In den Schluchten des Uasabi – Teil 7

Hier sind Teil 1 und Teil 6.

„Was jetzt?“, fragte Grassuf Rachida, als sie vor dem Rathaus standen. „Wir haben doch die eilige Reise auf dem Uasabi nicht gemacht, um uns hier abweisen zu lassen.“

„Was weiß ich… Ich hätte Lust, sie wirklich alle absaufen zu lassen, die ganze Mühe mit der Aswahd Halwa, um möglichst schnell hierher zu kommen, und dann interessiert es hier keine Sau, weil wir keinen Termin haben? Vielleicht ist es für die Menschheit besser, wenn die ganzen Ebenenbewohner ins Meer gespült werden. Am Uasabi die Leute haben wenigstens auf uns gehört, aber hier…“

Grassuf schaute Rachida entsetzt an. „Aber wir können doch jetzt nicht aufgeben, oder?“

Rachida schüttelte den Kopf. „Nein, können wir nicht. Aber ich würde es gerne.“

Ein älterer Mann kam auf sie zu.

„Hallo! Ich habe Sie im Rathaus gehört. Sind sie wirklich in elf Tagen von der Uasabi Taaleth hierher gereist?“

„Ja, sind wir“, erklärte Rachida, noch immer gereizt. „Aber wir werden für lange Zeit die letzten sein, die vom Ramadey Budeyrah hierher kommen.“

„Was ist denn passiert?“

Es machte keinen Sinn, diesen Mann anzufahren. Also atmete Rachida tief durch, um sich zu beruhigen, und erzählte dann die Geschichte von dem Erdbeben und den Plänen, die sie geschmiedet hatten.

„Und das ist alles wahr?“, wollte der Mann wissen, als Rachida geendet hatte.

„Natürlich, oder glauben Sie etwa, dass wir das Holz aus Saj nur so zum Spaß verheizen würden, damit wir ein paar Tage schneller hier sind?“

„Da haben Sie recht. Vielleicht kann ich es einrichten, dass Sie mit dem Vorsitzenden sprechen können. Doch vorher muss ich ihre Geschichte überprüfen.“

Rachida stöhnte auf. „Es wird Wochen dauern, eine Expedition zum Uasabi Taaleth zu schicken und auf ihre Antwort zu warten. Und währenddessen wird der Wasserspiegel steigen und steigen.“

Der Mann lächelte. „Eine Expedition wäre in der Tat zu langsam, aber wir sind hier in Alewalla, der ersten Siedlung auf diesem Planeten.“

Rachida zuckte mit den Schultern. Welchen Unterschied machte das, ob sie hier oder in einer anderen Stadt waren, außer dass hier die Regierung saß? Aber konnte die Regierung etwa Schiffe schneller fahren oder Pferde schneller laufen lassen?

„Ja und?“

„Was wissen sie über die Geschichte dieses Planeten?“

„Er wurde vor 500 Jahren besiedelt und seit dem breiten sich die Menschen auf seiner Oberfläche aus und besiedeln die Kontinente, so auch hier auf Khesib.“

Der Mann nickte. „Und von wem wurde der Planet besiedelt?“

„Von unseren Vorfahren, von Menschen, die ursprünglich mit einem Raumschiff, der Sejereh, dass Jahrhunderte lang unterwegs war, von der Erde kamen.“

„Ja, genau. Und was wurde aus dem Raumschiff?“

Rachida war verwirrt. Woher sollte sie das wissen? Niemand wusste, was daraus geworden war, nachdem der Planet besiedelt wurde. Irgendwann hörten die Lieferungen des Raumschiffs auf oder wurden hier auf der Oberfläche nicht mehr gebraucht. „Wahrscheinlich wurde es verlassen“, vermutete Rachida.

