Hepkaale und Hepkaale

hepkaale_header„Hepkaale, bitte!“, jammerte Sibüü. „Ich muss diesen Aufsatz übermorgen abgeben und er ist sehr wichtig. Mit dem Plot-Device wäre es so einfach!“ Sibüü schaute Hepkaale flehend an.

„Nein, Sibüü. Mach das so wie alle anderen und lies in einem Buch aus der Bücherei nach, was bei der Ersten Landung passiert ist.“

Hepkaale verschränkte die Arme. Irgendwann musste Sibüü doch einsehen, dass man mit dem Plot-Device nur Ärger hatte.

„Aber mit dem Plot-Device könnte es so viel besser werden. Ich will ja nichts machen sondern nur danebenstehen und beobachten.“

Sibüü schaute sie mit ihren großen Augen bittend an.

„So funktioniert das Plot-Device nicht.“

„Aber ich könnte den besten Aufsatz der ganzen klasse schreiben. Und danach werde ich ganz viel für Rechnen üben.“

„Jeden Tag eine Stunde? Einen ganzen Monat lang?“

„Mindestens“, sagte Sibüü voller Überzeugung. „Du wirst stolz auf mich sein!“

Hepkaale wandte sich an ihre Eltern und anderen Geschwister: „Ich habt das alle gehört. Sibüü will einen Monat lang jeden Tag Rechnen üben!“

Die anderen Familienmitglieder am Küchentisch nickten und bekräftigten die Abmachung.

„Wir werden Sibüü an ihr Versprechen erinnern“, sagte ihre Mutter.

Befriedigt sah Hepkaale, wie Sibüü ihr Gesicht verzog.

„Möchtest du doch lieber ein Buch nehmen?“

Sie sah, wie Sibüü nachdachte, dann aber den Kopf schüttelte. „Lass uns gehen, meine Tasche ist schon gepackt.“

***

Zehn Minuten später, als das Summen und Brummen des Plot-Devices nachließ, fanden sich Hepkaale und Sibüü in einem Wald voller dichtem Unterholz wieder.

„Und jetzt?“, fragte Hepkaale ihre kleine Schwester.

Sibüü schaute sich um. „Wie soll denn hier ein Raumschiff landen?“

Hepkaale schaute sich um. „Hmm. Irgendwie wird es schon gehen. Wir müssen nur Abwarten.“

Sibüü schaute ihre große Schwester an. „Abwarten? Ich schaue mich lieber um, ob ich irgendwo die Lichtung finde, auf der das Raumschiff landen wird.“

Hepkaale nickte. „Versuch das. Aber geh nicht zu weit weg.“

Sibüü versuchte sich einen Weg durch das in alle Richtungen dichte Unterholz zu bahnen. Hepkaale hoffte, dass sie das nicht auch noch würde tun müssen. Aber sie war ja hier, damit Sibüü die Landung beobachten konnte, also würde sie selber einfach hier sitzen bleiben und warten können. Während sie wartete, beobachtete Hepkaale die Bäume und Zweige. Käfer und Insekten waren unterwegs und in den Ästen der Bäume sangen Vögel.

Hepkaale konnte hören, wie Sibüü fluchte, weil sie immer wieder hängen blieb und Dornen sie kratzten. Hepkaale war froh, dass sie sich entschieden hatte, hier einfach zu warten. Vielleicht hätte sie sich ein Buch mitnehmen sollen? Aber es konnte ja nicht mehr lange dauern, bis das Raumschiff landete.

Nach drei Stunden kam Sibüü erschöpft zurück. Sie war überall zerkratzt und hatte Hunger und Durst. Hepkaale packte für jeden von ihnen ein Stück Brot und Ziegenkäse aus und sie aßen es. Dazu gab es Wasser, das Hepkaale aufgefangen hatte, als es von den Bäumen tropfte.

Sibüü erzählte enttäuscht von ihrer Expedition. Sie hatte überall nur Wald gefunden und nicht die Spur einer Lichtung. Und hinter dem Wald gab es dann noch mehr Wald und noch mehr Dornen.

„Mir ist ein Rätsel, wie es möglich sein soll, dass hier ein Raumschiff landet.“

Hepkaale lächelte: „Vielleicht ist es nie gelandet und das Ganze ist nur eine Legende, um vorlaute Mädchen wie dich zu beschäftigen…“

Sibüü streckte ihrer Schwester die Zunge raus. „Du bist doof!“

Hepkaale wurde ernst. „Du kennst doch das Plot-Device. Man kann sich nie darauf verlassen, dass es das macht, was man von ihm will.“

„Aber das Raumschiff muss hier irgendwo landen“, sagte Sibüü trotzig.

