Der Dritte der Tage von Tewila

Samaro war Fischer in Tewila. Er war ein paar Tage den Nihr Tewil aufwärts gefahren und nachdem er nun genug Fische gefangen hatte, war er auf dem Rückweg. Als er sich dem Zabe Marjech näherte, sah er über der Stadt Rauchwolken aufsteigen. War irgendwo ein großer Brand ausgebrochen? Er wusste, dass so etwas geschehen konnte, und wenn dem so war, dann sollte er sich beeilen, um beim Löschen zu helfen, denn dann wurde jede helfende Hand gebraucht.

Er drehte das Segel besser in den Wind und überlegte, ob er rudern sollte, um schneller in die Stadt zu kommen, doch als er den Hof passiert hatte und an der tagwärtigen Wiese entlang fuhr, sah er am Ufer eine Kompanie bewaffneter Wächter Richtung Stadt marschieren. Außerdem konnte er jetzt erkennen, dass an mindestens drei Stellen der Stadt Rauch aufstieg.

Samaro fragte sich, ob die Wächter in die Stadt unterwegs waren, um zu helfen. Aber wo kamen sie her? Als er zum Fischen vor drei Tagen rausgefahren war, da waren auf dem Zabe Marjech noch keine Soldaten gewesen. Und dort endete der Weg schließlich und der Wald begann. Und warum waren die Wächter ausgerechnet jetzt hier, wo es in der Stadt brannte? Er betrachtete die Kompanie eingehend, wie sie im Gleichschritt in Richtung Stadt unterwegs waren. Waren sie wirklich unterwegs um zu helfen? Warum beeilten sie sich nicht?

Als sie ihn mit seinem Boot bemerkten, riefen sie etwas und ein Teil der Wächter kam mit gezogenen Schwertern ans Ufer. Samaro konnte nicht verstehen, was sie riefen, er war in der Nähe des anderen Ufers. Aber ihrem Verhalten nach konnte es nichts gutes sein, dass sie vor hatten. Wächter, die es gut mit ihm meinten, würden nicht mit erhobenen Schwertern am Ufer stehen, da war er sich sicher. Also entschied er, so zu tun, als hätte er nicht gehört, dass sie ihm etwas zuriefen und winkte ihnen zu. Dann steuerte er zur Sicherheit noch näher ans nördliche Ufer und ließ die Wächter links liegen.

Als er sich der Stadt näherte, konnte er lautes Rufen und Kampfgeräusche hören. Offensichtlich passierte in der Stadt etwas, das er nicht verstand. Die Fathahejar-Brücke kam in Sicht. Sie stand offen, obwohl kein einziges Schiff in der Nähe zu sehen war. Normalerweise war die Brücke immer geschlossen und man musste den Wächter rufen, dass er sie öffnete, wenn man mit einem großen Schiff hindurch wollte.

Auf der einen Seite der Brücke standen Wächter mit gezogenen Schwertern, auf der anderen konnte er eine Gruppe Einwohner erkennen, die sich offensichtlich auch bewaffnet hatten. Er sah Mistgabeln, Bohnenstangen, Küchenmesser, einer hatte sogar eine Peitsche in der Hand.

Samaro hielt ein paar Meter vor der Brücke am nördliche Ufer, wo die Bewohner standen.

„Was ist hier los?“, fragt er die Leute.

„Die Wächter aus Alewalla sind in die Stadt einmarschiert. Zwei Tage lang konnten wir sie aufhalten, aber heute haben sie Verstärkung bekommen und uns überrannt.“

„Die westliche Stadthälfte ist verloren, genauso wie das tagwärtige Viertel“, ergänzte ein anderer.

„Sie haben mehrere Häuser angezündet, in denen Widerstand geleistet wurde“, sagte Alsani, die Oma von Samaros Nachbarn.

„Und es gab viele Verletzte. Und Vorgestern sieben Tote, fünf von uns und zwei Wächter.“

„Wer?“

Alsani zählte ihm die Namen der Toten auf. Samaro musste schlucken, denn drei der Toten hatte er gut gekannt, die anderen beiden nur flüchtig.

„Heute haben die Wächter dann die Stadt erneut angegriffen und haben uns überrannt“, erklärte Alsani weiter. „Als klar war, dass wir die Stadt nicht würden halten können, haben wir uns über den Fluss zurück gezogen und die Brücke angehoben. Sie haben versucht, mit Booten überzusetzen, aber wir konnten sie alle rechtzeitig versenken.“

Sie machte eine Pause, als ob sie nach den richtigen Worten suchte.

„Die Wächter haben daraufhin den Bürgermeister auf dem Marktplatz geköpft“, sagte sie, den Tränen nahe.

„Den Bürgermeister“, sagte Samaro mit einem Kloß im Hals. „Das dürfen die nicht.“

„Haben sie aber“, sagt Solso, einer der Enkel von Alsani.

„Sie sperren jeden im Wissensamt ein, den sie erwischen können.“

„Und lassen uns nicht mehr den Fluss überqueren.“

Samaro fuhr ans Ufer und machten sein Boot an einem der Pfeiler der Brücke fest. Dann ging er an Land.

„Wir müssen sie wieder aus der Stadt vertreiben“, sagte er. „Es kann doch nicht sein, dass ein paar Wächter aus Alewalla uns aus unser eigenen Stadt vertreiben.“

„Aber was sollen wir machen? Wir können nicht den Fluss überqueren, da würden sie uns doch sofort bei sehen und jeden fangen, der es ans andere Ufer schafft.“

Samaro überlegte. „Irgendwie muss es doch gehen. Wir kennen uns hier doch viel besser aus und sind auch viel mehr als die.“ Er nickte zum anderen Ufer hin. „Wenn wir alle bewaffnet wären, dann könnten wir es sicherlich mit ihnen aufnehmen, oder nicht?“

Mehrere Leute schüttelten die Köpfe, andere nickte.

„Ich würde es zumindest versuchen“, sagte eine junge Frau. „Sie haben meinen Freund umgebracht und unser Haus angezündet.“

Mehrere Leute stimmten ein, dass sie es auch versuchen wollten. Es wurden immer mehr, bis schließlich jemand fragte, wie sie denn ans andere Ufer zu gelangen dachten.

„Ich habe da eine Idee“, sagte Samiro. „Wenn wir es so aussehen lassen würden, als würden wir hier an der Brücke einen Angriff versuchen wollen, dann würden sie doch sicherlich ihre Soldaten hier zusammenziehen. Und wenn wir hier nicht so viele sind, könnten die anderen flussaufwärts und flussabwärts ans andere Ufer schwimmen.“

„Und wer entdeckt wird, sorgt dafür, die Wächter abzulenken“, schlug Alsani vor.

„Genau“, sagte Samiro. „So schaffen wir es, in die Stadt zu kommen. Und wer dort ist, versteckt sich und greift die Wächter aus dem Hinterhalt an. Es sind schließlich eure Häuser und die eurer Verwandten und Freunde. Sie müssen an jeder Ecke fürchten, dass sie angegriffen werden könnten.“ Sie diskutierten noch ein paar Minuten, aber es zeigte sich schnell, dass sie genug kampfwillige Personen waren, um den Plan durchzuführen. Und wenn sie ein paar Tage lang den Wächtern das Leben zur Hölle machten, dann würden die sich schon zurückziehen.

Den ersten Tag von Tewila findet ihr hier, den zweiten hier, den vierten hier und einen Stadtplan hier.

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