Auf dem Weg zur Unabhängigkeitserklärung

Dr. Pustekuchen kam fluchend aus dem Rathaus gerannt. „Diese verfluchten Prestigeobjekte! Ein überdachter Marktplatz! Wer braucht denn solche Prestigeobjekte?“

Ein junger Mann kam ihr hinterhergerannt. „So warten Sie doch!“ Doch Dr. Pustekuchen stürmte schon laut schimpfend über den Rathausplatz. Der Mann lief ihr drei Schritte hinterher und blieb dann stehen.

„Ach, was soll’s“, murmelte er zu sich selber. „Dann müssen wir eben selber sehen, wie wir klarkommen.“ Und damit drehte er sich um und ging ins Rathaus zurück.

Im Rathaus stand Bürgermeisterin Rachida und schaute den jungen Mann erwartungsvoll an: „Und Yalor? Konnten Sie sie aufhalten?“

Yalor schüttelte den Kopf. „Sie ist Richtung Haltestelle des Pferdebusses gelaufen. Wahrscheinlich ist sie jetzt schon auf dem Weg zum Hafen, um schnellstens wieder in die Hauptstadt zu kommen.“

„Tja, die Hauptstädter“, seufzte die Bürgermeisterin. „Die haben einfach keine Ahnung was bei uns wichtig ist.“

Der junge Mann nickte. Das war sicherlich so, woher sollten sie das auch wissen? Seine eigenen Eltern wussten es ja auch nicht, als sie als einfach Händler hierher gekommen waren vor dreißig Jahren. Aber Saj war jetzt ihre Heimat und Alewalla, die Hauptstadt, weit weg. Und hier regnete es nun fast täglich und da musste man sich entsprechend ausrüsten. Und deswegen war es für sie essenziell, einen überdachten Marktplatz zu haben. Wer wollte schon ohne Dach einkaufen, wenn es in Strömen goss? Dann konnte die Leute ihre Waren auch bei fahrenden Händlern kaufen. Und wer würde bei denen die Steuern eintreiben? Und vor allem ging es um seine Position als wichtigster Händler der ganzen Gegend.

Die Bürgermeisterin seufzte: „Wenn ich nur wüsste, was ich tun soll, damit sie uns endlich die Arbeitskräfte für den Marktplatz bewilligen?“

Der junge Mann überlegte. „Vielleicht sollten wir den einfach selber bauen? In Saj wohnen doch genug Leute, dass wir das machen könnten.“

„Selber bauen? Und wie stellen Sie sich das vor? Wir können den Leuten nichts bezahlen und wir können sie nicht zwingen, wenn Alewalla sich weigert.“

„Aber wir könnten es versuchen. Wir könnten ihnen versprechen, dass sie einen kleinen Teil ihrer Steuern erlassen bekommen, wenn sie bei dem Marktplatz helfen.“

„Und wo sollen wir das Geld dafür hernehmen?“

„Wir könnten einfach ein etwas geringere Produktion an die Hauptstadt melden, als es wirklich gibt. Nur ganz wenig natürlich, so dass es nicht auffällt.“

Rachida schaute Yalor schockiert an. „Wenn sie das rausfinden, bekommen wir keine Unterstützung mehr aus Alewalla. Das wäre unser Untergang.“

„Bei allem Respekt, Bürgermeisterin“, erwiderte Yalor. „Saj ist nicht mehr das, was wir zur Zeit der großen Wasabiflut waren. Wir sind gewachsen und können mittlerweile einen großen Teil unserer Waren selber produzieren. In den letzten Jahren wurden die meisten Orte in der tagwärtigen Ebene von Saj aus besiedelt und nicht mehr von Alewalla aus.“

„Aber wir brauchen die Dämmerungebenen am unteren Wasabi, um unsere Waren dort hin zu verkaufen. Und in Alewalla gibt es die Universität und die Kontaktstation für das Raumschiff. Wenn das Raumschiff ihnen hilft, können die uns innerhalb von Stunden vernichten, das müssten Sie doch im Geschichtsunterricht gelernt haben.“

