Der Vierte der Tage von Tewila – Teil 2

Teil 1

„Mach dir keine Sorgen“, sagte Zabena. „Ich bin Botschafterin des Königs und kann das in Ordnung bringen.“

Masmai schaute auf. „Der König?“ Ihre Stimme wurde fest, doch was sie sagte, schockierte Zabena. „Bleib mir weg mit dem König. Seine Wächter legen die Stadt in Schutt und Asche und bringen die Einwohner um!“

Masmai schaute Zabena wütend an. „Und von sowas willst du Botschafter sein?“ Masmai hatte sich auf ihrer Umarmung befreit und war einen Schritt zurückgetreten.

„Ich bin sicher“, sagte Zabena fest und bestimmt, „dass Kämpfe nicht im Sinne des Königs sind.“

„Und warum schickt er dann Wächter, die den Bürgermeister köpfen und einen Haufen Leute umbringen und den Rest einsperren?“

Zabena riss ihre Augen auf. „Sie haben wirklich den Bürgermeister geköpft?“

Masmai nickte. „So ist er, dein toller König!“

„Wenn das stimmt, dann müssen wir sofort in die Stadt und dem ein Ende bereiten. Der König muss sofort erfahren, was hier los ist, damit er die Wächter zu Ordnung rufen kann.“

Zabena packte Masmai am Arm und zog sie mit sich. Ihr Pferd folgte ihr, als sie auf die Stadt zu gingen.

Masmai wehrte sich und versuchte sich loszureißen.

„Die werden mich umbringen, wenn wir in die Stadt gehen“, jammerte Masmai voller Panik.

„Werden sie nicht“, sagte Zabena mit fester Stimme. Sie holte ein Amulett aus ihrem Mantel.

„Siehst du das hier?“ Sie hielt das schwach leuchtende Siegel mit dem Zeichen des Raumschiffs und der drei Sterne vor Masmais Gesicht. „Solange du mit mir unterwegs bist, wird dir keine Wache etwas antun.“

Masmai riss die Augen auf. „Ein echtes Königssiegel! Die kennen wir nur aus Erzählungen!“

Zabena nickte. „Normalerweise benutzen wir es nur, wenn es wirklich notwendig ist.“ Sie steckte das Siegel wieder weg. „Komm, weiter!“ Diesmal folgte ihr Masmai ohne Zwang.

Am Ortseingang war zwischen den ersten Häusern eine Barrikade quer über die Straße errichtet worden. Zum größten Teil bestand sie aus Möbeln und Stücken eines Zaunes. Es gab einen schmalen Durchgang in der Mitte, in dem drei Wächter mit Schwertern in den Händen standen.

„Halt, im Namen des Königs!“, riefen Sie ihnen zu, als Zabena und Masmai sich der Sperre näherten.

Masmai zuckte zurück, doch Zabena schritt unbeirrt weiter auf die Stadt zu.

„Halt, haben wir euch befohlen“, sagte nun die mittlere Wache.

„Der König hat den Zugang zu dieser Stadt gesperrt“, fügte die erste Wache hinzu.

Masmai wollte stehen bleiben, doch Zabena zog sie mit sich. „Hab keine Angst, die werden uns nichts tun“, sagte sie leise zu ihrer Begleiterin. Als die Wächter ihrer Schwerte drohend erhoben.

„Wer hat diese Sperre angeordnet?“, fragte Zabena mit lauter, aber ruhiger Stimme.

„Der König“, antwortete der Wächter, der sie zuerst angesprochen hatte.

Zabena schüttelte den Kopf. Dann sagte sie: „Erzählt mir keinen Unsinn. Ich bin Zabena, Botschafterin des Königs.“ Bei dem letzten Satz hatte sie ihr Amulett hervorgezogen. Befriedigt sah sie, dass die Wächter mit offenem Mund inne hielten.

„Das Siegel“, sagte der eine.

„Das Siegel des Königs“, sagte der zweite.

„Wie können wir behilflich sein, Botschafterin Zabena“, fügte der Dritte hinzu, der bisher noch nicht gesprochen hatte.

„Indem ihr mir die Wahrheit sagt.“

Der dritte Wächter – es war der, der ganz rechts stand – antwortete: „Wir haben von unserem Hauptmann den Befehl erhalten, diese Straße im Namen des Königs zu sperren. Wir wurden in die Stadt gesandt, um den Bürgermeister zu verhaften. Doch kaum kamen wir in die Stadt, da wurden wir schon von allen Seiten angegriffen. Wir hatten viele Tote und Verletzte zu beklagen, aber die Einwohner griffen immer wieder an.“

„Das stimmt doch gar nicht“, mischte sich Masmai aufgeregt ein. „Ihr habt die einfachen Leute hier angegriffen und umgebracht.“

Dem widersprachen die drei Wächter, eine lauter als der andere. Wenn das so weiter ging, würden Masmai und die Wächter sich noch über die Frage prügeln, wer angefangen hat.

„Dem König ist im Moment völlig egal, wer von euch angefangen hat“, sagte sie und schaute alle Beteiligten streng an. „Jetzt bin ich hier und damit ist der König hier. Und der befiehlt, dass die Kämpfe nun ein Ende haben und alle wieder miteinander reden. Bringt mich zum Befehlshaber dieser Stadt.“

Die drei Wächter wechselten einen Blick, dann sagte der rechte: „Ich bringe euch hin. Kommt mit.“

Die Wächter traten zur Seite und ließen Zabena passieren. Als sie den Durchgang passiert hatte, schaute sie sich nach Masmai um, die noch immer vor der Barrikade stand.