Der Mann schüttelte den Kopf. „Es umkreist noch immer diesen Planeten und ist auch noch bewohnt. Es ist sogar noch größer geworden, als es auf der Reise war. Und hier in Alewalla gibt es eine Station, von der aus wir Kontakt mit dem Raumschiff aufnehmen können.“

„Das Raumschiff ist noch bewohnt? Aber es ist seit sechs oder sieben Generationen niemand mehr hierher gekommen.“

Der Mann nickte. „Das stimmt. Wir haben nichts, dass sie auf dem Raumschiff brauchen. Zumindest nichts, was den Transport in den Weltraum wert wäre, denn alle Rohstoffe kriegen sie auch im Weltraum. Sie haben keine Lust, uns zu beschenken oder zu besuchen. Daher gibt es keine Reisen zwischen ihnen und uns. Aber manchmal haben wir noch Sprechkontakt mit ihnen.“

„Das ist ja schön und gut, aber was hat das mit unseren Problemen mit dem Bergrutsch zu tun?“, wandte nun Grassuf ein.

„Von ihrer Position aus, können sie den Planeten sehr gut überblicken. Wenn der Bergrutsch wirklich so groß war, wie ihr behauptet, dann müssten sie das sehen können.“

„Und dann“, folgerte Rachida, „können Sie unsere Geschichte bestätigen, ohne dass eine Expedition auf die Reise gehen muss.“

„Genau das waren meine Gedanken, als ich Sie im Rathaus gehört habe.“

„Wissen hier alle von dieser Station?“

Der Mann überlegte kurz. „Ich glaube nicht. Es ist zwar kein Geheimnis, aber die meisten Menschen hier haben anderes zu tun. Mein Sohn arbeitet als Mechaniker, und da war er auch dort schon mal, um etwas zu reparieren. Er kennt die Station und konnte uns davon erzählen. Da ich auch weiß, wo die Station ist, gehen wir da jetzt hin.“

Damit drehte er sich um und ging den Weg entlang, der gegenüber der Straße lag, auf der sie den Platz erreicht hatten. Rachida und Grassuf folgten ihm.

 

Sie waren zwanzig Minuten zu Fuß unterwegs. Das Gebäude lag in einer Gegend, in der nur gearbeitet aber nicht gewohnt wurde. Es befand sich zwischen einer Tischlerei und dem Schlachthof von Alewalla und sah uralt aus.

Die Wände waren glatt und hatten nicht die für die Hauptstadt üblichen Verzierungen. Die Fenster fielen sehr klein und Rachida hatte keine Ahnung, aus welchen Materialien das Haus bestand. Die Wände waren so glatt, dass sie wie der Sand auf dem Grund des Uasabi an einer seichten Stelle in der Tiefebene aussahen, nur eben senkrecht. So etwas hatte sie noch nie gesehen und wusste auch nicht, dass so etwas überhaupt möglich war.

Ihr Führer klopfte an der Tür und kurz darauf wurde sie geöffnet.

„Was wollen Sie?“, wollte die junge Frau wissen, die ihnen die Tür geöffnet hatte.

„Wie wollen die Station nutzen.“ Dann erklärte er in kurzen Worten die Situation, wie Rachida sie ihm geschildert hatte und was sie vor hatten.

„Nun“, begann die Frau schließlich, „das muss mein Chef entscheiden. Der ist aber grade bei einer Besprechung.“

„Er ist nicht hier?“, fragte Rachida enttäuscht.

„Doch, hier ist er schon, aber er ist grade in der täglichen Dienstbesprechung mit den Technikern.“

„Das ist doch wunderbar“, erklärte Grassuf daraufhin. „Dann können die Techniker unsere Geschichte auch gleich hören. Man sollte schließlich meinen, dass der bevorstehende Untergang Alewallas wichtig genug ist, um jemanden ohne Termin bei einer Besprechung mit den Mitarbeitern anzuhören.“

Die junge Frau wurde nachdenklich.

„Außerdem würden wir die Techniker wohl als Hilfe brauchen, um unseren Plan umzusetzen, oder nicht?“, wollte Rachida wissen.

„Ohne Techniker geht es nicht, das ist richtig. Ich werde unseren Chef kurz fragen, ob ich Sie zu ihm schicken soll. Sie können hier Platz nehmen und warten.“ Sie ließ die drei in den Vorraum des Gebäudes und wies auf eine Reihe Stühle, die an der Wand standen.

