Von Schafen und Kulafen

Ganami war Schäferin und lebte in den Madur Jobly. Ein Freund ihrer Mutter hatte ihr in Selbark eine Herde Schafe geschenkt, und so zog sie mit diesen durch die Runden Berge. Zu ihrer Herde gehörten knapp fünfzig Schafe sowie die drei Hunde, die auf die Schafe aufpassten.

Sie hatte einen Wagen, in dem ihr ganzes Hab und Gut untergebracht war und den sie immer mühelvoll hinter sich her zog. Erst gestern war er in einem Schlammloch stecken geblieben und sie musste die Hunde vor den Wagen spannen, um ihn wieder frei zu bekommen.

Sie war jetzt seit fünf Jahren unterwegs, jeden Tag ein paar hundert Meter weiter. Wenn der Wagen am neuen Standort stand, musste sie Feuerholz suchen und wenn das Feuer brannte, die Fenster und Türen abdunkeln. Die Schafe hatten kein Problem damit, dass es auf Amel kein Tag und Nacht gab, sie schliefen einfach, wenn ihnen danach war, genauso wie die Hunde. Sie selber jedoch brauchte die Dunkelheit im Wagen, um Ruhe zu finden.

Vor ein paar Wochen war sie in Samirabismarg gewesen und hatte dort die Schafe scheren lassen und die Wolle verkauft. Außerdem hatte sie dort fünf Lämmer verkauft und dafür allerlei Gebrauchsgegenstände und Leckereien erhalten. Der nächste Ort würde in ein paar Monaten Nespahpayna sein. Eines Tages würde sie am Tagwärtigen Meer ankommen und schauen, ob es dort wirklich so schön war, wie alle immer erzählten. Aber das würde wohl noch Jahre dauern, zumal sie mal in die eine und mal in die andere Richtung zog, je nachdem, in welche Richtung die Wiesen saftiger erschienen.

Heute führte sie der Weg, den die Schafe eingeschlagen hatten, bergauf. Ganami zog den Karren durch das hohe Gras, dass unter den Bäumen wuchs. Es war eigentlich ein unerhörter Glücksfall, dachte sie, dass die Tiere von der Erde die Pflanzen auf diesem Planeten fressen und verdauen konnten. Wenn sie vor der Besiedelung das ganze Land mit Pflanzen von der Erde hätten bebauen müssen, wäre die Ausbreitung der Menschen in Khesib sicherlich viel langsamer gewesen und sie würde nicht einfach so in die Richtung ziehen können, auf die ihre Schafe gerade Lust hatten.

Plötzlich bellten die Hunde. Ganami zog ihr Schwert aus dem Wagen, schulterte Pfeil und Bogen und lief zu ihnen. Sie waren ein Stück voraus gelaufen. Sie standen um einen flachen Stein herum und knurrten ihn an.

Sie zog das Schwert und tippte damit auf den Stein. Ein dumpfes, tiefes Knurren war zu hören und Ganami sprang zurück. Der Stein zitterte und bewegte sich ein paar Zentimeter. Offensichtlich war es ein Tier und kein Stein. Die Hunde wichen ein Stück zurück.

Zwei neugierige Schafe näherten sich ihnen. Sie blökten den Stein an, der jedoch auf die Schafe nicht reagierte. Weitere Schafe kamen hinzu. Wie immer, wenn sie und die Hunde irgendwo auf einem Fleck standen, kamen schnell die Schafe hinzu, als wäre das Gras unter ihren Füßen das beste der Welt.

Ein Schaf stubste sie an und sie ging einen Schritt zur Seite. Der Stein knurrte wieder, und als die Schafe ihn anstubsten, kam plötzlich ein Kopf mit einem breiten Maul aus ihm heraus. Der Hals wurde immer länger und an den Seiten kamen kleine Beine. Die Schafe flüchteten in alle Richtungen, doch eines war zu langsam, und es wurde von dem Steintier in den Schwanz gebissen.

Vor Schmerzen blökte das Schaf laut und rannte los. Das Tier verfolgte es ein paar Schritte, gab die Verfolgung dann aber auf und als Ganami sich ihm näherte, zog es sich wieder in den Panzer zurück.

Ganami schlug mit ihrem Schwert auf den Panzer und erntete eine drohendes Knurren, aber weder der Kopf noch die Beine schauten heraus. Es musste ein Kulaf sein. Sie hatte schon von diesen geheimnisvollen Tieren gehört, aber nie damit gerechnet, selber mal eines zu sehen. Angeblich waren sie sehr selten und man wusste kaum etwas über sie. Manche Leute waren sogar der Meinung, dass sie überhaupt nicht existieren würden.

Ganami hörte die Schafe in Panik blöken und das Bellen der Hunde. Sie überlegte kurz, ob sie sich um die Schafe kümmern sollte, aber dann entschied sie, dass die Hunde das viel besser hinkriegen würden. Sie musste jetzt erstmal herausfinden, ob das Kulaf gefährlich war oder nicht.

Ganami schlug erneut mit dem Schwert auf den Panzer, und diesmal bekam sie eine Reaktion. Der Kopf kam wieder zum Vorschein und schnappte nach dem Schwert. Ganami zog das Schwert schnell weg. Das Kulaf kam auf sie zu, und Ganami schlug erneut zu. Diesmal erwischte sie ein Bein. Das Tier stieß ein lautes Jaulen aus, und das Tier zog sich sofort in seinen Panzer zurück. Als Ganami sich ihm näherte, wich es langsam vor ihr zurück. Offensichtlich hatte es erkannt, dass sie gefährlich war.

Ganami nickte, hielt an und ging dann langsam rückwärts. Das Kulaf zog sich trotzdem weiter zurück. Das war gut, dachte Ganami, jetzt wusste es, dass es sich vor ihr und den Schafen in acht nehmen musste. Als zwanzig Meter zwischen ihr und dem Tier lagen, drehte sie sich um und lief ihren Schafen hinterher. Zum Glück waren die Hunde gut erzogen, und so hatten sie die Herde beisammen gehalten und sie am Fuß des Abhangs zum Stehen gebracht.

Ganami seufzte, als sie sich umschaute. Die ganze Strecke, die sie heute zurück gelegt hatten, waren sie wieder zurück gelaufen. Das war ärgerlich, aber dafür hatte sie ein Kulaf gesehen. Das glich den verlorenen Weg irgendwie wieder aus.

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Geschichten, Khesib abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Von Schafen und Kulafen

  1. Pingback: Results for week beginning 2015-09-14 | Iron Blogger Berlin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.