Der Fall der verschwundenen Apfelsamen – Teil I

„Wo sind die Apfelsamen hingekommen?“, wollte Rania, die Chefin der Vorab-Landungmission auf dem Kontinent Jibel, wissen. Zalia hatte keine Ahnung, ebenso wie die drei übrigen Mitglieder der Vorab-Gruppe, denn sie schauten sich ratlos an.

„Gestern waren sie noch da“, sagte Hasei, der Geologe des Teams.

„Sie standen hinter dem zweiten Container“, fügte Feita hinzu, die als Medizinerin und Köchin für die Vorabmission ausgewählt worden war.

„Ich habe sie vorgestern selber da hin gestellt“, ergänzte Makias, der die Vorbereitung der ersten landwirtschaftlichen Anlagen koordinieren sollte.

„Das stimmt, ich habe ihn dabei beobachtet“, sagte Zalia. Ihre Aufgabe waren die technischen Einrichtungen ihrer Gruppe.

„Aber jetzt sind sie nicht mehr da“, sagte Rania. „Wer von euch hat sie versteckt?“

Alle schüttelten den Kopf und betonten, dass sie es nicht gewesen waren. Rania schaute sie alle streng an, doch sie schüttelten weiter nur die Köpfe.

„Zalia“, sagte sie schließlich, „du kümmerst dich darum. Sieh zu, dass du die Apfelsamen wiederfindest, wir wollen sie schließlich aussäen.“

„Ich? Warum ich?“ Zalia verstand nicht, warum ausgerechnet sie nach den Apfelsamen suchen sollte.

„Weil du für die Technik zuständig und damit entbehrlich bist. Ich werde dich danach beurteilen, wie schnell du sie findest. Tu alles, was für den Erfolg deiner Suche notwendig ist.“

Zalia stöhnte. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Anstatt die Funkanlage und die Solarzellen aufzubauen, sollte sie jetzt nach den Apfelsamen suchen. Sie war sich sicher, dass sie die besser Chefin als Rania wäre. Bei ihr wäre die Kiste nicht weggekommen. Aber auf sie hörte ja keiner, und deswegen hatte Rania das Kommando, bis das zweite Landungsschiff eintraf. Zalia ärgerte sich noch immer darüber, dass nur Feita für sie gestimmt hatte und die anderen beiden Rania als Chefin haben wollten. Dabei war doch offensichtlich, dass Rania mit diesem Kommando überfordert war.

Zalia seufzte. Ihr blieb wohl nichts anderes übrig, als auf Rania zu hören, denn je eher sie hier fertig waren, desto eher würde die anderen Kolonisten hier sein.

Die nächsten drei Stunden verbrachte sie damit, sämtliche Container und Haufen mit ausgepackten Kisten zu durchsuchen, denn irgendwo musste die schwarze, ungefähr faustgroße Kiste sein. Doch so sehr sie sich auch bemühte, sie konnte sie nirgends finden.

Als sie alles durchsucht hatte, öffnete sie eine nach der anderen alle Kisten, die nicht mehr versiegelt waren. Als auch das nichts brachte, fragte sie sich, ob sie die Apfelsamen am Ende auf dem Raumschiff vergessen hatten. Diese Theorie verwarf sie jedoch schnell wieder, da sowohl sie als auch die anderen die Kiste hier auf dem Planeten schon gesehen hatten.

Somit blieben noch zwei Möglichkeiten. Entweder ein einheimisches Tier hatte die Kiste geklaut, oder jemand aus dem Team hatte sie versteckt. Bisher hatten sie hier noch keine größeren einheimischen Tiere gesehen. Auf anderen Kontinenten hatten die dortigen Siedler von welchen berichtet, doch hier in Jibel hatten sie bisher noch keine gesehen. Es könnte natürlich sein, dass ein Tier sich angeschlichen hatte, während sie alle schliefen, aber Zalia hielt das für unwahrscheinlich. Und an ein fliegendes Tier konnte sie auch nicht so recht glauben, denn der ganze Landeplatz lag seit zwei Tagen in dichtem Nebel und machte dem Kontinentnamen Jibel, was soviel wie Nebelland heißt, alle Ehre. Dann überlegte sie, falls doch ein unbekanntes Tier die Samen geklaut hatte, was sie dann machen könnten, aber ihr fiel nichts ein, wie sie die Samen wiederbekommen könnten. Wahrscheinlich wäre es einfacher, sich neue von der Sejereh mitbringen zu lassen. So, wie sie ihre Chefin kannte, würde sie wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit nach den Apfelsamen suchen.