Auch hier gab es Bilder des Raumschiffs. Eines, wie die Sejereh vor dem Hintergrund eines runden Planeten schwebte, ein weiteres mit Sternen im Hintergrund und mehrere, die möglicherweise das Innere des Raumschiffs darstellen. Und dann gab es noch zwei Planetenansichten. Rachida fragte sich, ob das Raumschiff wirklich so aussah, wie es auf den Bildern abgebildet ist, oder ob es sich dabei wie bei den Porträts der Bürgermeister von Saj um Bilder handelte, die das Dargestellte möglichst interessant oder hübsch aussehen lassen sollten.

Bevor sie jedoch näher darüber nachdenken konnte, kam die junge Frau zurück.

„Mein Chef meint, dass sie fünf Minuten für euch erübrigen können.“

Rachida nickte. „Vielen Dank, das ist sehr großzügig.“

„Dann kommt mal mit.“

 

Die Frau führte sie in einen Raum, in dem in der Mitte ein langer Tisch stand, um den sieben Männer und Frauen herum saßen.

„Das sind die Leute“, erklärte die junge Frau.

„Ich bin Lanomed, der Chef dieser Institution“, erklärte ein älterer Mann. „Erzählen Sie mir von der Gefahr für Alewalla!“

Rachida nickte. „Ich bin Rachida, eine Holzschifferin auf dem Uasabi, und fahre regelmäßig zwischen Saj und Bwis hin und her. Als wir dieses Mal in der Uasabi Taaleth waren, gab es ein Erdbeben und eine Bergflanke ist in den Fluss gerutscht und versperrt ihn nun. Der Damm ist vielleicht fünfzig oder hundert Meter hoch, genau wissen wir es nicht. Einige Einwohner von Hajry Aitiaz sind dort hin aufgebrochen, um den Damm zu untersuchen und wenn möglich zu sprengen. Wir sind währenddessen so schnell es geht den Fluss hinab gefahren, um alle Menschen vor der Flutwelle, die durch den Damm entsteht, zu warnen. Doch hier in der Ebene glaubt uns kaum jemand. Und dieser Mann hier“ – sie zeigte auf ihren Begleiter – „hat erklärt, dass das Raumschiff unsere Geschichte bestätigen könnte und wir es von hier aus kontaktieren können.“

Ramned wandte sich an Rachidas Begleiter. „Stimmt das?“

„Sie waren im Rathaus und wollten den Vorsitzenden sprechen, hatten aber keinen Termin. Ich habe Ihnen versprochen, ihnen zu helfen, wenn das Raumschiff ihre Geschichte bestätigt. Das ist doch möglich, oder?“

„Möglich ist es, aber wir haben schon eine ganze Weile nicht mehr mit den Sejerehern gesprochen. Und wir müssen warten, bis das Raumschiff auf dieser Seite des Planeten ist.“

Daran hatte Rachida nicht gedacht. Wenn das Raumschiff um den Planeten kreiste, gab es natürlich Zeiten, wo es auf der anderen Seite befand. Mit sowas rechnete man ja nicht. Wie lange würde das dauern? Doch sicherlich nicht mehr als ein paar Tage.

„Wann wird das sein?“, fragte Grassuf, der sich nicht die Mühe machte, selber über diese Frage nachzudenken.

„Ich schätze, in zwei oder drei Stunden könnten wir noch Glück haben. Die Bahn verläuft momentan ein gutes Stück tagwärts von uns und wandert weiter in die Richtung. Aber ich denke, wir sollten sie noch erreichen, oder?“ Er schaute erwartungsvoll in die Runde seiner Techniker.

„Ich denke“, erwiderte schließlich eine ältere Frau, „wenn wir die Antenne optimal ausrichten, könnte es klappen.“

„Gut. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob eure Geschichte stimmt, aber die Gefahr, falls sie wider erwarten stimmen sollte, ist einfach zu groß, um nichts zu unternehmen. Also bereitet alles für einen Kontakt mit der Sejereh vor!“ Und damit gab er dreien der Techniker einen Wink, die daraufhin den Raum verließen.

„Wenn wir mit dem Raumschiff Kontakt aufnehmen wollen, müssen wir genau wissen, wo der Erdrutsch passiert ist.“

„In der zweiten Kurve der Uasabi Taaleth“, erklärte Rachida. Welche weitere Information brauchte man sonst noch? Das war doch eindeutig. Doch Ramned schaute sie nur verständnislos an.

