Ingo im Pumpensumpf

„Großmutter Fadati“, sagten die Kinder, „erzähl uns eine Geschichte.“

„Aber Kinder“, sagte die Alte, „worüber soll ich euch denn erzählen?“

„Eine Geschichte über die Sejereh“, sagte eines der Kinder.

„Genau“, stimmt ein anderes zu. „Eine Geschichte von früher!“

„Jaaa! Erzähl uns nochmal von dem Toilettenausfall!“

Die Alte lachte. „Der Toilettenausfall? Der hat es euch angetan, oder?“

Alle Kinder, die um die Alte herumsaßen, nickten eifrig.

Die Alte überlegte kurz. Dann fing sie an: „Was der Toilettenausfall für uns alle bedeutete, habe ich euch ja schon erzählt. Aber ich habe euch noch nichts darüber erzählt, wie der Toilettenausfall schließlich behoben wurde und was Ingo Anders damit zu tun hatte. Also hört gut zu.“ Dann begann sie zu erzählen:

Es fing damit an, dass ein Meteorit in die Abwasseranlage eingeschlagen ist. Aber nicht einfach nur in die Anlage, denn davon hatten wir natürlich mehrere. Er hat den Pumpensumpf getroffen, in dem das Wasser gesammelt wurde, und davon hatten wir nur einen. Wenn wir damals den Ingo nicht gehabt hätten, dann hätten wir ein richtiges Problem gehabt.

Aber wir hatten den Ingo – das ist natürlich nicht sein richtiger Name, aber warum er Ingo Anders hieß, das erzähle ich euch ein andermal. Wir hatten also unseren Ingo, und als der Meteorit uns traf, da war er gerade auf der Brücke gewesen.

Er war damals noch recht jung gewesen, vielleicht zehn Jahre älter als ich. Aber er hatte richtig viel Ahnung von Technik. Jede freie Minuten verbrachte er damit, die Systeme der Sejereh zu untersuchen und zu verstehen, wie sie funktionierten. Das war ein großes Glück für uns, denn der Alarm ging los und niemand wusste etwas genaues. Ingo hat jedoch schnell erkannt, dass der Meteorit in den Pumpensumpf eingeschlagen hat, und hat alle Leitungen, die zum Sumpf hin führten geschlossen und dann eine Evakuierung des Delta-Drei-Lagermoduls ausgelöst.

Die anderen wollten von ihm wissen, warum er das gemacht hatte, doch er gab den Älteren und Erfahreneren auf der Brücke Befehle. So, wie mir erzählt wurde, waren das sehr seltsame Befehle, wisst ihr, und auf der Brücke verstand niemand so recht, was sie bedeuten sollten, aber Ingo bestand darauf, dass sie seine Befehle sofort ausführten, um das Schiff zu retten.

Da einer der älteren Leute im Kontrollmodul mittlerweile erkannt hatte, was das Problem war, befahl er den anderen, auf Ingo zu hören. Vier Leute zogen Raumanzüge an und zogen eine riesige Plastikfolie, die sie aus einem Lagermodul geholt hatten, um das beschädigte Modul. Zum Glück ist das Modul nicht sehr groß, so dass die Folie reichte, um das ganze Modul einzuhüllen.

Ingo hatte sich unterdessen ebenfalls einen Raumanzug angezogen und kletterte zusammen mit einer weiteren Person in das Modul, das von dem Pumpensumpf umgeben war und dann durch eine Notfallklappe in den Pumpensumpf. Das muss ziemlich eklig gewesen sein, denn die Pumpensümpfe sind das, wo unser Abwasser gelagert wird, bevor es aufbereitet wird. Ihr könnt euch vorstellen, wie es dort aussah, jetzt, wo das Wasser mit der ganzen Scheiße und dem Waschmittel drin kochte, weil der Druck zu niedrig war.

Ingo und sein Helfer hatten schließlich das Loch erreicht und befestigten dort am Rand eine luftdichte Halterung. Die Leute draußen hatten in der Zeit die Folie immer dichter zusammen gedrückt und Ingo und sein Begleiter konnte sie ganz langsam durch das tellergroße Loch wieder in das Modul ziehen. Es war auch gut, dass sie das so machten, denn dadurch ging einerseits nicht zu viel Wasser verloren und andererseits mussten wir das Wasser nicht durch die normalen Module transportieren. Da stank es schließlich schon genug, weil wir die Toiletten nicht benutzen durften. Es dauerte dann jedoch noch mehrere Tage, bis der Pumpensumpf schließlich repariert war.

Die alte Frau hörte auf zu reden. Alle Kinder schauten sie gebannt an. „Das war die Geschichte, wie Ingo Anders in unserem Pumpensumpf steckte. Und wie unser Ingo zu seinem Namen gekommen ist, das erzähle ich ein anderes Mal. Und jetzt husch, alle schnell ins Bett!“

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