In den Schluchten des Uasabi – Teil 6

Hier sind Teil 1 und Teil 5.

Als sie Silal wieder verließen und weiter den Uasabi hinab fuhren, stellte Rachida fest, dass die Generalprobe der Warnfeuer schon vorbei sein musste. Es gab jedoch keine Möglichkeit herauszufinden, ob es so geklappt hatte, wie sie sich das vorgestellt hatten.

Sie konnte nur hoffen, dass so wenigstens die Menschen flussaufwärts so weit es ging gewarnt wurden. Vielleicht würden ein paar von den etwas mehr als zweitausend Einwohnern von Silal es sich anders überlegen und auf eigene Faust die Warnfeuer errichten, aber eigentlich wusste sie, dass es eher unwahrscheinlich war.

Hoffentlich würden sie mit ihren Warnungen in Bwis mehr Gehör finden. Wenn nicht, das wurde ihr klar, würde sie ihr Schiff weiter den Fluss hinab senden, während sie selber nach Alewalla reisen und die Regierung informieren würde. Aber das würde sie nur im Notfall machen, denn eigentlich wollte sie ihr Schiff in so einer Gefahr nicht alleine lassen. Ihre Crew war tüchtig, und würde es sicherlich auch alleine hinkriegen, aber zu viert war es wesentlich einfacher, das war nicht zu bestreiten.

Sie fragte sich, ob es nicht doch besser wäre, mit dem Schiff weiter bis Uasabi Makhadih zu fahren? Der Ort war so etwas wie der Hafen der Hauptstadt, von dort aus waren es nur 180 Kilometer bis nach Alewalla. Von Bwis aus müsste sie drei Tage über Land fahren, während sie die Strecke nach Uasabi Makhadih mit dem Schiff in zehn Stunden zurücklegen konnten.

Als Chamned und Riffo etwas später an Deck kamen, weihte Rachida die beiden in ihre Überlegungen ein und fragt sie um Rat. Die Antwort war jedoch eindeutig, denn mit dem Schiff waren sie auf jedem Fall schneller. Sie konnten in Bwis eine Stunde Pause einlegen und die Leute dort informieren und sich dann schnell weiter fahren.

In Uasabi Makhadih würden sie dann ihr Holz möglichst schnell verkaufen und so viel Brennholz wie möglich an Bord nehmen und dann auf dem Fluss auf die Rückkehr Rachidas oder die Flutwelle warten.

 

Als sie Bwis schließlich erreichten, glaubten die Menschen ihnen dort noch weniger als in Silal, wenn das überhaupt möglich war. Viele hörten zwar zu, doch als es um die Auswirkungen ging, bekamen sie zu hören, dass eine meterhohe Flutwelle hier in der Ebene ganz sicher unvorstellbar sei. Überhaupt würde sich der Wasserstand des Flusses doch höchstens um ein paar Zentimeter ändern. Ein paar Leute warfen ihnen sogar vor, dass sie sich das alles nur ausgedacht hätten, um sich bekannter zu machen. Rachida und ihre Crew entschieden daher, einfach nur ihre Vorräte aufzufüllen und dann weiter zu fahren. Vielleicht hätten sie näher an der Hauptstadt, wo die Leute gebildeter waren, mehr Erfolg.

 

Uasabi Makhadih war eigentlich ein Kaff, dass seine Bedeutung der Tatsache verdankte, dass es der nächste Uasabihafen von Alewalla war. Dementsprechend gehörten die sechshundert Einwohner des Ortes zu den reichsten Menschen des Kontinents, da ein großer Teil des Landhandels der Hauptstadt durch ihren Ort und auf Fähren über den Fluss hinweg führte.

Während Chamned und Riffo ihre Geschichte erzählten und das Holz verkauften, gingen Grassuf und Rachida zur Kutschenstation. Der Bruder von Chamned, der in der Nähe dieses Ortes wohnte, würde auf dem Schiff helfen, während sie beide in die Hauptstadt fuhren. Es war ein Glück für sie gewesen, dass er grade mit seiner Frau im Ort war, um einzukaufen. So konnte er an Bord gehen, während seine Frau ihre Familie vor der drohenden Gefahr warnte.

Der Kutschenhof war leer, als Rachida und Grassuf dort ankamen. Die nächste Kutsche in die Hauptstadt würde in fünf Stunden abfahren. Doch als Rachida dem Kutscher zwei Stämme Holz aus Saj als Bezahlung anbot, war es plötzlich kein Problem, eine Kutsche außer der Reihe in die Hauptstadt zu schicken. Rachida vermutete, dass dieser Kutscher demnächst wohl ein oder zwei Kutschen mit einer Innenausstattung aus Saj-Holz für seine reicheren Kunden haben würde.

Als die Kutsche den Ort verließ und über der Ebene fuhr, schlief Rachida erst einmal. Wenn sie in elf Stunden in Alewalla ankommen würden, wollte sie fit sein. Als Flussschiffer waren sie es gewöhnt, bei jeder sich bietenden Gelegenheit schlafen zu können.

 

Als Rachida wieder aufwachte, fuhren sie durch eine dicht besiedelte Gegend. Wenn man aus dem Fenster schaute, konnte man immer irgendwo ein oder zwei Gehöfte sehen und alle halbe Stunde kamen sie an kleinen Orten vorbei.

Rachida war in ihrem ganzen Leben noch nicht in der Hauptstadt gewesen, oder überhaupt so weit vom Fluss entfernt. Nach einiger Zeit fiel ihr eine Rauchsäule auf, die nachtwärts hinter dem Horizont aufstieg. Sie fragte den Kutscher danach.

