In den Schluchten des Uasabi – Teil 2

Hier ist Teil 1.

Als das Erdbeben nach einer gefühlten Ewigkeit nachließ, war nur noch das Krachen der zu Tal in den Uasabi stürzenden Felsen hören. Mehrere Felsen verfehlten das Schiff nur um wenige Meter und einige kleinere Brocken trafen es auch, doch insgesamt schienen sie Glück gehabt zu haben und es gab am Schiff keine sichtbaren, größeren Schäden.

„Was ist passiert?“, rief Riffo, als sie zusammen mit Grassuf an Deck gelaufen kam.

„Ein Erdbeben!“ Rachida versuchte das Getöse der Felsen zu übertönen, aber es war zu laut. Sie hatte Riffo auch nur deshalb verstanden, weil sie ihre Lippenbewegungen gesehen hatte. Und was hätte sie sonst fragen sollen?

Riffo und Grassuf sahen sich um, und als sie nach hinten blickten, sah ihr Gesicht sehr schockiert aus. Rachida drehte sich nun auch um, und was sie dort zu sehen bekam – da fehlten ihr die Worte dafür. Am südlichen Taaleth Teleh hatte sich ein paar Kilometer hinter ihnen ein großes Stück der Bergflanke gelöst und rutschte und kippte nun in die Schlucht. Es sah langsam und andächtig aus, wie der Berg sich teilte und dann in den Fluss fiel.

Es dauerte ein paar Sekunden, bis Rachida etwas sagen konnte: „Los los! Bringt die Maschinen auf volle Leistung! Wir müssen sofort navigationsfähig sein!“

Die Panik in ihrer Stimme riss die anderen aus ihrer Erstarrung. Chamned und Grassuf liefen sofort unter Deck, während Riffo zu Rachida in den Steuerraum kletterte. Die Notfallprozeduren hatten sie vor zwei Jahren einmal geübt. Doch das Leben auf dem Uasabi war normalerweise so ruhig, dass sie es nicht für nötig hielten, das erneut zu proben.

„Schau nach hinten und versuch abzuschätzen, wie weit wir weg sind“, kommandierte Rachida. „Und sag mir was passiert!“ Riffo drehte sich zu dem rückwärtigen Fenster um.

„Der Berg stürzt in den Fluss, er scheint zusammenzubrechen.“

Rachida nahm das Sprechrohr zum Maschinenraum: „Wie sieht es aus bei euch?“ Im Hintergrund war das Stampfen der Maschinen zu hören. „In fünf … Minuten … hast du … volle Kraft!“

„Beeilt euch!“

Damit hängte sie das Sprechrohr wieder ein. In den nächsten Minuten würden die Antriebskraft immer stärker werden. Rachida versuchte das Schiff in der Hauptströmung zu halten, um möglichst schnell voran zukommen. Vielleicht gab es ein Stück flussabwärts eine Möglichkeit, sich in einer Bucht oder ähnlichem zu verstecken, Rachida war sich aber nicht sicher, denn bisher waren sie immer auf der Südseite gefahren, da dort die Strömung erheblich schneller war.

„Der Berg ist in den Fluss gestürzt“, meldete sich Riffo nun wieder. „Man kann aber nichts genaueres erkennen, weil alles plötzlich voller Nebel und Staub ist.“

„Sag mir trotzdem weiter, was du sehen kannst.“

„Die Staub- und Nebelwolke steigt auf und kommt auf uns zu. Sie wird sehr schnell größer.“

Einige Sekunden später war ein ohrenbetäubendes Donnern zu hören, viel lauter, als es das ursprüngliche Erdbeben gewesen war.

„Vierunddreißig Sekunden“, kommentierte Rachida, als das Donnern irgendwann wieder nachließ. „Wir sind also etwas mehr als zwölf Kilometer entfernt.“

„Oh mein Gott!“ rief Riffo und unterbrach so Rachidas Berechnungen. „Eine riesige Flutwelle, die aus dem Nebel hervorschießt. Hoch, sehr hoch, fünfzig Meter, hundert Meter, vielleicht sogar mehr!“

Rachida warf kurz einen Blick über die Schulter, konnte jedoch in dem Nebel und Staub kaum etwas erkennen. Dann wurde ihr klar, dass das, was sie für Nebel hielt, in Wirklichkeit die Flutwelle war, und Staub und Nebel dahinter im Tal hingen.

Die Aswahd Halwa beschleunigte, und die Druckwelle des Bergsturzes füllte die Segel und gab ihr weitere Geschwindigkeit. Der Fluss machte hier eine Linksbiegung und verschwand dann im Regenvorhang des mittleren Taaleth Teleh. Bereits nach wenigen Sekunden waren die Ufer kaum noch zu erkennen. Rachida steuerte das Schiff nach links in Richtung Ufer. Die Flutwelle würde geradeaus an den Berg prallen und dort hoffentlich einen großen Teil ihrer Kraft einbüßen.

