In den Schluchten des Uasabi – Teil 4

Hier sind Teil 1 und Teil 3.

Es dauerte fünf Stunden, bis Chamned der Meinung war, dass sie nun losfahren könnten. Rachida war die ganze Zeit über nervös, ob noch genug Wasser im Uasabi war, und tatsächlich war der Pegel schon stark zurückgegangen. Immer wieder hatte sie bei ihrem Mann besorgt nachgefragt, ob sie denn endlich los könnten, und als es dann soweit war, reichte die Kraft der Maschinen nicht aus, um das Schiff von der Hafenmauer weg in die Hauptströmung des Flusses zu bewegen.

Mehrere Dorfbewohner nahmen nun lange Stangen und versuchten damit, das Schiff zu bewegen. Rachida drückte die Schubkraftregelung auf volle Fahrt und spornte Grassuf im Maschinenraum an, mehr Druck auf den Kessel zu geben, doch das Schiff rührte sich noch immer nicht.

Grassuf und Riffo sprangen an Land, um ebenfalls mitzuhelfen, und mit aller Kraft gelang es ihnen schließlich, das Schiff freizustoßen. Schnell gingen Riffo und Grassuf wieder an Bord, und Rachida lenkte das Schiff direkt in die Hauptströmung.

Die nächsten fünfzig Kilometer würden sehr kritisch sein, das war ihnen klar, denn erst danach würde sich mit dem Nihr Mednum ein anderer schiffbarer Fluss in den Uasabi ergießen. Rachida ließ alle Segel setzen und überredete Chamned, die Maschinen die ganze Zeit auf voller Kraft laufen zu lassen.

Die Strömung des Uasabi war mittlerweile sehr schwach geworden und nach einer halben Stunde Fahrt bemerkte Rachida, dass das Wasser des Flusses nicht mehr in Bewegung war. Sie hatte sogar manchmal den Eindruck, dass es in die andere Richtung fließen würde. Im ersten Moment verwirrte sie die Beobachtung, doch dann fiel ihr schließlich doch eine sinnvolle Erklärung ein. Obwohl sie noch zwanzig Kilometer von der Einmündung des Nihr Mednum entfernt waren, war sein Wasserspiegel doch höher als der des versiegenden Uasabis. Und so floss das Wasser der Schwerkraft folgend ein Stück den Uasabi hinauf, nachdem nun von dort kein Wasser mehr nach kam. Also hatten sie es geschafft, und das Wasser unter dem Kiel würde ihnen nicht ausgehen, auch wenn sie gegen die Strömung kämpfen mussten.

Zwei Stunden später passierten sie die Mündung des Nihr Mednum. Die nächsten 300 Kilometer würde sie nichts Spannendes erwarten, der Fluss hatte im Abschnitt bis zur nächsten Stadt nur ein geringes Gefälle und das Tal war mehrere Kilometer breit. Rechts und links konnte man die Berge des Edde Teleh sehen. Wenn sie den gleichnamigen Ort passiert hatten, würde der Fluss wieder in einem engeren Tal verlaufen. Rachida beschloss, dass es nun an der Zeit sei, dass sie etwas ausruhen sollte, und übergab das Steuer für ein paar Stunden an Grassuf.

Wann immer sie auf der Fahrt nach Edde Teleh ein Bauernhaus am Flussufer passierten, riefen sie nach den Bewohnern. Wenn sie jemanden sahen, warfen sie ihnen ein Stück Holz ans Ufer, an dem ein Zettel festgebunden war, auf dem alles Wichtige über die Katastrophe und die eingeleiteten Maßnahmen stand. Auch informierten sie die Auenbewohner so, dass auf dem Hubuwab und dem Edde Gahny jeweils eine Signalfeuerstelle errichtet werden müsste und wann der Test sein würde und was die Signale zu bedeuten hätten und dass sie doch bitte auch eventuelle Nachbarn informieren sollten. Ob die Leute dann auch auf sie hörten, konnte Rachida nicht feststellen, denn sie hatten keine Zeit, an Land zu gehen und die Leute persönlich zu überzeugen. Sie konnten nur hoffen, dass sie ihr Schiff kannten und davon ausgingen, dass es kein Scherz sei.

Nach 17 Stunden kamen endlich die Häuser von Edde Teleh in Sicht. Von der Flutwelle, die nach dem Bergsturz den Fluss hinab gerollt war, war nichts zu sehen. Sie war hier wohl zu niedrig ausgefallen, um größeren Schaden anzurichten.

