Kanzas Schatz

Kanza war gerade wach geworden, als jemand an die Tür ihres Zimmers klopfte. Warum klopfte jemand an ihre Tür? Es war doch Sonntag und sie hatte schulfrei. Und die Lichter draußen im Modul Gamma waren auch noch nicht an.

„Was ist denn los“, fragte sie gähnend.

„Ich bin’s, Latharo.“

Kanza setzte sich auf. Latharo war zwei Jahre älter als sie und schon in der sechsten Klasse. Warum weckte er sie Sonntagmorgens in aller Frühe?

„Darf ich reinkommen?“

Kanza setzte sich auf und zog die Decke bis zum Kinn hoch.

„Ja, kannst du.“

Die Tür öffnete sich und Latharo kam herein. Er hatte ein altes T-Shirt an und seine langen, schwarzen Haare sahen mal wieder ungekämmt aus. Er ging durch ihr Zimmer und bliebt dann vor ihrem Spielzeugschrank stehen.

„Hier muss es sein.“

Kanza wurde misstrauisch. „Was muss hier sein?“

„Der Schatz.“

„Welcher Schatz?“

Die Frage schien Latharo ein wenig aus dem Gleichgewicht zu bringen. Dann sagte er überzeugt: „Der Schatz natürlich. Der geheime Schatz, den ein Räuber dort versteckt hat.“

Ein Räuberschatz? Damit kannte Kanza sich aus, sie hatte schließlich schon viele Bücher von der Erde gelesen.

„Dein Schatz liegt da nicht.“

Latharo schaute sie überrascht an. „Woher weißt du das?“

„Räuberschätze liegen immer unter den Wurzeln großer, alter Bäume“, erklärte sie Latharo. Dann fügte sich noch hinzu: „Und nicht unter meinem Spielzeugschrank.“

„Aber er muss hier sein.“

„Dann will ich die Hälfte davon ab haben“, legte Kanza fest. „Es ist schließlich mein Spielzeugschrank.“

Latharo verdrehte die Augen, doch Kanza ließ nicht locker. „Das ist wirklich so.“

Latharo schaute sie durchdringend an. Kanza hatte das Gefühl, dass sie noch etwas sagen müsste, also fügte sie hinzu: „Außerdem werden Schätze immer von Drachen bewacht.“

„Und dieser Drache bist du?“

Kanza stemmte die Arme in die Hüften. „Sehe ich etwa aus wie ein Drache? Habe ich Schuppen und speie Feuer?“ Sie hatte sich so in Rage geredet, dass sie gar nicht bemerkte, wie ihr die Decke runterrutschte und sie nun in ihrem pinken Pyjama auf dem Bett saß.

„Naja“, sagte Latharo unsicher.

„Nein, habe ich nicht“, erklärte Kanza. „Und in meinem Zimmer gibt es auch keinen Drachen, also gibt es hier auch keinen Schatz.“

„Aber wenn der Drache in einem anderen Modul ist? Oder wenn er gar auf der Erde geblieben ist?“

Kanza überlegte. Wenn der Drache nicht mit ihnen auf der Sejereh war, dann … ja, was dann?

„…dann gibt es erst recht keinen Schatz hier“, erklärte sie.

„Aber ich habe überall gesucht und die schatzigste Ecke ist nun mal hier.“

„Aber warum sollte jemand in meinem Zimmer einen Schatz verstecken? Warum sollte überhaupt jemand auf unserem Raumschiff einen Schatz verstecken?“

„Damit ich ihn finden kann, das ist doch klar.“

Das war ein Argument, das Kanza nicht entkräften konnte. Um so fest war sie entschlossen, selber einen Teil des Schatzes zu bekommen.

„Und du meinst wirklich, dass der hier liegt?“

„Wenn ich es dir doch sage. Warum sonnst sollte ich Sonntags morgen hier reinplatzen und den Schatz suchen. Außerdem habe ich einen Hinweis in einem Buch gefunden.“

„Aber die Hälfte bekomme ich“, beharrte Kanza. „Wenn nicht, dann darfst du hier nicht suchen.“

Latharo seufzte. „Na gut, wenn es nicht anders geht, du bekommst die eine Hälfte, und ich die andere.“

Kanza sprang aus dem Bett. „Gut, dann lass uns suchen.“

Sie schob den Haufen Spielsachen, der vor ihrem Schrank lag, zur Seite. Latharo hob den Teppich an.

„Siehst du den Schatz schon?“

Latharo schüttelte den Kopf. „So schnell geht das nicht. Bisher sehe ich nur Fußboden.“

„Oh, kein Schatz?“, fragte Kanza enttäuscht.

„Hab Geduld. Du weißt doch, einen Schatz zu finden ist anstrengend und gefährlich. Falls doch ein Drache da ist, wollen wir ihn ja nicht wecken.“

Latharo hob die andere Ecke des Teppichs an. Dann die dritte. Die vierte lag leider unter dem Schrank und ließ sich nicht anheben.

„Komm schon“, drängelte Kanza. „Finde endlich den Schatz.“

Latharo fing an, den Teppich aufzurollen, um den ganzen Fußboden untersuchen zu können. Es war jedoch kein Schatz zu sehen, wie Kanza enttäuscht feststellte. Latharo fing an, den Fußboden abzuklopfen, und als er eine Stelle fand, die hohl klang, sagte er: „Da! Da ist unser Schatz drunter.“

„Da? Aber da ist doch der Fußboden.“

Latharo klopfte wieder auf die Stelle. „Hörst du, wie das klingt? Da muss der Schatz drunter versteckt sein.“

Kanza schüttelte ihren Kopf. Ihr kamen wieder Zweifel, ob Latharo wirklich recht hatte. Andererseits, wenn es stimmte, dann wollte sie sich ihre Schatzhälfte nicht entgehen lassen. Und der einzige Zweck von Schätzen war schließlich, dass man sie fand.