„Kannst du uns auf einer Karte zeigen, wo das ist?“

Rachida nickte. Wahrscheinlich konnte sie die Stelle so ungefähr eingrenzen.

„Holt mir die alte Khesib-Karte“, befahl der Mann und einer seiner Techniker stand auf und verließ den Raum.

„Dann wollen wir mal hoffen, dass die Sejereh den Funkkanal abhört. Das letzte Mal haben wir vor eineinhalb Jahren mit ihnen gesprochen.“

„Aber warum“, wandte Rachidas Begleiter ein. „Ich dachte, dieses Gebäude wäre gerade für die Kommunikation mit der Sejereh gedacht?“

Der Chef lachte. „Die Kommunikation ist nur ein kleiner Teil unserer Aufgaben. Das eigentlich wichtige hier sind die Aufzeichnungen. Wir bewahren hier das gesamte Wissen auf, dass die Sejereh an Bord hatte, als wir auf diesem Planeten angekommen sind. Ich und meine Techniker sind quasi sowas wie Hüter des Wissens unserer Zivilisation. Wir sind die, die man um Rat fragen kann, wenn man etwas will und nicht weiß, wie es geht.“

„Machen das viele Leute? Ich wusste bisher nicht einmal, dass es sowas wie euch gibt.“

„Die meisten, die unser Wissen nutzen, gehören zur Regierung hier in Alewalla. Aber eigentlich stehen wir allen Menschen zur Verfügung, die etwas wissen wollen. Ich vermute allerdings, dass die meisten außerhalb der Hauptstadt genauso wie ihr nicht einmal von unserer Existenz wissen.“

Nun meldete sich der Mann zu Wort, der Rachida vor dem Rathaus angesprochen hatte: „Selbst hier in Alewalla gibt es viele, die davon nichts wissen. Auch ich wusste nur durch Zufall davon.“

„Aber wir sind nicht geheim. Es ist mehr so, dass sich kaum jemand für uns interessiert.“

Die Tür ging auf und der Techniker, der die Karte holen sollte, kam zurück. In der Hand hatte er ein dickes, zusammengefaltetes Pergament. Er legte es auf den Tisch und breitete es aus. Es war so groß, dass es den ganzen Tisch bedeckte.

Es war eine Landkarte des ganzen Kontinents Khesib, und zwar eine sehr genaue. Es waren jedoch keine Städte und Orte eingezeichnet und auch die verwendeten Symbole waren andere als die, die Rachida von den Karten kannte, die sie in Saj gesehen hatte. Wie wurden Flüsse dargestellt? Vielleicht die grünen Linien? Oder waren das Höhenzüge und die braunen Linien Flüsse? Und welches waren die Küstenlinien?

Rachida versuchte sich die Umrisse des Kontinents ins Gedächtnis zu rufen, doch sie hatte die Karte damals nur ein einziges Mal gesehen, und das war schon Jahre her.

„Wo auf der Karte sind wir? Und welcher Fluss ist der Uasabi?“

Als ihr Alewalla und der Fluss gezeigt wurden, wurde Rachida klar, warum sie auf der Karte nichts erkennen konnte. Es war einfach auf einer anderen Seite oben und die Karte war seltsam verzerrt. Alle Karten, die sie bisher gesehen hatte – überwiegend von irgendwelchen kleineren Regionen entlang des Uasabi – waren so ausgerichtet, dass die Sonne oben stand und Richtung Nachtpol unten war. Doch bei dieser Karte war der Nachtpol rechts und der Tagpol links.

„Die Karten, die ich kenne waren andersrum“, erklärte Rachida verlegen.

„Dies ist eine ganz alte Karte, die wurde angefertigt, bevor die ersten Menschen auf dem Planeten gelandet sind. Auf der Erde“, erklärte er weiter, „war es üblich, Norden oben zu haben, und als das Raumschiff diesen Planeten das erste Mal kartographiert hat, haben sie diese Konvention noch beibehalten. Auf der Erde lag es daran, dass es dort keinen Tagpol gab.“

Rachida nickte. Sie hatte ein paar Geschichten gelesen, die auf der Erde spielten, und sich immer gefragt, wie es wohl war, wenn die Sonne über den ganzen Himmel wanderte. Mit dem Finger über der Karte folgte sie dem Uasabi, bis sie schließlich eine grobe Orientierung hatte.

