Schwerelosigkeitsstrudel

Kaska wollte ihrer Freundin Mieladi einen Kuchen backen. Sie hatte sich am Computer extra ein möglichst einfaches Rezept rausgesucht. Wenn die Leute auf der Erde das hinbekamen, dann müsste es ihr auf der Sejereh ja mit Leichtigkeit gelingen, dachte sie, sie hatten schließlich dreihundert Jahre mehr Erfahrung in allem.

Es war ein recht einfaches Rezept, man musste nur Mehl, Öl und Wasser miteinander verrühren und den Teig so lange bearbeiten, bis er ganz dünn war. Dann musste sie noch Obst, dass sie extra besorgt hatte, reinrollen, das Ganze backen und schon war der Kuchen fertig.

Wirklich simpel, dachte Kaska sich. Was sollte da schon schiefgehen?

Sie suchte sich alle Zutaten zusammen und brachte sie in das Küchenmodul. Dort nahm sie eine große Schüssel, verrührte alles und stellte es in einen Schrank in der Mitte des Küchenmoduls. Die Anleitung sagte schließlich, dass der Teig zwei Stunden ruhen müsse.

Als sie nach zwei Stunden wieder kam, war der Teig viel größer geworden, eine richtige Kugel, die sich in der geringen Schwerkraft an der Achse des Moduls aus der Schüssel gelöst hatte und nun im Schrank schwebte. Kaska wunderte sich ein wenig, wie die Leute auf der Erde das gemacht hatten, aber dann fiel ihr ein, dass die Erde ja viel langsamer rotierte als ihre Module, also konnte man ihre Bewegung in zwei Stunden wohl vernachlässigen.

Sie fing den Teigklumpen geschickt mit einem Handtuch ein und begann dann, ihn in die Länge zu ziehen. In der Anleitung stand, dass der Klumpen irgendwann durchsichtig sein sollte. Kaska zog vorsichtig immer weiter, und tatsächlich wurde der Teig irgendwann auf wundersame Weise so dünn, dass er durchsichtig wurde.

Sie holte das Obst, während sie den Teig im Küchenmodul schweben ließ, und als sie wiederkam, hatte der Teig ein lustiges Wellenmuster angenommen. Vorsichtig stelle sie das Obst neben den Teig und dann begann sie, wie in der Anleitung beschrieben, den Teig mit dem Handtuch um das Obst zu rollen. Es stellte sich als überraschend schwer heraus, das Obst richtig einzufangen, denn immer, wenn es den Teig berührte, bekam es beim Einrollen einen Stoß, schwebte davon weg und sie musste ihm hinter und es wieder einfangen.

Es dauerte fast zwei Stunden, bis sie mit dem Einrollen fertig war. Sie stellte die Rolle in einen der Ofen, die ebenfalls auf der Achse des Moduls positioniert waren. Sie hatte schließlich in der Schule gelernt, dass so das, was sie backen wollte, schön von allen Seiten gleich gebräunt würde. Und eine Rolle wie dieser Strudel war schließlich perfekt dafür geeignet, von allen Seiten gleich braun zu sein.

Nachdem sie den Strudel mühsam in völliger Ruhe im sich langsam drehenden Ofen positioniert hatte, musste sie nur noch die 180 Grad und die 40 Minuten einstellen und dann abwarten.

Die Wartezeit kam ihr ewig vor, doch irgendwann klingelte schließlich der Ofen, dass er fertig war, und sie öffnete ihn. Im ersten Moment konnte sie jedoch nichts erkennen, denn irgendwas längliches und dünnes versperrte ihr den Blick. Dann sah sie, dass es der Strudel war, der wohl im Ofen noch länger geworden war, bevor er fest wurde. Mit einer Zange schnappte sie sich das eine Ende des Kuchens und zog ihn vorsichtig aus dem Ofen. Er wurde länger und länger, wie sie ihn die Modulachse entlang zog, und sie hatte fast schon die Wand erreicht, als das andere Ende endlich aus dem Ofen kam.

„So lang sollte der doch nun auch wieder nicht werden“, wunderte sie sich. Vielleicht, dachte sie sich, war die Rundumbräunung doch nicht ideal? Oder die Ruhe war nicht ruhig genug gewesen, weil sich das Raumschiff ja noch bewegte? Sie wusste es nicht. Aber was sie wusste, war, dass Mieladi den längsten Kuchen in der Geschichte der Sejereh bekommen würde.

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Geschichten, Sejereh abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Schwerelosigkeitsstrudel

  1. Pingback: Results for week beginning 2015-10-12 | Iron Blogger Berlin

  2. Jetzt will ich auch Kuchen. Na vielen Dank. So einen richtig schönen Apfelstrudel, mit hauchdünnem, megasüßem Teig, der aber eigentlich fast nur aus seiner göttlichen, aromatischen Kompottfüllung mit ganz großen, saftigen Apfelstücken besteht, und mit Puderzucker drüber, ganz viel, und vielleicht noch Eiscreme daneben, und dann ist der Kuchen warm und das Eis wird zu Vanillesoße….orrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr……. was hast du mir angetan. xD

    • Tja, wenn du einen Ofen mit Schwerelosigkeit hast, kannst du dir so einen Strudel backen, überhaupt kein Problem:-)

      • Ich spiele seit dieser Geschichte tatsächlich mit dem Gedanken, im nicht-schwerelosen Ofen des mütterlichen Haushaltes (ich hab ja selbst keinen) einen Apfelstrudel zu backen….. ich schick dir dann zur Rache ein Bild davon, wie lecker er aussieht. 😀 (Aber wahrscheinlich wird er nicht gut aussehen, ich hab sowas noch nie gemacht, und leicht sieht das nicht gerade aus – wie man ja auch an deiner Geschichte erkennen kann. 😉 )

      • Bei uns hat es auf Anhieb geklappt, kann also gar nicht so schwer sein.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.