Latharo klopfte den Boden weiter ab und begann dann mit einem Schraubenzieher, den er aus seiner Tasche holte, eine Rille im Boden freizulegen. So, wie es aussah, schien es da tatsächlich etwas zu geben. Kanza wurde ganz aufgeregt. Hoffentlich wurden die anderen nicht wach und meckerten mit ihnen, dass sie ein Loch in den Fußboden machten.

Kanza lief zur Tür und stellte ihren Stuhl unter die Klinke. Jetzt würden die Erwachsenen es schwieriger haben, rienzukommen. Nicht, dass die kamen, wenn sie den Schatz gefunden hatten, und dann noch einen Teil von ihrem Schatz haben wollten.

Latharo hatte eine weitere Rille vom Staub befreit und Kanza sah, dass es ein Rechteck war, vielleicht so groß wie die Sitzfläche ihres Stuhls. Latharo versuchte, seinen Schraubenzieher in die Rillen zu stecken, aber es gelang ihm nicht so richtig, er rutschte immer wieder an.

„Hast du irgendwas spitze da?“, fragte er Kanza, als sie sich zu ihm hockte. Kanza überlegte. Sie könnte ein Messer aus der Küche holen, aber dann müsste sie ihren Stuhl wegräumen und würde womöglich die anderen wecken. Was hatte sie noch? Ihre Nagelfeile war im Bad, da gab es das gleiche Problem wir mit dem Messer in der Küche.

„Vielleicht ein Lineal?“, fragte sie, stand auf und kramte in ihrer Schreibtischschublade. Dann hatte sie es gefunden, lang und aus Metall. Sie gab es Latharo, der damit sofort begann, in den Rillen im Boden zu kratzen. Kanza hockte sich wieder neben ihn und beobachtete, wie er das Lineal Stück für Stück weiter reindrückte. Dann bog er es zur Seite und Kanza sah, dass sie die Platte im Boden tatsächlich ein wenig hob. Dann gab es einen Knack und das Lineal war durchgebrochen.

„Mist“, sagte Kanza, doch Latharo freute sich. Er gab das abgebrochene Ende Kanza und nun versuchten sie von beiden Seiten, den Deckel zu öffnen. Kanza war überrascht, wie anstrengend es war, doch irgendwann gab es ein „Plop“ und der Deckel ging auf. Kanza konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten und fiel um, und auch Latharo musste um sein Gleichgewicht kämpfen.

In dem rechteckigen Loch, das jetzt in ihrem Boden war, konnte sie eine Kiste aus dunklem Holz mit hübschen Verzierungen sehen.

„Wow“, sagte Latharo. „Wir haben den Schatz wirklich gefunden.“

Vorsichtig hob der die Kiste aus dem Boden und stellte sie ab. Die Kiste war nicht verschlossen, und Kanza öffnete sie. In der Kiste lag ein Buch. Und was für eines. Kanza hatte noch nie so ein schönes Buch gesehen. Der Umschlag war dunkelrot und mit vielen Metallverzierungen versehen. Schnörkel und Ranken und sogar ein paar winzig kleine Metallblumen.

Vorsichtig hob Kanza es aus der Kiste und schlug es irgendwo in der Mitte auf. Die Seite war jedoch leer. Sie blätterte zum Anfang, wo ein paar handbeschriebene Seiten war. Sie schlug die erste Seite auf und Latharo begann vorzulesen:

„Ich bin Hamzah Yukai aus Katakaram. Ich helfe beim Bau der Sejereh und verstecke dieses Buch, damit ihr es zu späteren Zeiten findet. Ich hoffe, dass ich es gut genug versteckt habe, dass es nicht noch vor dem Start entdeckt wird. Wird schreiben das Jahr 2141 und der Bau schreitet gut voran.“

Kanza war begeistert. „Das Buch wurde auf der Erde hier versteckt.“

Latharo schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht.“ Er blätterte auf die nächste Seite. Hier war es eine andere Schrift.

„Ich bin Sumaya, und habe dieses Buch beim Renovieren der Wand gefunden. Die Sejereh hat vor ein paar Wochen den Saturn passiert. Ich habe entschieden, niemandem zu verraten, dass ich das Buch hier gefunden habe. Ich werde es unter dem Fussboden verstecken und eine Botschaft hinterlassen, damit jemand anderes dieses Buch später wiederfindet.“

Latharo blätterte wieder um. Insgesamt hatte das Buch Einträge von fünf Personen, die es gefunden hatten und jeweils entschieden hatten, niemandem zu verraten, dass es gefunden wurde, aber einen Hinweis zu hinterlassen.

„Wir müssen auch etwas reinschreiben“, sagte Latharo. „Und dann müssen wir es wieder verstecken.“

„Ja, das müssen wir. Dann kann uns auch jemand finden.“

So kam es, dass die beiden ihren Schatz wieder versteckten und in einem alten Buch einen Hinweis auf den Schatz hinterließen. Und so lange sie lebten, erzählten sie niemandem von dem geheimen Schatz.

Vielen Dank an Sofians Schreibstube für die Inspiration (Dienstagsübung) für diese Geschichte.

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Eine Antwort zu Kanzas Schatz

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