„Das hier muss dann der Ramadey Budeyrah sein.“ Sie zeigt auf einen grünen Fleck. „Dann ist das hier der Uasabi Masdar und in die andere Richtung muss dann der Uasabi Taaleth sein.“ Sie folgt mit dem Finger knapp über der Karte der Linie des Flusses. „Dies müssen dann die Berge der Taaleth Teleh sein. In dieser Kurve“, sie zeigt auf eine enge Flussbiegung, „war dann der Bergsturz.“

„Bab“, wendet sich Lanomed an einen der Umstehenden. „Bestimme die Koordinaten dieser Position. Wird brauchen sie möglichst bald, in einer halben Stunden ist das Schiff erreichbar.“

Die Angesprochene beugte sich über die Karte, um den Auftrag auszuführen. Währenddessen nahm Lanomed seine Besucher mit in einen anderen Raum.

 

Der neue Raum sah für Rachida eher wie eine Werkstatt oder ein Labor aus. Überall lagen seltsame Dinge herum, die sie nicht zuordnen konnte. Viele davon waren so klein, dass man sie unmöglich mit den Fingern halten konnte, ohne sie zu zerbrechen. Zwei Frauen saßen an einem Tisch und hatten ein Ding vor die Augen geklemmt und arbeiteten irgendwas unverständliches. Im hinteren Bereich des Raumes stand einer der Techniker, der den Kontakt mit dem Raumschiff vorbereiten sollte und betätigte an einer Wand voller Schalter und Knöpfe irgendwelche Einstellungen.

Als er die anderen reinkommen sah, unterbrach er kurz seine Arbeit.

„Wir sind fast fertig. Ich hoffe nur, dass alles funktioniert.“

Der Chef nickte.

„Wir haben nochmal die Bahnparameter durchgerechnet“, erklärte der Techniker weiter. „Wenn es bei diesem Umlauf nicht klappt, können wir sie möglicherweise beim nächsten nochmal erreichen, da haben wir dann aber maximal zwei Minuten, die wir mit ihnen reden können.“

„Und wie lang ist diesmal unser Fenster?“

„Ich schätze wir werden zehn Minuten Zeit haben.“

„Ich hoffe nur“, meinte Lanomed zweifelnd, „dass sie auch wirklich auf Empfang sind. Denn wenn sie uns nicht hören, dann können wir auch nicht helfen. Dann müssen wir die zwei Wochen warten bis sie das nächste Mal in unsere Reichweite kommen.“

„Zwei Wochen?“ Rachida war entsetzt. „Mit jedem Tag, der vergeht, wird die Gefahr größer. Gibt es denn keine andere Möglichkeit?“

Lanomed schüttelte den Kopf. „Keine Sinnvolle. Aber ich denke, selbst wenn uns niemand hört, werden sie unsere Sendung auf jedem Fall aufzeichnen und dann vielleicht in den nächsten Tagen finden, das halte ich für möglich. Und vielleicht hat das Raumschiff ja andere Möglichkeiten, uns zu kontaktieren. Runter ist schließlich immer sehr viel einfacher als hoch.“

Dann wandte er sich wieder an die Techniker und gab ihnen einige Befehle. Die nächsten zwanzig Minuten standen Rachida und ihre Begleiter stumm in einer Ecke und beobachteten das geschäftige Treiben der Techniker. Jetzt konnten sie nur noch warten.

Rachida überlegte, wie anders doch diese Werkstatt war, verglichen mit allem, was sie bisher gesehen hatten. Hier war alles aus Metall oder ähnlichen Werkstoffen. Das sonst fast überall vorhandene Holz fehlte hier fast völlig. Dafür gab es Materialien, von denen Rachida nicht wusste, woraus sie hergestellt waren. Und alles war so klein und doch gut aufeinander abgestimmt. Ob es so wohl auch auf dem Raumschiff gewesen war?

