In den Schluchten des Uasabi – Teil 3

Hier sind Teil 1 und Teil 2.

Zwölf aufregende Stunden später erreichte die Aswahd Halwa den Flusshafen von Hajry Aitiaz am Uasabi. Sie sahen schon aus einiger Entfernung den Schlamm, den die Flutwelle an den Häusern und auf den Wegen hinterlassen hatte. Eine ganze Menge Leute war auf den Straßen und beseitigte die Schäden, als der Dampfer an den ersten Häusern vorbei in Richtung Hafen fuhr.

Rachida ließ das Nebelhorn ertönen, um alle Leute zum Hafen zu rufen. Die Leute hier mussten von dem Bergsturz und der Sperre im Uasabi erfahren, denn wenn das Wasser irgendwann die Überreste des Bergs überfließen würde, würde die nächste Flutwelle über den Ort hinweg laufen.

„Kommt zum Hafen! Es steht eine Katastrophe bevor!“ Rachida schrie so laut sie konnte, aber sie war sich nicht sicher, ob es ihr überhaupt gelang, das Stampfen der Maschinen zu übertönen. Aber entweder ihr Rufen oder das Nebelhorn hatte den gewünschten Effekt, denn die Leute schauten zu ihnen auf und liefen dann zu dem kleinen Hafen.

Als das Schiff an der Hafenmauer anlegte, waren ungefähr dreißig Einwohner des Ortes versammelt. Sofort bestürmten die Leute sie mit Fragen: „Habt ihr die Flutwelle auch erlebt?“ – „Was ist mit der Erschütterung?“ – „Wisst ihr, was los ist?“

„Vertäut das Schiff“, befahl Rachida den Leuten. „Wir hatten eine anstrengende Fahrt, und sobald das Schiff fest ist, werden wir euch alles erzählen.“ Damit warf Rachida den am Ufer stehenden Leuten ein Tau zu. Grassuf, der am Bug des Schiffs stand, warf ihnen das andere Tau zu und eine Minute später war das Schiff vertäut und Rachida und die anderen sprangen an Land.

Dann erzählten sie knapp von dem Erdbeben und ihrer Fahrt von dort hierher und wie sie es geschafft hatten, die Flutwelle zu überstehen. Doch das Schlimmste war der Bergsturz, der den Fluss nun versperrte.

„Was meint ihr, wie hoch sind die Trümmer, die im Fluss liegen?“, wollte der Bürgermeister wissen, „denn dass sie noch drin liegen, zeigt der Pegelstand des Uasabi zweifelsfrei an, der immer noch langsam sinkt und schon einen Meter unter der üblicher Marke liegt.“

„Ich weiß es nicht genau“, meinte Rachida daraufhin. „Ich musste mich voll auf das Schiff konzentrieren, dass wir nicht untergehen. Riffo, du hast den Bergsturz gesehen, was meinst du?“

Riffo legte ihre Hand auf ihre Wange, wie sie es so oft tat, wenn sie über etwas Kompliziertes nachdachte: „Hmm, schwer zu sagen, es war alles voller Staub und Wasser und Nebel. Vielleicht dreißig Meter, vielleicht auch über hundert.“

„Dreißig Meter?“ Der Bürgermeister klang entsetzt.

„Es ist schwer zu sagen, wissen Sie, denn ich weiß ja nicht, wie nah genau wir dem Bergsturz waren und wie hoch die Felsen liegen. Es können auch hundert Meter oder mehr sein, ich kann es wirklich nicht genau sagen. Es war ja noch nicht alles im Tal angekommen, als wir uns auf die Flutwelle vorbereiten mussten.“

Die Dorfbewohner hielten gebannt den Atem an. Rachida, die in den letzten Stunden darüber nachdenken konnte, was es bedeutete, war klar, dass die Leute zu dem gleichen Schluss kommen würden wie sie.

„Ein Damm aus Geröll, der den Fluss blockiert, Meterhoch?“, fragte einer der Leute nach. „Was passiert, wenn das Wasser höher steigt als der Damm hoch ist?“

Jemand anderes antwortet: „Dann wird das Wasser wohl über den Damm fließen und ihn langsam wegspülen.“

„Wohl eher schnell“, wandte eine ältere Frau ein. „Wenn das Wasser einmal drüber läuft, dann wird es nicht lange dauern, bis dem Damm ganz mitgerissen wird. Und die Flutwelle, die sich dann ins Tal ergießt, wird viel größer sein als die vom Erdbeben.“

Rachida nickte. Genau das hatte sie sich auch zusammengereimt.