„Das sind die Kamine Alewallas“, erklärte er ihr. Die über dreißigtausend Menschen der Stadt wollten es schließlich warm haben und kochen, und so würde über der Hauptstadt zu jeder Zeit der Rauch zu sehen sein. Für die Kutscher war das ganz praktisch, denn so konnte ein erfahrener Kutscher immer schätzen, wie das Wetter in der Hauptstadt war, noch bevor sie ankamen.

„Wenn ihr Glück habt“, sagte er, „könnte es später ein paar Stunden trocken sein. Und vielleicht gibt es sogar eine Lücke in den Wolken, dass die Sonne die Zinnen des Rathauses bescheint. Das ist immer ein wundervoller Anblick.“

Rachida nickte. Sie waren nicht in der Hauptstadt, um dort die Bauwerke zu bestaunen, aber wenn es ein schönes Wetter dafür war, würde sie das sicherlich nicht stören. Und dann fiel ihr wieder ein, wie bedroht das ganze durch die Flutwelle war, die ihnen bevorstand.

„Können wir nicht etwas schneller fahren? Mein Auftrag ist wirklich dringend.“

Sie hatte dem Kutscher schon bei der Abfahrt von Uasabi Makhadih erklärt, worum es ging, doch offensichtlich fehlte ihm die Erfahrung mit dem Fluss, um sich eine Flutwelle, die bis Alewalla reichen könnte, vorzustellen.

Als sie der Stadt näher kamen, wurden die Gehöfte und Orte immer zahlreicher, und als sie die Stadtgrenzen passierten, sah sich Rachida von einer überwältigenden Menge Häuser umgeben. Und die Häuser, die es hier gab, waren wesentlich prächtiger als die einfach Behausungen entlang des Flusses. Wer hätte gedacht, dass Menschen so prunkvoll wohnen konnten? Manche der Häuser hatten drei Stockwerke! Rachida hatte keine Ahnung, wofür man so viele Räume brauchen könnte, ein Schlaf- und Wohnraum und vielleicht noch ein zweiter Schlafraum für die Kinder und eine Werkstatt waren doch alles, was man brauchte. Wozu also mehrere Stockwerke?

Dann erreichten sie das Stadtzentrum. Sie fuhren auf einen großen Platz, der von reichlich verzierten Gebäuden umgeben war. Geschnitzte Fensterrahmen, verschiedene Steinarten, die zu einem Muster zusammengesetzt waren und nicht einfach nur Holzwände wie in Saj oder den anderen Orten am Fluss. Und groß waren die Gebäude. Das Rathaus hatte über dem breiten Eingangsportal einen Turm, der mindestens fünf Stockwerke hoch war, vielleicht sogar noch mehr. Und dieses Gebäude würden sie nun betreten.

Das Rathaus war im Inneren genauso prunkvoll wie von außen. Rachida staunte, wie verschwenderisch hier mit Raum umgegangen wurde. Sie stand in einer großen Halle, ähnlich der Versammlungshalle von Saj, nur dass diese offensichtlich nicht für Versammlungen gedacht war, sondern nur als Eingangsbereich. Rechts und links führten breite Treppen in die oberen Etagen, an den Wänden hingen mythologische Bilder der Sejereh und ihrer Reise. Rachida kannte die Geschichten nur aus mündlicher Überlieferung, doch was die Bilder darstellten, war sofort ersichtlich.

Grassuf, der in der Hauptstadtregion geboren war, war von dem Gebäude weniger beeindruckt, sondern nahm es einfach als gegeben hin. Er wandte sich nach rechts, wo in einem kleinen Raum mit Fenster zur Halle jemand saß.

„Hallo! Wir müssen dringend mit dem Vorsitzenden sprechen“, wandte Grassuf sich an den Mann.

„Haben Sie einen Termin?“

„Einen Termin? Brauchen wir einen?“

„Natürlich brauchen Sie einen Termin, wenn sie mit dem Vorsitzenden sprechen wollen. Wenn Sie keinen haben, muss ich Sie enttäuschen, denn in den nächsten zehn Tagen wird wohl kein Termin mehr frei sein.“

Rachida kam zu den beiden.

„Aber es ist sehr wichtig“, beharrte Grassuf.

„Das sagen alle, die keinen Termin haben.“

Nun wurde es Rachida zu viel: „Wir sind doch nicht den ganzen Weg von Saj hierher geeilt“, schrie sie den Mann an, „um dann Alewalla untergehen zu sehen, nur weil wir keinen Termin haben! Die Flutwelle des versperrten Uasabi wird auch keinen Termin haben und die ganzen Bewohner der Ebene einfach wegschwemmen. Und niemand wird gewarnt sein, nur weil wir keinen Termin haben!“

Der Mann war etwas überrascht von Rachidas Wutausbruch. Grassuf versuchte sie zu beruhigen, denn hier war Diplomatie von Nöten, doch Rachida wollte sich nicht beruhigen lassen.

„Wissen Sie eigentlich, was uns das gekostet hat, in zwölf Tagen vom Uasabi Taaleth hierher zu fahren, nur um Sie zu warnen?“

„Aber der Vorsitzende-„, begann der Mann, doch Rachida ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„Ach, wissen Sie was? Wir bringen einfach uns selber in Sicherheit, und wenn sich dann die Fluten über die Ebene ergießen, saufen Sie doch meinetwegen alle ab!“

Und damit drehte sie sich um, packte Grassuf am Arm und zog ihn mit sich durch die Halle und nach draußen auf den Platz.

Eine Übersichtskarte des Uasabi findet ihr im Glossar. Eine Karte des ganzen Kontinents gibt es hier. Weiter geht es mit dem letzten Teil.

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