In den Schluchten des Uasabi – Teil 5

Hier sind Teil 1 und Teil 4.

Drei Stunden später, als Riffo sie am Steuer ablöste, kam Chamned zu ihr. „Ich habe über die Feuerlinie entlang des Uasabi nachgedacht.“

Rachida blickte vom Essen auf und ihren Mann an: „Ja?“

„Vielleicht könnte man sie so modifizieren, dass es möglich ist, damit einfache Botschaften zu senden, die man vorher vereinbart hat. Man könnte beispielsweise die Höhe der Flutwelle kodieren, in dem man das Feuer so viele Minuten brennen lässt, wie die Flut hoch ist. Oder wenn man mehr Zeit hat und die Feuerlinie langfristig behalten will, könnte man etwas erfinden, dass mal Rauch ablässt und mal nicht, und so immer wieder Pausen im Rauch haben und dadurch eine Botschaft codieren.“

„Interessant. Und du meinst, dass es funktionieren wird?“

„Ich halte es für möglich.“

„Aber es wird natürlich einiges an Arbeitskraft binden.“

„Aber diese Katastrophe zeigt uns, wie nötig es ist, dass wir kommunizieren können. Und was wäre, wenn man Geld dafür bezahlen müsste, dass die Botschaften gesendet werden? Dann könnten man Geld damit verdienen.“

„Du meinst, wir könnten dann Geld damit verdienen?“

Chamned lächelte: „Ich sehe, du kannst meinen Gedanken folgen…“

„Deshalb liebe ich dich… Kannst du einen Plan machen, was es kosten würde, eine Verbindung von Saj nach Alewalla zu haben und was dann eine Mitteilung kosten würde? Wir haben schließlich noch ein gutes Stück Fahrt vor uns.“

Zweieinhalb Tage später kamen hinter einer Flussbiegung die Häuser von Uasabi Jobly in Sicht. Die Stadt hatte sich seit ihrem letzten Besuch kaum verändert. Offensichtlich hatte die Flutwelle durch den Bergrutsch sich bis hierher soweit verlaufen, dass niemand sie bemerkt hatte. Als sie anlegten, bemerkte Rachida, dass das Wasser im Fluss eine Handbreit tiefer stand als sonst, aber wenn sie nicht darauf geachtet hätte, sie hätte es nicht bemerkt.

Als sie in die Stadt gefahren waren, hatten sie wieder das Nebelhorn betätigt, um alle Leute zu sich zum Hafen zu locken, doch diesmal hörten kaum Leute auf sie und alle gingen weiter ihren Beschäftigungen nach.

Nur vier oder fünf Leute fanden sich am Kai ein, um sie zu begrüßen. Für gewöhnlich füllten sie hier nur ihre Vorräte auf, es war also nicht verwunderlich, dass sich nur wenige Leute einfanden.

„Wir müssen sofort mit dem Bürgermeister sprechen. Es geht um das Überleben der Stadt.“

„Der Bürgermeister ist zu Hause und arbeitet. Kommt mit.“

Rachida und Riffo gingen mit, während die beiden Männer sich um das Schiff kümmerten. Der Weg führte erst ein Stück flussaufwärts am Uasabi entlang und dann nach rechts den Berg hinauf, erst flach und dann steiler. Über einen in Terrassen angelegten Marktplatz kamen sie zu einer Treppe, die zwischen den Häusern weiter hinauf führte. Dann hatten sie das Bürgermeisterhaus erreicht.

Ihr Begleiter klopfte an die Tür und trat dann ein.

„Herr Bürgermeister! Hier sind Händler, die Sie dringend sprechen möchten.“

Kurz darauf kam ein älterer Mann im Schlafrock aus einem der Zimmer: „Was ist denn los? Warum wollt ihr mich sprechen?“

Rachida erzählte die Geschichte des Erdbebens und der Flutwelle und auch was die Städte oberhalb planten, um die kommende Katastrophe zu bekämpfen.

Der Bürgermeister wollte ihnen erst nicht glauben, zu unwahrscheinlich klang ihre Geschichte mit dem Bergsturz und der hohen Flutwelle. Doch Rachida und Riffo diskutierten hartnäckig weiter, bis der Bürgermeister schließlich nachgab und unter der Bedingung, dass die Regierung – oder wenn die sich weigern würde, Rachida – ihm später die entstandenen Kosten bezahlen würden, falls sich die Warnung als falsch herausstellen sollte.

Mit einem kleinen Fischerboot sollten ein paar Leute flussaufwärts fahren, um Rachidas Angaben zu überprüfen. Der Bürgermeister ließ nach den anderen wichtigen Leuten des Ortes schicken, und so mussten Rachida und Riffo eine halbe Stunde später die ganze Geschichte erneut erzählen und auch wieder mit den Leuten diskutieren, ob die Gefahr wirklich so groß sei, wie sie erzählen würden. Letztlich setzte sich auch bei diesen Leuten die Vernunft durch, denn wenn es nicht der Wahrheit entsprechen würde, hätten sie nicht viel verloren. Und im anderen Fall wäre es um so wichtiger zu handeln.

Dann ließ Rachida die Brennholzvorräte des Schiffs auffüllen und drei Stunden später waren sie wieder auf den Weg.

