Der Vierte der Tage von Tewila – Teil 3

Teil 1 und Teil 2

Eine Frau in einer Uniform der Wache dominierte den Raum. Sie hatte die Hände in die Hüften gestemmt und beugte sich zu einem Mann vor, der vor ihr gefesselt auf einem Stuhl saß.

„Reden Sie endlich!“

Der Mann, auf dessen nacktem Oberkörper einige blutige Streifen zu sehen waren, schaute kurz zu Zabena und ihren Begleitern, wandte seinen Blick dann aber schnell wieder der Kommandantin zu. Sie hatte jedoch sein kurzes Abschweifen bemerkt und drehte sich nun um. „Was fällt Ihnen ein, diesen Raum ohne Erlaubnis zu betreten? Dafür werden Sie ins Gefängnis wandern.“

Zabena lächelte und sagte ruhig: „Ich glaube nicht.“

„Wächter“, brüllte die Kommandantin. „Nehmt diese Frau fest und sperrt sie zu den anderen.“

zwei Wächter, die in einer Ecke gestanden hatten, traten auf Zabena zu, doch Jihndy und der verletzte Wächter traten ihnen in den Weg.

„Bendab! Jihndy! Was soll das?“

Die Wächter zogen ihre Schwerter.

„Steckt die Schwerte weg“, befahl Zabena, und alle ließen die Schwerter sinken. „Ich bin Zabena, Botschafterin des Königs!“

Sie zog ihr Amulett heraus, trat einen Schritt vor und hielt es der Kommandantin vor die Nase.

„Oh, Botschafterin. Dann dürfen Sie natürlich jederzeit hier eintreten.“ Die Abneigung der Kommandantin war nicht zu überhören. Zabena entschied, dass ihr das egal sein konnte, denn ihr Gegenüber hatte ihre Autorität anerkannt, und das war es, worauf es im Augenblick ankam.

„In zwanzig Minuten erwarte ich einen Bericht von Ihnen, was sich hier in den letzten Tagen zugetragen hat. Der König interessiert sich dafür. Bis dahin lassen Sie mich bitte mit dem Gefangenen alleine.“

Die Kommandantin salutierte mit säuerlicher Miene und verließ den Raum. Zabena schickte auch die Wächter weg.

„Wie heißt du“, fragte sie den Gefangenen und löste seine Fesseln. „Samaro. Ich werde Ihnen nichts verraten.“

Zabena lächelte. „Das einzige, was ich wissen möchte, ist, warum ihr gegen die Wachen kämpft.“

Samaro schaute Zabena, die jetzt vor ihm hockte, abschätzend an.

„Mich hat sie das auch gefragt“, warf Masmai ein. „Das ist unsere Chance, direkt mit dem König zu sprechen.“

„Ich wurde auch gefragt“, sagte Jihndy. Dann fügte er hinzu: „Aber ich bin natürlich auf der anderen Seite.“

„Woher weiß ich, ob ich ihr vertrauen kann?“ Samaro schaute Masmai an, doch die wusste keine Antwort auf seine Frage. Stattdessen antwortete Zabena: „Wenn ihr mir nichts sagt, so werde ich das, was die Kommandantin sagt, glauben müssen.“

Nachdem Masmai ihm nochmal gut zugeredet hatte, erzählte Samaro seine Version der Ereignisse der letzten Tage. Er erzählte, wie er in den Kampf geraten war und wie sofort alle Leute auf ihn hörten, als er seinen Plan zur Infiltration der besetzten Stadt vorschlug und wie er dann am nächsten Tag von den Wächtern gefangen genommen worden war.“

Als er seine Erzählung beendet hatte, schaute Zabena ihn und Masmai eindringlich an.

„Wenn ihr freies Geleit bekommt, könnt ihr dann die Einwohner der Stadt überzeugen, die Feindseligkeiten einzustellen?“

Samaro überlegt und schüttelte dann den Kopf: „Nicht, solange die Wächter die halbe Stadt besetzt halten.“

„Machen sie aber nicht mehr“, warf Jihndy ein. „Zabena hat befohlen, dass sich alle Wächter möglichst schnell auf dem Benedar Sewak versammeln und das kämpfen einstellen sollen.“

Samaro nickte. „Wenn die Wächter das wirklich machen, dann sollte es möglich sein.“

Zabena wandte sich an Jihndy: „Du wirst die beiden begleiten. Ich stelle euch eine Passiergenehmigung des Königs aus. Du wirst dafür Sorge tragen, dass die anderen Wächter sie nicht aufhalten.“

Jihndy nickte. Zabena wandte sich an alle: „Ich erwarte euch in zwei Stunden mit so vielen Einwohnern wie möglich auf dem Benedar Sewak.“

Sie schrieb den Passierschein und stempelte ihn mit dem königlichen Siegel. Dann schickte sie die drei weg.

Anschließend suchte sie die Kommandantin auf und ließ sich ihre Version der Geschehnisse erzählen. Es war im wesentlichen die Geschichte, die sie von den Wächtern auch schon gehört hatte.

Nachdem das erledigt war, verließ sie das Wissensamt und suchte ihr Pferd. Es war im Stall eines örtlichen Gasthauses untergebracht. Sie packte das Fernaudienzgerät aus und baute es vor dem Gasthaus auf dem Marktplatz auf. Sie kontaktierte den Königspalast. Dort erfuhr sie, dass der König gerade in einer Besprechung war, doch als Zabena schilderte, was in Tewila vorgefallen war, entschied der Sekretär, dass der König in einer Stunde ein paar Minuten für sie Zeit hätte.