Im Hafen lag ein weiteres Boot, ein flaches Flusshändlerboot, dessen Deck mit allen möglichen Waren des täglichen Bedarfs beladen war; wahrscheinlich war es auf dem Weg nach Saj, der Menge an Waren nach zu urteilen, die es geladen hatte. Es war Jeminuf, ein Händler, den sie schon lange kannten. Als er Rachida sah, begrüßte er sie erfreut.

„Hallo Rachida! Wie geht’s? Fließt der Uasabi noch immer in seinem alten Bett?“

Die Frage stellten sie sich immer, denn vor Jahren hatten sie mal Abends bei einem Bier miteinander diskutiert, ob man nicht viele Schleifen des Flusses mit einem Kanal abkürzen könnte. Jeminuf grinste sie an, doch als er sah, dass Rachida ganz bleich wurde, wurde er sofort ernst: „Was ist passiert? Du siehst aus, als wäre eure Ladung von Holzwürmern zerfressen worden.“

„Viel schlimmer“, entgegnete Rachida. „Bei einem Erdbeben ist in der Taaleth Teleh eine Bergflanke in den Fluss gestürzt und staut ihn jetzt auf.“

„Oh!“

„Genau. Und dementsprechend kommt jetzt kein Wasser von nördlich des Taaleth Teleh mehr durch die Schlucht.“

„Ah, deswegen ist so wenig Wasser im Fluss. Ich hab mich schon gewundert, ob mein Schiff plötzlich schwerer beladen ist, dass ich fast eine Trittleiter brauche, um an Land zu gehen, weil die Kaimauer so hoch ist.“

„Das liegt am Wasser. Oberhalb des Nihr Mednum ist der Fluss mittlerweile bestimmt fast ausgetrocknet.“

„Dann haben wir Händler ein Problem.“

Während des Gesprächs hatten sie das Schiff am Ufer festgezurrt. Mehrere andere Leute waren am Hafen unterwegs und hielten an. Es war offensichtlich, dass sie das Gespräch mithörten.

„Nicht nur die Händler“, widersprach Rachida. „Auch alle Leute, die im Flusstal wohnen.“

„Ja“, meinte Jeminuf, „die wird es ebenfalls betreffen. Aber ohne Fluss sind wir doch wohl mehr betroffen, da wir dann keine Waren mehr verkaufen können.“

„Und was passiert, wenn das Wasser so hoch steigt, dass es über den Bergrutsch läuft?“

Der Händler grinste. „Dann können wir wieder handeln.“

„Nur dass bis dahin Saj und die anderen Orte in der Ebene untergegangen sind. Und wenn das Wasser dann überläuft, wird es innerhalb weniger Stunden den Damm einreißen und das ganze Wasser wird sich in einer riesigen Flutwelle ins Tal ergießen und sogar Alewalla überschwemmen.“

Jeminufs Grinsen war wie weggewischt: „Oh Scheiße!“

Aber nun übernahm jemand anderes seinen Part: „Aber es sind 200 Kilometer vom Fluss bis Alewalla. Und zwar 200 Kilometer bergauf.“

„Aber es geht nur langsam bergauf. Und glaubt mir, es wird so viel Wasser sein, dass es bis Alewalla stehen wird.“

„Woher wisst ihr das alles?“

„Wir haben es gesehen“, erklärte Rachida, und nun musste sie die ganze Geschichte erzählen, von dem Erdbeben, dem Bergsturz und davon, wie die Leute aus Hajry Aitiaz den Damm beseitigen wollten.

„Wir sollten versuchen, den Leuten auf Hajry Aitiaz zu helfen“, erklärte Jeminuf schließlich, als sie ihre Erzählung beendet hatten. Es folgte eine hitzige Diskussion über die Möglichkeiten, die man hatte. Das Ergebnis war das Gleiche wie in Hajry Aitiaz. Man wollte Wachfeuer auf den Bergen unterhalten – flussaufwärts, um selber gewarnt zu sein sowie flussabwärts, um die nächsten Orte zu warnen – und man wollte eine Expedition über die Berge senden, die bei der Beseitigung des Damms helfen sollte. Außerdem man wollte die Evakuierung des Ortes vorbereiten, es war schließlich offensichtlich, dass mit dem Uasabi etwas nicht stimmte, denn er führte ja weniger Wasser als sonst.