„Du kannst ja auf einen Baum klettern und dich umschauen, vielleicht siehst du dann die Lichtung. Ich bleibe hier sitzen und warte auf dich.“

Sofort stand Sibüü auf und fing an zu klettern. Hepkaale packte ihr Messer und ein Stück Holz, das sie in ihrer Tasche hatte, aus. Wenn sie schon warten musste, konnte sie auch weiter an der Schüssel schnitzen.

Sie war bereits ein gutes Stück weiter gekommen, als sie Sibüü enttäuscht rufen hörte: „Weit und breit ist keine Lichtung zu sehen. Ich verstehe das nicht.“

„Ich auch nicht“, rief Hepkaale zurück. „Vielleicht solltest du runter kommen und an deinem Aufsatz arbeiten. Bestimmt hat uns das Plot-Device nur hergeschickt, damit du deine Ruhe hast. Und wenn du fertig bist, schickt es uns wieder nach Hause.“

„Stell dich nicht blöd“, sagte eine vertraut klingende Stimme direkt hinter ihr. „Du weißt genau, was du zu tun hast.“

„Hier sitzen und abwarten“, antwortete Hepkaale und drehte sich um. Hinter ihr stand eine junge Frau. Hepkaale schaute sie mit großen Augen an. Sie sah wie sie selber aus.

„Das sieht ja voll dämlich aus, wie du mich anschaust. Wie ich mich anschauen. Wie auch immer.“

„Bist du mein Doppelgänger“, fragte Hepkaale die junge Frau.

„Natürlich nicht“, antwortete die. „Glaubst du etwa, dass es vor der Landung des Raumschiffs hier schon Menschen gab?“

Hepkaale schüttelte den Kopf. „Aber wer bist du dann?“

„Ich bin Hepkaale aus Tirüplet.“

„Das kann nicht sein“, erklärte sie der zweiten Hepkaale, „denn ich bin schon Hepkaale aus Tirüplet.“

Die Neue rollte mit den Augen. „Mach dich nicht dümmer als du bist. Natürlich geht das, wenn das Plot-Device es so will.“

Hepkaale schüttelte den Kopf. „Warum sollte es wollen, dass ich mich selber treffe?“

Die Neue lachte: „Weil wir drei Leute brauchen, um unsere Aufgabe zu erfüllen. Ich habe einen Teil gemacht und jetzt hat mich das Plot-Device hierher zwei Tage zurück geschickt, damit ich mich – also dich – überzeuge, dass wir diese Aufgabe zusammen erledigen müssen.“

„Hepkaale!“, rief Sibüü von oben. „Mit wem redest du?“

Bevor Hepkaale antworten konnte, antwortete ihr Ich von Übermorgen: „Mit mir selber!“

„Aha!“, rief Sibüü zu ihr herab. „Ich sollte wohl wieder runter kommen.“

Hepkaale fragte sich, in was für ein seltsames Abenteuer das Plot-Device sie diesmal geschickt hatte.

„Komm schon“, sagte die Hepkaale von Übermorgen. „Du weißt genau, was das Plot-Device von mir – von dir – will. Du weißt es, spätestens, seit Sibüü keine Lichtung gefunden hat.“

„Es will von mir, dass ich hier warte, bis Sibüü ihren Aufsatz geschrieben hat“, sagte Hepkaale trotzig.

Die Hepkaale von Übermorgen schüttelte den Kopf. „Du weißt genau, dass das nicht stimmt. Es stimmt nie.“

„In diesem Fall stimmt es doch.“ Hepkaale verschränkte die Arme.