„Aber“, wandte dann ein junger Mann ein, „wenn der Damm hundert Meter hoch ist, dann wird das Wasser doch bis Saj stehen, oder nicht?“

„Bei hundert Metern wird es alle Häuser in Saj völlig überfluten“, erklärte Chamned, der neben Rachida stand. „Saj liegt nur ungefähr siebzig Meter höher als Hajry Aitiaz. Die ganze tagwärtige Ebene wird dann überflutet werden.“

„Und wenn der Damm dann überspült wird, werden wir mitgerissen. Und es gibt keine Möglichkeit, das zu verhindern.“

Daraufhin redeten erst einmal alle wild durcheinander, bis die ältere Frau, die sich vorher schon zu Wort gemeldet hatte, sich Gehör verschaffen konnte. „Verhindern können wir es nicht“, erklärte sie, „aber wir können vielleicht dafür sorgen, dass es weniger schlimm wird.“

„Wie das denn? Du hast doch selber gesagt, dass das Wasser, wenn es über den Damm läuft, den Damm mitreißen wird.“

„Aber es wird dauern, bis das Wasser überläuft. Wir müssen nur versuchen, den Damm möglichst schnell zu entfernen. Je schneller wir das schaffen, desto geringer wird die Flutwelle ausfallen. So einfach ist das.“

Dann wandte sie sich an Rachida und ihre Crew: „Ihr kennt die Gegend um Saj besser. Was meint ihr, wie lange wird es dauern, bis das Wasser fünfzig Meter hoch steht?“

Rachida schaut die anderen kurz an, dann antwortet sie: „Ich schätze, die ersten zehn Meter gehen schnell, aber je höher es steigt, desto langsamer wird es steigen, weil ja die Fläche größer wird. Ich vermute, bis das Wasser in Qariah Taaleth Teleh am tagwärtigen Ausgang der Schlucht steht, wird es ein oder zwei Wochen dauern. Das sind dann dreißig oder fünfunddreißig Meter. Bis das Wasser bis zum Ramadey Budeyrah steht, wird es wohl mehrere Wochen dauern. Und wenn der Damm wirklich hundert Meter hoch ist, dann kann es auch ein Jahr dauern, bis er überläuft. Aber dann würde, wenn der Damm überspült wird, alles flussabwärts mitgerissen, sogar Alewalla.“

„Wir haben also noch etwas Zeit“, erklärte der Bürgermeister.

„Aber nicht viel“, widersprach Rachida. „Je schneller die Barriere beseitigt wird, desto besser.“

„Aber wie können wir sie beseitigen? Wie können wir Felsen – und ich vermute mal, dass es sich um Felsen handelt – entfernen? Mit den paar Leuten, die wir sind, sind wir sicherlich nicht stark genug, um einen halben Berg wegzuschaffen.“

Rachida fand es erschreckend zu sehen, wie die Hoffnung aus den Gesichtern der Menschen wich, als sie darüber nachdachten und dem Bürgermeister recht geben mussten.

„Mednum Tham“ schlug schließlich ein junger Mann vor.

„Die Bergwerksstadt südlich von hier? Was hat die damit zu tun?“

„Dort wird Sprengstoff verwendet“, fiel Rachida ein. „Und mit Sprengstoff kann man Felsen zerkleinern und entfernen.“

„Genau“, ergänzte der Mann. „Und in Mednum Tham haben sie sicherlich einen großen Vorrat. Außerdem kommen regelmäßig Schiffe von Anklysla oder Nift und bringen Nachschub. Das weiß ich, weil mein Onkel auf so einem Schiff arbeitet und ich ihm schon zweimal gewunken habe, wenn sie auf dem Nihr Mednum unterwegs waren.“

„Aber es sind 500 Kilometer bis Mednum Tham.“

„Also sollten wir so schnell wie möglich losgehen“, stellte der Bürgermeister fest. Dann wandte er sich an Rachida und ihre Crew. „Kann man mit dem Schiff bis zu der Sperre vordringen?“

„Ich glaube nicht“, meinte Rachida. „Es wird nicht genug Wasser da sein. Wahrscheinlich könnt ihr ein Stück weit mit dem Boot fahren, aber sicherlich nicht sehr weit. Es ist schließlich kein Wasser mehr im Fluss.“

„Also müssen wir über die Berge, wo es nur sehr wenige Wege gibt.“

Rachida nickte.