Je näher die Zeitpunkt der möglichen Kontaktaufnahme kam, desto nervöser wurde sie. Würden die Leute auf der Sejereh sie hören? Würden sie ihre Geschichte wirklich überprüfen können? Würde sie am Ende selber mit dem Raumschiff sprechen können? Nie hatte sie sich träumen lassen, dass sie mal mit jemanden sprechen können würde, der nicht auf dem Planeten war.

 

Dann war es schließlich soweit und Lanomed befahl den Technikern, den Kontakt herzustellen. Daraufhin ertönte ein schrilles Pfeifen, das Rachida zusammenzucken ließ. Doch da alle anderen davon unbeeindruckt waren – oder sogar darauf gewartet hatten – entschied Rachida, dass es wohl normal sei.

Nach ein paar Sekunden hörte das Pfeifen auf und einer der Techniker sprach in ein Metallkasten: „Alewalla ruft die Sejereh – Könnt ihr uns hören? – Alewalla ruft die Sejereh – dringend – hört ihr uns? – Alewalla ruft die Sejereh…“

So ging das ein paar Minuten und Rachida merkte, wie die Anspannung im Raum immer größer wurde. Doch dann ertönte plötzlich eine fremde Stimme in einem so seltsamen Dialekt, dass Rachida Schwierigkeiten hatte, sie richtig zu verstehen: „Hier Sejereh! Wir hören euch!“

Alle atmeten auf, während der Techniker den Kontakt mit dem Raumschiff bestätigte und dann in kurzen Worten Rachidas Geschichte von dem Erdbeben und dem Bergsturz erzählte. Als er geendet hatte, fragt er: „Könnt ihr eventuell von dort oben, wo ihr seid, die Geschichte bestätigen, dass wir gegebenenfalls Schutzmaßnahmen ergreifen können?“

Die Antwort war für Rachida kaum verständlich. Die Sprache auf der Sejereh war doch sehr anders als ihre gewohnte an den Ufern des Uasabi. Und sie dachte immer, dass die Leute von der Küste schon seltsam sprechen würden.

Doch der Techniker schien es zu verstehen und es gab einen kurzen Dialog, der mit einem „Bleibt auf Empfang, wir melden uns demnächst wieder“ endete, bevor die Sejereh den Kontaktbereich wieder verließ.

„Sie werden schauen, ob sie uns weiterhelfen können“, erklärte der Techniker schließlich.

„Sehr gut, dann bleibt an der Station, bis wir eine Antwort erhalten. Wahrscheinlich werden sie sich jetzt besprechen, ob sie uns helfen wollen oder nicht.“ Dann wandte er sich an Rachida. „Ihr seid sicher erschöpft von eurer Reise, und im Moment können wir nichts machen. Wir haben hinten ein Gästehaus, dort könnt ihr euch ausruhen, wenn ihr wollt. Und sobald wir wieder etwas von der Sejereh hören, wecken wir euch. Einverstanden?“

Rachida schüttelte den Kopf. Jetzt ausruhen? Sie müsste doch noch irgendwas tun, um die Katastrophe verhindern zu können.

„Hier gibt es gerade für euch nichts mehr zu tun.“

„Aber…“

„Ihr solltet die Gelegenheit wirklich nutzen!“

Rachida wollte widersprechen, doch dann musste sie Gähnen. Sie war in der Tat sehr erschöpft, und Grassuf ging es ähnlich. Vielleicht sollte sie wirklich eine Weile ruhen.

„Aber weckt uns unbedingt, wenn es weitergeht und wir wieder Kontakt haben.“

„Machen wir. Versprochen!“

 

Rachida hatte das Gefühl, kaum geschlafen zu haben, als sie geweckt wurde. Doch die Frau, die sie weckte, versicherte ihr, dass sie drei Stunden geschlafen hätte. Aber da sie in ein paar Minuten mit den Leuten von der Sejereh sprechen konnten, musste sie wohl aufstehen.

Kurz darauf kam sie in den Technikraum gestürmt. „Da bin ich! Was soll ich tun?“

Lanomed erklärte: „Immer mit der Ruhe, die Sejereh hat einen Komsat ausgesetzt, wir haben also viel Zeit um mit ihnen zu reden.“

„Einen Komsat… Natürlich.“ Rachida hatte keine Ahnung, was ein Komsat war, aber offensichtlich half es, wenn so etwas ausgesetzt war, um miteinander reden zu können.