Zabena informierte die eintreffenden Wächter und Einwohner über den Stand. Dann setzte sie sich an das Gerät und schrieb eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse für den König, damit er sich vor der Audienz vorbereiten konnte.

Als Samaro, Masmai und Jihndy wiederkamen, ließ sie sie zu sich bringen. Auch die Kommadantin stand neben ihr. Als der verabredete Zeitpunkt gekommen war, rief sie den Königspalast. Erst meldete sich der Sekretär, dann meldete sich der König persönlich.

„Sehr geehrte Untertanen in Tewila. Ich bin der König, und spreche persönlich zu Ihnen.“

Es war still auf dem Platz geworden.

„Wie ich hörte, wollen sie weiterhin Marktrechte haben.“ Ein paar Bewohner riefen ihre Zustimmung.

„Das finde ich nicht gut“, fuhr der König fort. Zabena beobachtete die Zuhörer. Es war offensichtlich, dass die Einwohner dies nicht gut fanden.

„Es sollte nicht zu viele Städte mit diesen Rechten geben, da das den Frieden beeinträchtigen könnte.“

Die Stimmung der Bewohner wurde feindseliger. Fäuste wurden in die Luft gereckt.

„Jedoch kann ich dem Bericht Botschafterin Zabenas entnehmen, dass Sie nicht bereit sind, dies zu akzeptieren.“

Zustimmende Rufe.

„Mir persönlich ist diese Frage nicht so wichtig, dass ich dafür das Leben meiner Wächter auf Spiel setzen würde. Ob eine Stadt in der fernen Provinz nun Marktrechte hat oder nicht, ist für den großen Lauf der Dinge unerheblich.“

Die Einwohner hörten gebannt zu, und auch die Wächter waren vollkommen still.

„Wenn Sie in Tewila jedoch ihre Marktrechte behalten wollen, so werden Ihnen im Gegenzug auch Pflichten auferlegt:

Die öffentliche Verwaltung in ihrer Stadt muss von Ihnen selber finanziert werden. Ebenso die Gesundheitsvorsorge und die Ausbildung mit dem Wissensamt. Der Bürgermeister ist für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung zuständig. Zu diesem Zweck muss er eine eigene Gruppe Wächter unterhalten und finanzieren. Dies alles muss mit den finanziellen Mitteln der Stadt erfolgen, ein Zuschuss von unserer Seite kann es nicht geben.“

„Was ist mit den Steuern?“, rief jemand dazwischen.

„Um ihre Steuern muss sich die Stadt in Zukunft selber kümmern. Unterstützung durch uns wird es nicht geben. Einen Anteil der Steuern, den Botschafterin Zabena festsetzen wird, muss die Stadt an uns abgeben. Über die Höhe kann die Botschafterin frei entscheiden, da ihre Stadt so unbedeutend ist, dass es für uns keinen Unterschied macht, wie hoch dieser Betrag ist.

Sie werden eine Vereinbarung mit Botschafterin Zabena aushandeln, die das mündlich von mir verkündete verschriftlicht. Ich denke, damit ist soweit alles geklärt, und ich kann mich wieder wichtigeren Dingen zuwenden.“

Jubel brach auf dem Platz aus und die Bewohner Tewilas fielen sich in die Arme. Als der jubel sich nach einer Weile gelegt hatte, ergriff Samaro das Wort: „Ihr habt gehört, was der König gesagt hat. Wir sind nun selber verantwortlich. Ich würde vorschlagen, dass wir als erstes den Wächtern des Königs vergeben. Ich weiß, der Verlust unserer Verwandten und Freunde ist schmerzlich. Aber auch die Wachen haben in den Kämpfen Kameraden verloren.“

Samaro machte eine kurze Pause, dann fuhr er fort: „Wenn ich hier etwas zu sagen hätte, dann würde ich die Wächter einladen, eine Weile bei uns zu bleiben und beim Wiederaufbau der Stadt zu helfen.“

Samaro wurde von zustimmendem Jubel unterbrochen. Es gab Einwohner, die nicht jubelten, aber es waren nur wenige, wie Zabena zufrieden feststellte. Als der Jubel schließlich nachließ, ergriff die Kommandantin das Wort. Sie entschuldigte sich im Namen der Wächter, warb jedoch auch für Verständnis, denn sie waren von der ersten Minuten an feindlich empfangen worden. Sollte das Angebot, dass sie bleiben könnten und beim Wiederaufbau helfen sollten, ernst gemeint sein, so würden sie das gerne annehmen.

Zabena lächelte. Wie es aussah, würde am Ende für Tewila alles gut werden. Und vielleicht, wenn sich die Stadt gut entwickelte, würde sie eines Tages wiederkommen und sich hier niederlassen.

Die anderen Tage von Tewila findet ihr hier:

Erster Tag, zweiter Tag, dritter Tag, vierter Tag – Teil 1 und vierter Tag – Teil 2.

Einen Stadtplan findet ihr hier.

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2 Antworten zu Der Vierte der Tage von Tewila – Teil 3

  1. 500woerterdiewoche schreibt:

    Die Einwohner „fanden das nicht gut“? Das ist der beste Ausdruck für die Gefühle einer Bevölkerung in Aufruhr, der dir einfällt? XD

  2. Pingback: Results for week beginning 2015-11-23 | Iron Blogger Berlin

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