Die Neptunpassage

„Hat euch schon mal jemand von der Passage des Neptun erzählt?“, sagte Balia zu Zaukafa und Naura. Die beiden Kinder schüttelten den Kopf.

Sie hatten einen Topf mit Suppe zum Modul Gamma vier gebracht, wo Balia wohnte. Wie immer brachten sie einmal die Woche eine Topf Suppe und bekamen dafür drei Stunden lang alte Geschichten erzählt. Zaukafa freute sich immer darauf, denn sich von Leuten Geschichten erzählen lassen, die sie selber erlebt hatten, war etwas ganz anderes, als langweilige Fakten über die Geschichte der Erde aus Büchern zu lernen. Zaukafa fragte sich, welchen Sinn es hatte, dass sie soviel über die Erde lernen mussten, denn alle bis auf die Ältesten waren bereits auf der Sejereh geboren. Sie hoffte darauf, dass sie heute wieder eine Geschichte vom Raumschiff zu hören bekommen würden und nicht eine, die auf der Erde spielte.

„Wovon erzählst du uns heute?“, fragte Naura Balia, als sie alle um den Tisch herum saßen.

„Wovon soll ich denn erzählen?“, fragte Balia zurück.

„Keine Geschichte von der Erde“, sagte Zaukafa.

„Genau“, stimmte Naura zu. „Gibt es keine Geschichte von einem anderen Planeten?“

„Von einem anderen Planeten? Lasst mich nachdenken.“

Balia überlegte, während sie alle schweigend ihre Suppe aßen. Dann sagte sie: „Hat euch schon mal jemand davon erzählt, wie wir am Planeten Neptun vorbei geflogen sind?“

Zaukafa und Naura schüttelten die Köpfe.

„Gut, dann erzähle ich euch heute vom Vorbeiflug der Sejereh am Neptun:

Der Neptun war der letzte große Planet, den die Sejereh auf ihrem Weg aus dem Sonnensystem heraus passiert hat. Das waren ganz schön spannende Tage, sage ich euch. Wir hatten damals schon die anderen großen Planeten besucht, um möglichst schnell zu werden, und so konnten wir den Neptun und seine Monde nur kurz sehen.

Wir wussten natürlich vorher sehr genau, wie alles ablaufen würde, aber spannend war es trotzdem. Alle, die Zeit hatten, versammelten sich im Beobachtungsraum. Wir waren sehr aufgeregt, ob alles klappen würde, denn der Neptun sollte uns dann endgültig auf unseren Kurs bringen. Wenn da etwas schief gegangen wäre, dann wären wir jetzt auf einem falschen Kurs – und wer weiß, wann wir dann das nächste Sonnensystem erreichen würden? Jedenfalls nicht in den zweitausend Jahren, für die die Sejereh ausgelegt ist.

Die Monate vorher gab es immer wieder Kurskorrekturen. Wir verbrachten viel Zeit draußen, um die verschiedenen Module mit stabilen Seilen aneinander zu befestigen. Da wir sehr nah an Neptun vorbei fliegen mussten, und somit fast schon in die obersten, sehr dünnen Atmosphärenschichten eintauchen mussten, um möglichst schnell auf den richtigen Kurs zu kommen, mussten wir das machen.

Wenn ihr hier im interstellaren Raum in den Modulen rumlauft und von einem zum anderen schwebt, dann kommt euch die Sejereh vielleicht sehr stabil vor. Aber wenn man sich einem Planeten nähert, dann merkt man erst, wie instabil die ganze Konstruktion in Wirklichkeit ist.

Aber ich schweife ab, denn ich wollte euch ja keinen Vortrag über die Sejereh halten, sondern etwas vom Vorbeiflug am Neptun erzählen.

Das Festbinden der Module war nur eine der Tätigkeiten, die wir in den Wochen und Monaten vor der Passage zu eledigen hatten. Unsere Techniker und Navigatoren hatten auch alle Hände voll zu tun, die Sejereh auf den richtigen Kurs zu bringen. Sie mussten nicht nur ausrechnen, wie schnell wir in welcher Entfernung an dem Planeten vorbeifliegen mussten, um Kurs auf B83XG zu nehmen, sondern auch, wie die Massen auf der Sejereh verteilt sein mussten.

Als wir uns dem Planeten näherten, war er anfangs nur ein Punkt unter vielen und sah wie ein Stern aus. Durch das Teleskop konnte man ihn als blaue Scheibe sehen, aber das war auch schon alles. Der Punkt wurde immer heller und irgendwann konnte man dann schon mit dem bloßen Auge erkennen, dass es ein Planet war. Dann ging es überraschend schnell und innerhalb einiger Tage wurde er immer größer und größer. Wir konnten seine Monde erkennen und auch die Wolken, die um den Planeten herum flogen. Die Ringe waren zu sehen, aber bei weitem nicht so eindrucksvoll wie die von Saturn.

Als wir dem Eisriesen noch näher kamen, schienen wir ihm entgegen zu stürzen, immer schneller wurde er größer und größer. Wir bekamen etwas Angst, denn die anderen Planeten hatten wir in größerem Abstand passiert als den Neptun. Wir wussten zwar alle, dass wir diesmal viel näher vorbei fliegen mussten als bei Uranus. Aber es gab trotzdem immer die Gefahr, dass irgendwas unvorhergesehenes passieren würde und dass wir mit dem Planeten kollidieren könnten. Doch wir konnten nichts tun und mussten einfach hoffen, dass alles richtig berechnet worden war und jedes Kilogramm Masse auf der Sejereh genau da war, wo es sein sollte. Jeder, der sich im Beobachtungsraum aufhalten wollte, musste das Wochen vorher anmelden und wir alle wurden in den Tagen vorher täglich gewogen, damit wir auch ja kein Kilo an der falschen Stelle hätten. Sakiem war zwei Wochen vorher krank geworden und hatte viel abgenommen, daher mussten sie ein paar Behälter mit Wasser aus der Wasseraufbereitung in sein Zimmer stellen, damit wieder alles passte.

Ich weiß nicht, ob das alles so nötig gewesen wäre oder ob es nur gemacht wurde, damit wir was zu tun hatten, aber das Ergebnis war das gewünschte und wir befanden uns auf der richtigen Bahn. Aber das erfuhren wir erst Wochen später.

Der Vorbeiflug selber ging ziemlich schnell, wir flogen auf den Planeten zu und hatten den Eindruck, dass wir auf ihn stürzen würden. Dann kippte er nach oben weg und dann fiel er auch schon hinter uns wieder zurück und wir hatten die Passage hinter uns.

Die meisten von uns entspannten sich danach, aber unsere Navigatoren hatten natürlich noch wochenlang zu tun, unseren neuen Kurs zu bestimmen und mit ihren Berechnungen zu vergleichen. Aber mit jedem Tag, der verging, kannten sie unseren Kurs genauer und es wurde klarer, dass wir perfekt die richtige Bahn getroffen hatten.

Man könnte ja denken, dass das ein Grund zum Feiern gewesen wäre, denn das Sonnensystem lag nun hinter uns, aber es wurde ja erst langsam klar, dass wir in die richtige Richtung unterwegs waren, und so fiel die Feier aus.“

Balia schaute die Kinder an. „Ja, so war das, als wir den Neptun passierten, eine sehr spannende Zeit war das für uns.“

„Das hätte ich auch gerne erlebt“, sagte Naura und Zaukafa stimmte ihr aus vollem Herzen zu.

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