Zwei Minuten später hörte sie wieder den schwer verständlichen Dialekt der Leute auf dem Raumschiff. Rachida verstand nicht alles, aber doch genug, um herauszuhören, dass sie den Bergsturz gefunden hatten und ihre Geschichte im Wesentlichen bestätigten. Das Wasser stand wohl schon bis zum tagwärtigen Ende des Gebirges, als bereits mindestens bis Qariah Taaleth Teleh. Rachida schätzte, dass der so entstandene See mindestens zweihundert Kilometer lang war.

Von dem restlichen Gespräch verstand Rachida nur ein paar Bruchstücke, die jedoch für sie kein Bild ergaben, worum es dabei ging. Aber das Wichtigste war ja auch, dass ihre Warnung nun bestätigt worden war. Und damit würden sie sich nun an den Vorsitzenden wenden und dann hoffentlich die nötige Unterstützung bekommen. Da sie von den technischen Details, über die gesprochen wurde, kaum etwas verstand, hörte Rachida dem Gespräch zwischen den Technikern und dem Raumschiff nicht mehr zu, sondern überlegte, was zu tun wäre, sobald der Vorsitzende gewarnt sei.

Sie müssten auf jedem Fall die Feuerkette verbessern und wahrscheinlich die Stationen auch enger legen, damit sie auch bei schlechtem Wetter zuverlässig funktionieren würden. Und man müsste ein paar Schiffe mit großen Mengen Sprengstoff den Uasabi hinauf schicken, um die Sprengung des Damms zu unterstützen. Und natürlich im Tal und der Ebene alles für die Evakuierung vorbereiten. Das würde sicherlich Tage bis Wochen in Anspruch nehmen. Hoffentlich hatten sie noch so viel Zeit…

Nach einer Viertelstunde war das Gespräch mit dem Raumschiff beendet und Lanomed wandte sich wieder an Rachida und Grassuf.

„Das Schiff hat eure Geschichte bestätigt. Der Damm ist mindestens achtzig Meter hoch und schätzungsweise dreißig bis vierzig Meter hoch gefüllt.“ Rachida atmete hörbar auf. Sie hatten also noch Zeit.

„Aber was noch wichtiger ist“, fuhr Lanomed fort, „ist die Tatsache, dass die Sejereh sich bereiterklärt hat, uns bei der Beseitigung des Damms zu helfen.“

„Die wollen uns helfen?“ Rachida schaute Lanomed ungläubig an. „Wie?“

„Die haben wohl eine Waffe an Bord, mit deren Hilfe sie den Damm sprengen können. In zwei Wochen können sie alles vorbereitet haben.“

„In zwei Wochen? Wie sollen wir so schnell alle warnen können?“

„Auch da werden sie uns helfen, und in der Nähe des Damms eine unbemannte Raumfähre landen lassen, über die wir mit den Leuten am Damm kommunizieren können. Dann können sie anfangen, die Leute im Oberlauf zu warnen und die Umgebung des Dammes verlassen, während wir von hier aus alle Leute in der Ebene warnen.“

„Von hier aus sollen wir dann direkt mit den Leuten in der Taaleth Teleh kommunizieren können?“

„So, wie wir jetzt auch mit dem Raumschiff reden. Wahrscheinlich wird die Qualität schlechter sein, aber sie werden dich zumindest verstehen.“

„Mich?“

„Dich kennen sie, auf dich werden diese Leute wahrscheinlich hören, wenn deine Stimme plötzlich aus dem Nichts ertönt. Zumindest werden sie eher auf dich als auf uns hören. Und du kennst die Lage da oben besser als jeder andere hier in Alewalla.“

Rachida nickt. Ihr ist klar, dass der Plan besser ist als alles, was sie sich ausgedacht hatte.

„Also gut“, erklärt sie schließlich, „dann machen wir es genau so.“

Eine Übersichtskarte des Uasabi findet ihr im Glossar. Eine Karte des ganzen Kontinents gibt es hier.

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