„Sei doch nicht so stur. Du wirst dich in zwei Tagen selber darüber ärgern, das kann ich dir versprechen.“

Hepkaale schüttelte den Kopf. „Ich kann mich dafür entscheiden, einfach zwei Tage zu warten. Dann landet das Raumschiff oder auch nicht. Und danach habe ich nichts mehr zu tun und das Plot-Device schickt mich nach Hause. Ich muss also nur abwarten.“

Die Hepkaale aus der Zukunft schüttelte den Kopf. „Das Plot-Device wird dich dann einfach zwei Tage zurück in die Vergangenheit schicken und du bist ich und versuchst dich zu überreden, das Nötige zu tun.“

„Das würde ich nie machen“, sagte Hepkaale. Sie fragte sich, warum sich die Hepkaale von Übermorgen überhaupt die Mühe machte, mit ihr zu diskutieren. Wenn sie wirklich die Hepkaale von Übermorgen wäre, dann müsste sie doch ihre Meinung kennen…

„Ich kenne ja deine Meinung auch.“

Hepkaale fragte sich, ob Zeitreisende wohl Gedanken lesen könnten.

„Nein, ich kann keine Gedanken lesen“, sagte die Hepkaale von Übermorgen. „Aber ich kann mich an vorgestern erinnern und daran, was ich gedacht habe.“

„Boah, das ist ja krass!“, konnte Hepkaale Sibüü von oben rufen hören. „Wie hast du es geschafft, dich zu verdoppeln?“

Hepkaale stöhnte. Das hatte ihr noch gefehlt, dass Sibüü ihr dabei zu schaute, wie sie sich mit sich selber stritt.

„Wir brauchen drei Leute, um die Aufgabe zu erledigen“, sagte die Hepkaale von Übermorgen. „Deswegen hat das Plot-Device mich zweimal hergeschickt.“

„Warum bin ich nicht zweimal hier? Ich hätte bestimmt sehr viel Spaß mit mir selber.“

Hepkaale rollte mit den Augen. Das hatte noch gefehlt. Sie sah, dass ihr ich von Übermorgen genauso gequält aussah bei der Vorstellung, zwei Sibüüs zu haben.

„Komm runter“, sagte die Hepkaale von Übermorgen. „Wir wollen anfangen.“

„Ich werde gar nichts anfange“, sagte Hepkaale stur. „Ich lasse mich weder vom Plot-Device noch von dir – ähm, mir – was vorschreiben.“

Die anderen Hepkaale schüttelte den Kopf. „Du wirst dich übermorgen sehr über deine Dickköpfigkeit ärgern, das kann ich dir versprechen.“

„Ich werde übermorgen immer noch die gleiche Meinung haben.“

„Wirst du nicht“, sagte die Hepkaale von Übermorgen und stemmte die Arme in die Hüften.

„Warum sollte ich meine Meinung ändern?“

Die Hepkaale von Übermorgen verdrehte die Augen. „Ich will nach Hause“, sagte sie, doch Hepkaale war nicht überzeugt.

„Das können wir, sobald das Raumschiff gelandet ist.“

„Und wo soll es hier landen?“, wollte die Hepkaale von Übermorgen wissen.

„Was weiß ich“, erwiderte Hepkaale gereizt. „Es ist nicht meine Aufgabe, mich darum zu kümmern.“

Die Hepkaale von Übermorgen schüttelte den Kopf. „Warum bin ich nur so stur?“

„Weil wir genau wissen“, sagte Hepkaale, „dass wir nur hier sind, damit wir darauf achten können, dass Sibüü ihren Aufsatz schreibt.“

Die Hepkaale von Übermorgen seufzte resignierend und Hepkaale entspannte sich ein wenig. Sie würde sich weder von dem Plot-Device noch von sonst irgendwem vorschreiben lassen, was sie zu tun und lassen hatte. Es war ganz alleine ihre Entscheidung.

„Wenn ich entscheide, ist es auch deine Entscheidung“, sagte die Hepkaale von Übermorgen, als hätte sie ihre Gedanken gelesen.

Sibüü war mittlerweile vom Baum runter geklettert und schaute fasziniert von einer Hepkaale zur anderen. „Ihr seid echt voll gleich!“

„Nein, sie ist viel sturer als ich“, widersprachen beide Hepkaales und deuteten mit einem Kopfnicken zur jeweils anderen.

„Sie weigert sich, das zu tun, wofür sie hier ist.“

„Ich entscheide selber, was ich tue und was nicht.“

Die beiden Hepkaales fingen wieder an zu streiten. Sibüü schaute ihnen dabei fasziniert zu. Schließlich wandte sie sich an Hepkaale von heute: „Mir ist langweilig. Warum schickt uns das Plot-Device so her, dass wir zwei Tage warten müssen, bis das Raumschiff landet?“

Beide Hepkaale schauten Sibüü an.