„Was passiert, wenn wir Erfolg haben“, fragte eine junge Frau.

„Dann gibt es eine kleine Flutwelle, die bis zum Meer laufen wird“ erklärte der Bürgermeister. „Möglicherweise immer noch zehn oder zwanzig Meter hoch, aber wenigstens keine hundert.“

„Gibt es eine Möglichkeit, uns zu warnen, wenn es soweit ist?“

„Wie soll das gehen? Die Flutwelle wird schneller sein als wir.“

Alle schauten Rachida erwartungsvoll an, also ob sie für alles eine Idee haben müsste. Dann sprach plötzlich Grassuf. „Ich habe da mal etwas gelesen, in einem Buch, das auf der Erde spielte. Und da haben zwei Reiche einen Pakt gehabt, sich in der Not gegenseitig zu helfen. Und als Notfallzeichen hatten sie eine Kette von Feuerstellen auf Bergen errichtet. Und jedes mal, wenn ein Feuer entzündet wurde, wurde das auf dem nächsten Berg gesehen und dann wurde dort auch Feuer entzündet. Und so konnten sie sich warnen. So etwas könnten wir ja auch versuchen.“

„Klingt seltsam. Aber es könnte klappen. Vielleicht helfen uns die Leute, die in den Bergen siedeln, denn alleine werden wir so etwas sicherlich nicht schaffen.“

„Wenn das stimmt, was ihr über den Bergsturz sagt, dann werden uns die Leute aus der Hauptstadtregion sicherlich sehr dankbar sein. Ich denke, wir können den Leuten, die die Feuer bewachen, eine Bezahlung durch die Regierung versprechen“, erklärte der Bürgermeister. „Was meint ihr, wie viele Feuer werden wir brauchen?“

Rachida und ihre Mannschaft mussten kurz überlegen. „Eines auf dem nächtlichen Taaleth Teleh, dann eines etwas weiter nachtwärts auf dem Wallah Gahny und dann noch eines auf dem Aitiaz Gahny. Besser wären noch mehr Feuerstellen, damit es auch bei dichterem Regen funktioniert. Und ihr solltet einen Termin vereinbaren, um die Feuer zu testen, ob man den Rauch davon auch wirklich sehen kann. Wie wäre es mit heute in zehn Tagen?“

„Das ist ein ehrgeiziger Plan“, sagte der Bürgermeister und verteilte Aufgaben an die verschiedenen Dorfbewohner. Zwei sollten sich nach Mednum Tham begeben, während zehn Leute mit allem Sprengstoff, den sie selber noch hatten, durch die Berge zur Schlucht wandern sollten, um sich das Problem anzusehen. Sechs weitere Personen sollten die spärlichen Siedlungen in den Bergen aufsuchen, um dort Hilfe für die Feuer zu bekommen. Die übrigen würden soviel wie möglich aus dem Ort in die Berge schaffen, damit es vor der Flutwelle sicher wäre.

„Wir werden flussabwärts fahren und dort die Leute warnen und euch zur Hilfe schicken“, erklärte Rachida. „Wahrscheinlich werden die Leute aus Edde Teleh ihr eigenes Warnfeuer errichten wollen. Und wenn wir ein Schiff mit Sprengstoff finden, so schicken wir es direkt zu euch.“

„Wann brecht ihr auf?“

Rachida warf einen Blick auf Chamned. Der schüttelte kurz den Kopf. „Sobald wie möglich, aber wir müssen noch einige Schäden ausbessern. Das wird ein paar Stunden dauern, aber hoffentlich nicht zu lange. Wir müssen auf jedem Fall los, bevor der Wasserstand zu weit sinkt. Sobald wir an der Einmündung der Nihr Mednum vorbei sind, sollte das kein Problem mehr sein.“

„Beeilt euch, dass ihr möglichst viele Leute warnen könnt.“ Dann wandte sich der Bürgermeister an die Einwohner des Ortes: „Ihr wisst, was zu tun ist, fangt an!“

Damit löste sich die Versammlung am Hafen auf. Während sich Chamned und Grassuf in fieberhafter Eile begannen, die Schäden auszubessern, füllten Rachida und Riffo zusammen mit einem Dorfbewohner ihre Brennholzvorräte wieder auf, um möglichst schnell flussabwärts fahren zu können.

Eine Übersichtskarte des Uasabi findet ihr im Glossar. Eine Karte des ganzen Kontinents gibt es hier. Weiter geht es mit Teil 4.

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