Yalor nickte. „Natürlich könnten die das. Aber ich bin mir sicher, dass sie es nicht machen würden. Sie selber haben doch in ihrer Geschichte geschrieben, dass man das Raumschiff nur bitten kann, ihnen aber keine Befehle erteilen kann. Und dass die Besatzung des Raumschiffs als Ziel die Kolonisation des ganzen Planeten hat. Und darauf baue ich, wenn ich Ihnen sage, dass sie uns nicht angreifen werden, egal was Alewalla sagt. Wir sind etwas anderes als ein Erdbeben.“

Rachida seufzte. „Das ist zu gefährlich. Selbst wenn das Raumschiff nicht eingreift, können wir es trotzdem nicht mit der bewaffneten Polizei aufnehmen. Und wir würden unsere Absatzmärkte verlieren. Was glauben sie wohl, wie es um unseren Reichtum bestellt ist, wenn wir nichts mehr in die Dämmerungsebenen verkaufen können?“

Yalor zuckte mit den Schultern. Und so fuhr Rachida fort: „Auch ihr Reichtum ist dann dahin. Wo wären Sie wohl jetzt ohne den Handel über den Wasabi? Sie wären ein armer, kleiner Ladenbesitzer irgendwo in der Provinz. Und Sie können sicher sein, dass sie uns boykottieren würden, wenn wir versuchen würden, weniger Steuern zu zahlen.“

„Ich glaube, sie sollten an ihren Mnemotechniken arbeiten“, widersprach Yalor. „Das Saj von heute ist mächtiger, als es jemals zuvor war. Und die Dämmerungsebenen brauchen uns, insbesondere die Reichen und Mächtigen dort. Den normalen Bauern oder Bergarbeiter wird es nichts ausmachen, wenn sie kein Saj-Holz und keine Rüsselopus-Arme mehr bekommen. Aber Leute wie Dr. Pustekuchen und ihre Freunde werden es merken, wenn sie ihre Veranda nach drei Jahren erneuern müssen, weil das Holz verfault ist oder wenn es für ihre Taschentücher keine Seidenfalterflügel mehr gibt. Und das wird dann der Moment sein, wo Alewalla ankommt und uns alle Freiheiten gewährt, die wir haben wollen, verlassen Sie sich auf mich.“

Bürgermeisterin Rachida schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht. Ich muss mich um die Interessen Sajs kümmern. Und die liegen nun mal in einer guten Beziehung zu den Dämmerungsebenen und zu Alewalla. Tut mir Leid, das so sagen zu müssen, aber wir müssen einfach schauen, wie unsere Interessen am besten vertreten werden.“

Yalor schüttelte den Kopf. „Sie haben keine Ahnung, wie die Leute in den Dörfern der Ebene denken, Frau Bürgermeisterin. Sie haben die Stadt einfach schon zu lange nicht mehr verlassen. Ich werde eine Versammlung einberufen, zu der ich auch die Bürgermeister der anderen Orte einlade, um diese Sache zu besprechen. Ein wetterunabhängiger Marktplatz würde uns so viel nützen und vor allem wüssten wir dann, dass wir auch etwas ohne die Dämmerungsebene hinkriegen.“

„Tun sie, was sie nicht lassen können“, erwiderte die Bürgermeisterin kalt. „Es ihr Recht als Ratsmitglied von Saj, eine Versammlung einzuberufen, wenn sie das für sinnvoll erwachten. Aber erwarten Sie nicht von mir, dass ich ihr Ansinnen unterstütze.“

„Ich erwarte sogar von Ihnen, mir zu widersprechen, aber das wird unsere Pläne nicht verhindern. Einen guten Tag wünsche ich noch.“

Yalor drehte sich um und verließ das Rathaus eiligen Schrittes. Er war sich sicher, dass er das Dach über dem Marktplatz bekommen würde.

 

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