„Was ist los“, fragte Hepkaale ihre Schwester.

„Mein Lehrer ist so ein Trottel! Er hat mir nur eine vier auf meinen Aufsatz über die Erste Landung geben!“

Hepkaale schaute ihre Schwester an. „Eine vier?“

„Ja! Ich hätte zu viel Fantasie! Ich hätte es so aufschreiben sollen, wie es wirklich passiert ist. Der hat doch überhaupt keine Ahnung, ich war schließlich dabei.“

„Hast du ihm das gesagt?“

„Seine Antwort war, das kann ja jeder erzählen!“

Hepkaale lächelte. „Ich habe dir doch gesagt, dass du lieber ein Buch nehmen solltest.“

Als Sibüü sich weiter aufregte, wies Hepkaale sie darauf hin, dass sie jetzt ja erstmal eine Stunde rechnen über müsse.

„Aber ich habe nur eine vier bekommen. Der Deal war, dass ich eine gute Note bekomme.“

Hepkaale schüttelte den Kopf. „Der Deal war, du übst rechnen, wenn wir das Plot-Device benutzen. Oder muss ich mein ich von Übermorgen holen, dass wir dich zusammen abfragen?“

Sofort wurde Sibüü ruhig. Hepkaale lächelte. Jetzt hatte sie wenigstens eine Drohung, wenn Sibüü ihre Hausaufgaben mal wieder nicht machen wollte.

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