Somit blieb als einzige Möglichkeit, die ihr weiterhelfen konnte, dass jemand aus der Crew die Samen absichtlich versteckt hatte. Doch Rania hatte sie alle gefragt, und alle hatten verneint, dass sie die Samen versteckt hatten.

 ***

Feita rief, dass das Essen fertig war. Das war genau das, war Zalia jetzt brauchte, eine Pause vom Apfelsamensuchen. Zalia sprang auf und lief zu den anderen, die bereits vor der Landekapsel an einem improvisierten Tisch saßen. Nur Makias fehlte noch. Als Stühle dienten ihnen Kiste, die sie bereits leer geräumt hatten, als Tisch eine große Kiste, in der die Hühner verstaut gewesen waren.

„Wie läuft’s mit deiner Apfelsuche?“, fragte Feita sie, während sie noch auf Makias warteten.

„Naja, bisher erfolglos. Ich habe alles abgesucht und nichts gefunden.“

„Aber irgendwo müssen die doch sein“, widersprach Rania. „Streng dich halt mehr an.“

Zalia nickte. „Ich habe noch zwei Möglichkeiten, wie sie verschwunden sein können.“

„Dann sieh zu, dass du Erfolg hast.“

„Um die Möglichkeiten zu untersuchen, werde ich euch befragen müssen.“ Sie erinnerte sich an ein Buch, dass sie vor ein paar Jahren mal gelesen hatte. Über einen Detektiv. Der hatte sehr viel Wert darauf gelegt, die Leute einzeln zu befragen. Genau das würde sie auch machen, entschied sie.

„Jeden von euch. Und zwar einzeln, während die anderen Arbeiten.“ Sie warf einen Blick zu Rania. „Es sei denn natürlich, wir haben besseres zu tun als diese Apfelsamen zu suchen.“

Jetzt sahen alle fragend zu Rania. Zalia konnte spüren, dass nicht nur Feita der Meinung war, dass diese Suche nach den Apfelsamen unsinnig war. Aber Rania blieb bei ihrer Meinung. „Es ist wichtig zu wissen, wo alles ist, das wir brauchen. Und wenn etwas verschwindet, dann muss man es suchen, so einfach ist das. Nächstes Mal verschwindet vielleicht etwas Lebensnotwendiges, das müssen wir verhindern.“

„Also werdet ihr einer nach dem anderen heute Nachmittag zu mir kommen.“ Sie schaute Hasei an. „Du kommst gleich nach dem Essen mit.“

„Ich? Warum ich?“

Zalia zuckte mit den Schultern. „Mit irgendwem muss ich anfangen.“

Hasei schaute zu Rania. „Aber meine Untersuchungen…“

Rania schüttelte den Kopf. „Wir müssen erstmal unsere Probleme lösen. Wenn du deine Untersuchungen eine halbe Stunde später machst, wird davon nicht die Sejereh untergehen.“

„Wenn es sein muss…“

 ***

Zehn Minuten später saßen Zalia und Hasei vor der Landekapsel.

„Ich muss zugeben“, sagte Hasei, „ich bin ein wenig nervös.“

„Wenn du die Samen nicht versteckt hast, musst du nicht nervös sein. Hast du sie versteckt?“

Hasei schaute sie an. „Natürlich nicht. Warum sollte ich?“

Zalia blieb ernst. „Das versuche ich herauszufinden.“ Als sie Haseis entrüsteten Blick sah, fügte sie hinzu: „Nicht, warum du das gemacht hast, sondern, warum irgend jemand so etwas machen sollte.“

„Verdächtigst du mich?“

„Bisher habe ich keinen Verdächtigen, nur fehlende Apfelsamen. Aber die soll ich nun mal finden. Und wenn sie nicht da sind, muss sie jemand weggestellt haben. Wo hast du sie zuletzt gesehen?“