Während die Aswahd Halwa ihre Holzvorräte aufgefüllt bekam, arbeiteten drei Einwohner einen Plan aus, wo überall Warnfeuer errichtet werden müssten, um die Hauptstadtregion zu erreichen. Sie kamen darauf, dass mindestens siebzehn solcher Feuerstellen eingerichtet werden müssten, um auch nur die Strecke bis Uasabi Teleh zu überbrücken, von wo aus man auch über Straßen in die Hauptstadtregion reisen konnte. Zwanzig oder fünfundzwanzig weitere wären nötig, um bis Bwis zu kommen, wo die dicht besiedelten Bereiche des Kontinents anfingen. Von dort aus war es nicht mehr weit bis Alewalla. Doch bis dahin waren 5500 Kilometer, und wie sollte man die Leute in der Ebene schnell genug erreichen, um ihnen von dem Plan zu erzählen?

Es war klar, dass nur die Aswahd Halwa dazu im Stande sein würde, wenn es überhaupt möglich war. Jeminuf sollte derweil möglichst viele Helfer bis zum Nihr Mednum oder wenn möglich sogar noch weiter bringen. Auch die Sprengstoffvorräte, die sie in Edde Teleh hatten, sollte er mitnehmen. So schnell wie möglich fuhren Rachida und ihre Crew ab, immer die Sonne im Rücken weiter den Weg den Fluss hinab.

Jetzt stand ihnen die längste Strecke durch menschenleeres Gebiet bevor, die zweite Schlucht des Uasabi. Für Siedlungen war das Tal an vielen Stellen einfach zu eng. Selbst in Uasabi Jobly, dem nächsten Ort, mitten in der Schlucht gelegen, gab es nur einen sehr schmalen Uferstreifen. Der größte Teil des Orts war am Hang und teilweise sogar in den Felsen errichtet worden.

Sie wechselten sich ab, einer beaufsichtigte jeweils die Maschinen und sorgte dafür, dass der Druck im Kessel ausreichend hoch war, während eine zweite Person am Steuer stand. Die anderen beiden kümmerten sich um die Segel und alle anderen anfallenden Arbeiten. In diesen Zeiten konnten sie auch schlafen.

Den ersten Tag der Reise mussten sie noch gelegentlich Botschaften ans Ufer werfen, wie sie das vor Edde Teleh auch schon gemacht hatten, doch dann fuhren sie in das Tal mit seinen tausende Meter hoch aufragenden Felswänden. Hier konnte niemand wohnen, selbst wenn er es wollte. Denn wie sollte man an fast vertikalen Felswänden Häuser bauen? Auch durch den unaufhörlichen Regen wurde die Schlucht nicht einladender. Rachida hatte sie noch nie passiert, wenn es nicht regnete. Und auch die andere Händler berichteten immer nur von Regen in den Uasabi-Schluchten und dass die zweite besonders schlimm sei.

Andererseits waren die engen Täler in der jetzigen Situation für die Hauptstadtregion ein Glück, denn selbst wenn der Damm hundert Meter hoch war, würden die engen Schluchten doch dafür sorgen, dass das Wasser sich nicht zu schnell ins Tal ergießen konnte. Dafür würde die resultierende Flutwelle wohl Wochen oder Monate brauchen, um komplett abzufließen. Das würde bedeuten, dass ein großer Teil der Tiefebene monatelang unter Wasser stehen würde. Ein Grund mehr, sich möglichst zu beeilen.

Die Menschen in der Tiefebene würden eine möglichst lange Zeitspanne der Vorwarnung brauchen, um den Fluten entkommen zu können. Fünfhundert oder tausend Kilometer bis zu den nächsten Bergen könnte man nicht in einer halben Stunde zurücklegen.

Das war ein Grund mehr, warum die Feuerkette bis zur Mündung des Uasabi reichen musste. Aber wenn sie es schafften, die Nachricht bis Alewalla zu bringen, dann konnte dort die Regierung entscheiden, was getan werden musste. Aber bis dahin, das war Rachida klar, war es ihre Aufgabe, die Kette herzustellen, damit die Regierung wenigstens eine Chance hatte zu handeln.

Eine Übersichtskarte des Uasabi findet ihr im Glossar. Eine Karte des ganzen Kontinents gibt es hier. Weiter geht es mit Teil 5.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Geschichten, Khesib abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu In den Schluchten des Uasabi – Teil 4

  1. Pingback: Results for week beginning 2015-06-15 | Iron Blogger Berlin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.