„Komm, Masmai, ich werde dich auch brauchen“, sagte sie zu ihr. Es war offensichtlich, dass die beiden Wächter die junge Frau nicht gerne durchlassen wollten, aber ein strenger, nachdrücklicher Blick von ihr selbst reichte, um sie zu überzeugen. Misstrauisch durchschritt Masmai die Barrikade. Das Pferd folgte ihr und sie gingen die Straße entlang Richtung Stadtzentrum.

Rechts und links der Straße lagen Trümmer in den Vorgärten der Häuser, bei manchen waren die Scheiben eingeschlagen und mehrere Häuser waren nur noch rauchende Ruinen.

„Bei der Sejereh“, sagte Masmai. „Was ist nur mit der Jad Alewalla passiert?“

Zabena hatte sich die gleiche Frage gestellt. Noch nie hatte sie irgendwo so eine Zerstörung gesehen.

„Wenn ihr uns nicht immer angreifen würdet“, sagte der Wächter zu Masmai, „dann würde es auf der Alewallaallee auch nicht so aussehen.“

Danach gingen sie schweigend weiter die Straße entlang, bis sie zum Bendar Sewak, dem zentralen Platz der Stadt, kamen.

Ein Wächter vom Rang eines Hauptmanns kam auf sie zugerannt. „Jihndy!“, blaffte er ihren Begleiter an. „Was machst du hier? Dein Posten ist an der Barriakde. Dafür-“

„Schweig!“, unterbrach Zabena ihn. Der Hauptmann wandte sich ihr wütend zu, schwieg dann aber.

„Ich bin Zabena, Botschafterin des Königs! Ich habe Jihndy gebeten, mich zum Befehlshaber der Stadt zu bringen.“

Der Hauotmann wollte etwas sagen, doch Zbena ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Wenn ich ihm das befehle, dann ist das ein Befehl, der direkt vom König kommt.“

„Ich habe ihr Siegel gesehen“, sagte Jihndy leise.

„Kommt mit“, sagte der Hauptmann, der sich mittlerweile gefasst hatte. „Der Befehlshabe ist im Wissensamt.“

Zabena schaute zu Jihndy und Masmai. „Ich lasse mich von diesen beiden hier führen. Sie, Herr Hauptmann, „kommen nicht mit. Der König hat einen anderen Befehlt für Sie. Ihr Aufgabe wird es sein, alle Wächter hier auf diesem Platz zu versammelnn und dafür zu sorgen, dass ab sofort niemand mehr verletzt oder getötet wird.

Zabena war klar, dass dem Hauptmann dieser Auftrag nicht gefielt, aber das Menschen verletzt oder gar getötet wurden, musste um jeden Preis verhindert werden. Ein strenger Blick von ihr sagte dem Hauptmann alles, was er wissen musste. Er entfernete sich von ihnen, den anderen Wächtern etwas zurufend.

Jihndy führte Zabena und Masmai zum Wissensamt. Zabena wurde klar, dass das sehr leicht war, denn es war das Größte Gebäude am Platz und wahrscheinlich auch in der ganzen Stadt. Jeder, der jemals daran vorbei gekommen war, würde wissen, wo es sich befand.

Drei Wächter standen vor dem Eingang und bewachten ihn. Als Zabena ihnen sagte, wer sie war und das Siegel zeigte, ließen sie sie passieren. Zabena drückte einem von ihnen die Zügel ihres Pferdes in die Hand und befahl, dass es versorgt werde.

Hinter dem Eingang war ein kleines Foyer, von dem aus eine Tür nach rechts und eine nach links abgingen. Geradeaus war eine enge Treppe, vor der zwei weitere Wächter standen. Einer davon hatte einen Verband um den Kopf gewickelt.

Zabena sagte erneut, wer sie war und wo sie hin wollten und Jihndy bestätigte ihre Geschichte. Der verletzte Wächter begleitete sie die Treppe hoch und einen langen Gang entlang.

„Wie ist das mit ihrem Kopf passiert“, fragte Zabena den Wächter.

„Ein Hinterhalt. Wir wurden in die Zakad Altey gelockt und dann vom Obergeschoss eines Hauses aus angegriffen. Mich hat eine Bratpfanne an der Stirn erwischt.“

Zabena nickte. Sie standen vor einer Tür, hinter der sie eine ärgerliche Stimem brüllen hören konnte.

„Dort drin ist der Befehlshaber“, sagte der Wächter und klopfte vorsichtig an die Tür. Als keine Reaktion kam, klopfte er erneut, diesmal mit mehr Nachdruck.

„Wenn uns niemand herein bittet, öffnen Sie die Tür einfach“, sagte Zabena. Als der Wächter widersprechen wollte, sagte sie: „Das ist ein Befehl des Königs.“

Der Wächter öffnete die Tür und ließ dann Zabena den Vortritt.

Die anderen Tage von Tewila findet ihr hier:

Erster Tag, zweiter Tag, dritter Tag, vierter Tag – Teil 1 und vierter Tag – Teil 3.

Einen Stadtplan findet ihr hier.

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