„Das war, als wir den Container mit den Sämereien ausgepackt haben. Ich habe die Kisten ausgeladen, vorgelesen, was drin ist, und die Apfelsamen dann Makias gegeben.“

Zalia schaute Hasei streng an. „Du hast die Äpfel Makias gegeben? Soweit ist weiß, war doch Feita auch dabei, als ihr die Kisten ausgeladen habt. Sicher, dass du sie nicht ihr gegeben hast?“

Hasei lächelte. „Natürlich bin ich mir sicher. Makias hat sich noch beklagt, dass es völlig unsinnig ist, dass wir die Apfelsamen mitgenommen haben und die Blumenkohlsamen, die ja viel eher ein Ergebnis haben würden, deswegen auf der Sejereh lassen mussten.“

Zalia zog eine Augenbraue hoch. „Makias sagt, er hätte es besser gefunden, wenn wir die Apfelsamen nicht mitgenommen hätten?“

Hasei lachte. „Besser gefunden ist schön formuliert. Er hat sich ziemlich über Rania aufgeregt, dass die die Äpfel für wichtiger erachtet hat als andere Samen. Ich war überrascht, wie deftig er sich ausdrückt, wenn ihm was nicht passt.“

„Feita und du, ihr habt euch natürlich nichts dabei gedacht, oder?“

„Was sollten wir uns dabei denken?“ Hasei unterbrach sich. „Du meinst, er hat…“

Zalia schaute Hasei streng an.

„Das ist doch lächerlich“, sagte Hasei. „Makias würde so etwas nicht machen.“

„Wer würde denn dann so etwas machen?“, fragte Zalia nach.

Hasei schaute Zalia an. „Von uns fünf? Keiner.“

„Aber wo sind die Apfelsamen dann?“

„Was weiß ich“, entgegnete Hasei pampig. „In meinen Augen vertrödeln wir hier nur unsere Zeit.“

„Ich weiß“, sagte Zalia trotzig. „Aber wenn wir es nicht machen, lässt Rania uns die ganze nächste Woche nach diesen blöden Samen suchen. Du weißt, wie das ist, wenn sie sich einmal was in den Kopf gesetzt hat.“

„Tut mir leid“, entschuldigte Hasei sich. „Ich weiß, dass du genauso wenig Lust darauf hast wie wir.“

Zalia lächelte gezwungen. „Ich kann es mir nicht aussuchen.“

Hasei nickte. „Ich hoffe nur, dass du bald Erfolg hast. Wer weiß, was Rania uns noch alles machen lässt, wenn die nicht wieder auftauchen.“

„Ich weiß“, stimmte Zalia zu.

„Hast du mal darüber nachgedacht, dass es ein Tier gewesen sein könnte?“

Zalia brummte bejahend. „Aber wenn dem so war, dann werden ich die nächsten zwei Wochen damit verbringen, die ganze Umgebung abzusuchen.“

Hasei nickte zustimmend. „Sie hat dir wohl immer noch nicht verziehen, dass du die Gruppe statt ihr anführen wolltest.“

„Kann sein. Kann ich aber jetzt nicht ändern. Kannst du mir dann gleich Makias vorbeischicken? Den würde ich gerne als nächstes befragen.“

„Mach ich. Bin ich dann jetzt fertig?“, fragte Hasei hoffnungsvoll.

„Fürs erste“, sagte Zalia. „Wenn mir später noch weitere Fragen einfallen, dann rufe ich dich nochmal.“

Als Hasei gegangen war, dachte Zalia über das nach, was er erzählt hatte. Konnte es sein, dass sie schone ein Spur hatte, der sie folgen konnte? Makias fand es nicht gut, dass sie die Apfelsamen mitgenommen hatten. Er war sehr unzufrieden darüber. Aber würde er sie deswegen verstecken? Vielleicht um Rania zu ärgern und ihr zu zeigen, dass es besser gewesen wäre, Blumenkohlsamen mitzunehmen? Sie war gespannt, was er dazu sagen würde.

So, das ist der erste Teil dieses Falls. Ob Makias etwas mit dem Verschwinden der Kiste zu tun hat oder ob es jemand anderes war, erfahrt ihr im nächten Teil, den ihr hier findet.

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