„In der Zeit könnten wir doch machen, was sie will“ – sie zeigt auf die Hepkaale von Übermorgen – „damit wir was zu tun haben und uns nicht langweilen.“

Hepkaale entging nicht, was ihr ich von Übermorgen Sibüü für einen Blick zu warf.

„Aber ich habe keine Lust darauf.“

„Aber ich schon“, sagte Sibüü.

„Und du hast noch weniger Lust darauf, dass dir Sibüü zwei Tage auf die Nerven geht, weil ihr langweilig ist“, fügte die Hepkaale von Übermorgen hinzu.

Hepkaale überlegt. Wenn ihr langweilig war, konnte Sibüü wirklich sehr nervig sein. Und so, wie es aussah, würde ihr zwei Tage lang sehr langweilig sein. Und dazu noch die Hepkaale von Übermorgen, die sie ebenfalls nervte. Vielleicht war es wirklich besser, wenn sie etwas zu tun hatten.

Sie schaute zu ihrer Schwester. Ja, dachte sie, Sibüü sollte keine Langeweile haben.

„In Ordnung“, gab Hepkaale nach. „Was ist zu tun?“

Hepkaale von Übermorgen schaute Sibüü an: „Was weißt du über die Erste Landung?“

Sibüü überlegte: „Die Erste Landung? Die fand in Hubüwot statt. Auf einer Lichtung, die durch einen Waldbrand entstanden war.“

Hepkaale von Übermorgen schaute Sibüü erwartungsvoll an, doch die sagte nichts weiter.

„Du hast doch bestimmt noch mehr gelernt“, sagte die Hepkaale von heute. „Was weißt du noch?“

„Das ist ja wie in der Schule hier“, beschwerte sich Sibüü.

„Nur dass deine Lehrerin doppelt ist“, sagte Hepkaale von Übermorgen.

„Und beide sind streng“, fügte Hepkaale von heute hinzu.

„Das ist unfair“, jammerte Sibüü.

„So ist das Leben. Du wolltest hierher. Jetzt musst du uns auch sagen, was wir machen müssen.“

„Aber Hepkaale“, sagte Sibüü und machte der Hepkaale von Übermorgen große Augen.

„Kein aber Hepkaale“, sagte die Hepkaale von heute. „Eine von uns kannst du vielleicht mit großen Augen anschauen, aber nicht beide gleichzeitig.“

„Ich dachte, es wäre cool, wenn du doppelt da bist.“

„Was weißt du noch über die Erste Landung?“, beharrte Hepkaale.

Sibüü gab nach und überlegte. „Sie fand in sumpfigem Gelände statt. Es gab dort viele kleine Bäche, die dafür gesorgt haben, dass sich der Waldbrand nicht zu weit ausbreitete.“

„Und weiter“, forderte Hepkaale.

„Tagwärts der Lichtung gab es einen kleinen See. Den habe ich vom Baum aus auch gesehen.“

Hepkaale von Übermorgen lächelte. „Das ist gut, dann wissen wir, welches Waldstück wir anzünden müssen.“

„Und wie kriegen wir den Wald angezündet?“, wollte Hepkaale wissen.

„Trockenes Unterholz“, sagte die Hepkaale von Übermorgen. „Davon gibt es hier haufenweise. Wir müssen es nur sammeln und dann anzünden, ganz einfach.“

„Ganz einfach“, wiederholte Hepkaale und sah einen Haufen Schwierigkeiten vor sich. „Dann müssen wir den Wald nur noch löschen, wenn genug abgebrannt ist, und dann kann das Raumschiff landen?“

„Genau“, sagte die Hepkaale von Übermorgen.

„Und wie löschen wir einen Waldbrand?“

„Mit einer Flutwelle“, sagte die Hepkaale von Übermorgen. „Es ist ja hauptsächlich das Unterholz, das brennt.“

„Eine Flutwelle? Sibüü schnipst mit den Fingern und wir bekommen eine Flutwelle, oder wie hast du dir das gedacht?“

Die Hepkaale von Übermorgen grinste. „Fast. Sibüü muss laut rufen, damit es eine Flutwelle gibt.“

Hepkaale schaute ihr ich von Übermorgen skeptisch an.

„Das ist doch ganz einfach“, sagte sie und erklärte den Plan.

***

Den zweiten Teil der Geschichte bekommt ihr nächste Woche. Er wird dann hier verlinkt.

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