Der Vierte der Tage von Tewila – Teil 1

Zabena ritt so schnell sie konnte. Sie war, zusammen mit zwei Bediensteten, auf dem Weg nach Melqana, um dort dem Statthalter neue Aufgaben zu übertragen und ihm eine Fern-Audienz mit dem König in Alewalla zu ermöglichen. Sie war nicht begeistert davon, in die ferne Provinz geschickt zu werden, aber als Botschafter des Königs konnte man es sich nicht aussuchen, wo man hingeschickt wurde. Zumindest nicht, wenn man, so wie sie, erst am Anfang der Karriere stand.

Heute früh waren ihnen zwei Wachen des Königs entgegen gekommen, die von Kämpfen in Tewila berichteten und die sie gebeten hatten, möglichst schnell nach Tewila weiter zu reiten, um dort im Namen des Königs den Kämpfen eine Ende zu bereiten und die Bewohner zur Ordnung zu rufen. Als sie erfahren hatte, dass es sogar Tote gegeben hatten, hatte sie sich das schnellste Pferd und das Distanzaudienzgerät genommen und sich auf den Weg gemacht. Ihr Stab würde ihr so schnell es ging folgen.

Sie hoffte nur, dass es die richtige Entscheidung war. Tewaila war schließlich nicht ihre Aufgabe, aber angesichts der Tatsache, dass es Tote gegeben hatte, war sie sich hinreichend sicher, dass der König es im Nachhinein gutheißen würde, dass sie dorthin ritt.

Sie fragte sich, wie es dazu kommen konnte, dass sich die Dorfbewohner den Wachen des Königs widersetzt hatten. Der letzte Fall, an den sie sich erinnern konnte, wo so etwas vorgekommen war, war, als sie in einem Vorort von Alewalla bei einer Feierlichkeit eine Suppe gegessen hatten, in der Pilze waren, die Halluzinationen verursachten. Konnte so etwas auch in Tewila geschehen sein?

Zabena ritt über eine Bergkuppe. In der Ferne konnte sie Rauchwolken aufsteigen sehen. Da sie diese Gegend nicht kannt, hatte sie keine Ahnung, ob es schon Tewila war, aber es schien ihr möglich. Konnte es mit den Kämpfen zu tun haben, dass es in Tewila brannte? Sie wusste es nicht. Aber es musste menschlichem Ursprungs sein, da war sie sich sicher, denn in Khesib brannte sonst nichts.

Der Weg führte den den Hang hinab und in den Wald hinein, und die nächsten zwei Stunden sah sie nichts mehr von dem Rauch. Dann kam sie an ein Gehöft, wo sie anhielt und ihr Pferd am dortigen Brunnen trinken ließ. Ein älterer Mann kam, mit einer Mistgabel in der Hand, aus dem Haus.

„Was wollen sie!“, fuhr er sie an.

„Ich bin Zabena“, antwortete sie. „Ich bin Botschafter des Königs und unterwegs nach Tewila.“

„Von mir bekommen sie nichts!“, sagte der Mann sofort.

Zabena schaute ihn überrascht an.

„Ihre Wächter haben mich bedroht und dann alles mitgenommen, was ich hatte.“

„Sie haben aber doch sicherlich bezahlt“, fragt Zabena nach.

Der Mann nickte. „Das haben sie. Aber Silbermünzen kann man dummerweise nicht essen. Und in Tewila gibt es momentan dank ihrer Wächter nichts zu kaufen.“

„Wissen Sie, was in Tewila los ist?“

Der Mann schaute sie prüfend an und schwieg dann.

„Los, sagen Sie mir, was in Tewila passiert.“

Der Mann schwieg noch immer.

„Im Namen des Königs, sprechen Sie!“

Sie legte ihre Hand an den Griff des Schwertes.

Endlich redete der Mann. „Ihre Wächter. Erst haben sich mich ausgeplündert, und jetzt töten sie die Einwohner der Stadt.“

Zabena runzelte die Stirn. „Sie töten die Einwohner der Stadt?“

Der Mann nickte. „Dem Bürgermeister sollen sie den Kopf abgehackt und auf dem Marktplatz aufgestellt haben, hat meine Tochter erzählt. Und sie haben Häuser angezündet. Die Rauchwolken stehen noch immer am Himmel. Das machen sie, ihre feinen Wächter.“

Nach dem letzten Satz spuckte er ihr vor die Füße.

„Ich werde nach Tewila reiten. Wenn Sie recht haben, dann werde ich dem ein Ende bereiten. Aber wenn Sie mich angelogen haben, dann haben sie den König persönlich angelogen, und werden entsprechend bestraft werden.“

„Reiten Sie. Sie werden schon sehen“, sagte der Mann, drehte sich um und ging zurück in sein Haus.

Zabena schwang sich wieder auf ihr Pferd und setzte ihren Ritt fort. Konnte es wirklich sein, dass die Wächter die Stadtbewohner töteten? Die Wächter sollten doch für Frieden sorgen und den König vertreten. Warum funktionierte das hier nicht?

Als sie sich der Stadt näherte, nahm sie den Geruch von Feuer wahr. Und als sie aus dem Wald auf die Lichtung kam, die um Tewila herum gerodet worden war, sah sie, dass die Rauchwolken wirklich in der Stadt aufstiegen.

Am Eingang zur Stadt lagen Trümmer auf der Straße. Sie zügelte ihr Pferd und hielt am Waldrand an. Sie wollte sich erstmal einen Überblick verschaffen, bevor sie in die Stadt ritt. Sie ließ ihren Blick über Tewila schweifen. An mindestens sechs Stellen stieg schwarzer Rauch auf. Links der Straße, die in die Stadt führte, konnte sie eines der brennenden Häuser sehen. Es war offensichtlich, dass niemand die Flammen löschte.

Zabena nahm eine Bewegung neben sich im Wald wahr. Sie legte die ganze Autorität des Königs in ihre Stimme und rief: „Sie da im Wald! Im Namen des Königs, kommen Sie heraus!“

Zuerst sah es so aus, als wollte die Person flüchten, aber dann trat sich doch aus dem Unterholz auf die Straße. Sie schaute sich ängstlich um, als hätte sie Angst vor irgendwem, sah sie und erstarrte.

„Was ist hier los?“, fragte Zabena.

„Ich… ich… ich suche Nadjim-Wurzeln für die Verletzten.“

„Es stimmt also“, sagte Zabena leise zu sich selber. Dann wurde sie wieder laut: „Warum wir hier gekämpft?“

„Sie… die Wächter…“ stammelte die Frau. Dann brach sie in Tränen aus. Zabena entschied, dass nun eher Einfühlungsvermögen aus Autorität gefragt waren. Sie stieg von ihrem Pferd, ging zu der Frau hin und legte ihr einen Arm um die Schulter.

„Mädchen, wie heißt du?“ Es kam Zabena seltsam vor, die junge Frau mit Mädchen anzusprechen, da sie dem Aussehen nach kaum jünger als sie selber war. Aber da diese Anrede ihr in diesem Moment als die Richtige erschien, sagte sie es trotzdem.

Die Frau schaute auf. „Masmai. Alles ist so schrecklich die letzten Tage.“ Dann fing sie wieder an zu heulen.

Die anderen Tage von Tewila findet ihr hier:

Erster Tag, zweiter Tag und dritter Tag. Hier findet ihr den zweiten Teil und den dritten Teil des vierten Tages.

Einen Stadtplan findet ihr hier.

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