 

Während sie durch die Schlucht Richtung Meer weiterfuhren, merkte Rachida, dass die Strömung ein wenig langsamer als üblich war, der Flusspegel jedoch fast den normalen Stand hatte. Bis man in diesem Bereich die Stauung des Uasabi merken würde, würde es noch eine ganze Weile dauern.

Sie fragte sich, ob es ihnen wohl gelingen würde, dass die Leute in der Ebene auf sie hörten. In Uasabi Jobly, wo man wenigstens ein wenig noch die Auswirkungen des Bergsturzes bemerken konnte – der Wasserstand des Uasabi war um ein paar Zentimeter gesunken – war es schon schwierig genug gewesen, Gehör zu finden.

Ob sie wohl die Leute in der Ebene auf die Schnelle dazu bekommen würden, alles stehen und liegen zu lassen und in höheres Gelände zu gehen? Andererseits hatten sie dafür mehr Zeit, denn wenn der Damm in den nächsten zwei oder drei Wochen brechen würde, dann würden nur die Orte direkt am Fluss betroffen sein.

Also hätten die Leute aus der Tiefebene die Möglichkeit, selber eine Expedition den Uasabi hinauf zu senden bis zu der Sperre, um ihre Angaben zu überprüfen. Ob sie das allerdings auch wirklich machen würden, konnten sie kaum beeinflussen.

 

Die Berge rechts und links des Flusses zogen an ihnen vorüber. Nach ein paar Tagen sah Rachida die ersten Kempun, die Trichterbäume, die für die untere Uasabischlucht so typisch waren und dort die Hänge bedeckten.

Die großen, trichterförmigen Blätter, die zur Sonne hin ausgerichtet sind, waren immer das erste Zeichen, dass sie sich dem Ende der Uasabi Teleh näherten. Von hier aus würdeen sie noch mindestens dreieinhalb Tage bis in die Ebene brauchen, und dann wäre der Test der Feuerkette bereits vorbei.

Aber vielleicht war es ja möglich zu vereinbaren, die Kette alle zehn Tage um die gleiche Zeit zu testen, um zu sehen, ob sie funktionieren würde?

 

Nicht ganz zwei Tage, nachdem sie Uasabi Jobly verlassen hatten, wurde das Tal etwas breiter und am Ufer sahen sie vereinzelte Gehöfte, die sie, genauso wie sie es flussaufwärts gemacht hatten, über die Gefahr und die Gegenmaßnahmen unterrichteten. Dann erreichten sie Uasabi Teleh. Am Hafen erzählten sie den Hafenarbeitern von der Gefahr und dann auch dem Bürgermeister, der in der Nähe des Hafens wohnte.

Es dauert über drei Stunden, bis sie den Bürgermeister überredet hatten, die nötigen Wachfeuer einzurichten. Wäre die Gefahr nicht dermaßen groß gewesen, die durch die Flutwelle drohte, wahrscheinlich hätten sie es nicht geschafft.

Rachida musste persönlich dafür haften, dass sie die Wahrheit erzählt. Dafür war der Deal, dass sie, falls die Lage wirklich so bedrohlich war, wie sie behauptete, zur Belohnung für jeden Einwohner des Ortes eine Silbermünze bekamen.

Danach frischten sie ihre Brennholzvorräte wieder auf und auch im Laderaum, wo nun etwas Platz war, weil sie einen Teil des guten Holzes aus Saj verheizt hatten, um schneller zu sein, lagerten sie nun Brennholz ein.

Dann verließen sie Uasabi Teleh und hofften, dass der Bürgermeister sich an ihre Abmachung halten und die nötigen Vorbereitungen treffen würde.

 

Die Fahrt durch die restliche Schlucht verlief ohne größere Probleme und so erreichten sie drei Tage später Silal, die tagwärtigste Stadt der Hauptstadtregion. Von hier aus konnte man auf Straßen bis nach Alewalla reisen und musste nicht zwischendurch ein Schiff nehmen.

Allerdings war es hier wesentlich schwieriger, die Bewohner oder den Bürgermeister von ihrer Geschichte zu überzeugen, zumal der Schiffsverkehr auf dem Fluss ganz normal lief und sie von den Problemen flussaufwärts nichts bemerkt hatten. Mehr als einen halben Tag redeten sich Rachida und ihre Crew vor verschiedenen Leuten den Mund fusselig. Immer wieder kamen neue Personen dazu und sie mussten wieder von ihren Abenteuern erzählen, doch als sie die Leute aufforderten, sich auf die Flutwelle vorzubereiten, da wollte plötzlich niemand mehr an ihre Erzählung glauben.

Nach einem halben Tag entschied sich Rachida, weiter Richtung Hauptstadt zu fahren und dort die Leute zu warnen. Vielleicht wären die etwas vernünftiger. Sie überlegte kurz, ob sie auf der Straße doch schneller wäre, aber dann entschied sie sich, dass sie die Strecke mit dem Schiff in kürzerer Zeit zurücklegen könnten. Und vor allem könnten sie auch weiteren am Fluss lebenden Menschen von der Gefahr erzählen.

Eine Übersichtskarte des Uasabi findet ihr im Glossar. Eine Karte des ganzen Kontinents gibt es hier. Teil 6 findet ihr hier.

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