Noch immer fielen kleinere Felsbrocken von den Felswänden, die sich bei dem Erdbeben gelöst hatten, und als sich das Schiff dem Ufer näherte, wurde es mehrfach getroffen. Die Steine prallten auf Deck. Die meisten prallten ab, doch mindestens zwei durchschlugen es und blieben in der Ladung stecken. Rachida hoffte zumindest, dass sie in der Ladung stecken blieben und nicht das ganze Schiff durchbohrten. Mit einem Leck hätten sie sicherlich keine Chance gegen die Wassermassen.

Dann kam die durch die Flutwelle erzeugte zweite Druckwelle und blies den Regen das Tal hinab. Für ein paar Sekunden war die Sicht wieder gut, und Rachida sah das Ufer und versuchte sich die weitere Route einzuprägen. Dann schlugen die Wassermassen an die Felsen und kamen den Fluss herab geschossen.

Das Heck der Aswahd Halwa wurde angehoben und Rachida und Riffo klammerten sich mit aller Kraft an den Stangen, die bei rauer See zum Festhalten gedacht waren, fest. Das Schiff stand immer schräger, und Rachida wurde gegen die Konsole mit dem Steuerrad gepresst. Riffo schrie auf, als ihre Beine in der Luft hingen und sie sich mit den Armen an der Stange fest hielt. Mehr als 45 Grad war das Schiff geneigt, und Rachida bekam einen Moment Angst, dass sich ihr Schiff durch die Flutwelle überschlagen würde, aber dann erfasste die Flutwelle auch den Bug und das Schiff richtete sich wieder auf.

Von allen Seiten war ein lautes Getöse zu vernehmen, als Steine und Holztrümmer, die die Flut mitgerissen hatte, gegen das Schiff stießen. Als Rachida wieder stehen konnte, stellte sie die Maschinen sofort auf volle Kraft zurück. Sie durften nicht an vorderster Stelle der Flutwelle bleiben, denn dann würde das Treibgut irgendwann den Rumpf ihres Schiffes aufschlitzen.

Immerhin ließ der Steinhagel von den Bergen langsam nach.

Die Sicht war wieder schlecht und Rachida versuchte das Schiff etwas weiter nach rechts zu lenken. Die nächste Flussbiegung war zwar ein paar Kilometer entfernt, aber es würde eine Rechtskurve sein und sie hatte keine Lust, mit der Flutwelle an den Felshang geworfen zu werden.

„Riffo! Binde dich mit einer Leine an der Reling fest und dann schau, ob wir irgendwelche Schäden davongetragen haben. Und sei vorsichtig, die Fahrt wird noch eine ganze Weile sehr unruhig sein.“

Dann nahm Rachida das Sprechgerät: „Maschinenraum! Wie sieht es bei euch aus.“ Als keine Antwort kam, versuchte sie es erneut: „Maschinenraum! Hört ihr mich?“ Und nach einer Pause nochmal etwas eindringlicher: „Maschinenraum, meldet euch!“

Dann konnte sie endlich die Stimme von Grassuf vernehmen: „Hier Maschinenraum. Wir haben grade alle Hände voll zu tun. Es gab ein paar kleinere Schäden.“

„Schlimm?“

Jetzt meldete sich Chamned: „Das kriegen wir hin. Aber als du den Kopfstand machen wolltest, ist eine Menge Wasser von Deck herein gelaufen. Und etwas heißes Wasser aus dem Kessel ist ausgetreten. Aber ich denke, wir kriegen das hin. Wie sieht’s bei euch aus?“

„Schlimm. Und die Gefahr ist noch nicht vorbei, ich schätze, wir sind mit hundert Stundenkilometern oder mehr unterwegs, auch wenn ich versuche zu bremsen.“

„Pass auf die Riffe auf.“

„Ich sorge mich mehr um die Berge, denn die dritte Taaleth-Kurve kommt näher. Haltet euch so in einer Minute gut fest, es wird wieder sehr unruhig werden.“

„In Ordnung. Maschinenraum Ende.“

Rachida hängte die Sprechmuschel wieder an ihren Platz. Durch den Regen war schwer zu erkennen, wo genau sie sich befanden, aber dass sie weiter nach rechts mussten, war klar, wenn sie die nächste Biegung nehmen wollten. Gleichzeitig durfte sie nicht zu weit nach rechts fahren, denn nach dem Knick kam einen Kilometer weiter wieder eine Links- und dann noch eine Rechtskurve, die letzten beiden jedoch nicht ganz so eng.

Auch war das Navigieren schwierig, da die Maschinen ja auf Rückwärtsschub liefen, um sie zu bremsen, und daher das Ruder andersrum funktionierte und das Schiff sehr viel schwächer reagierte als es das normalerweise getan hätte.

Plötzlich tauchten rechts wie aus dem Nichts Felswände auf. Rachida lenkte schnell gegen, was jedoch wenig Auswirkung hatte. Und dann waren die Felswände plötzlich weg und das Schiff drehte sich komplett um die eigene Achse und dann wieder in Fahrtrichtung. Sie hatten die erste Flussbiegung genommen. Knapp eine Minute später, in der Rachida versuchte, das Schiff wieder in die Mitte des Flusses zu bringen, gab es rechts einen heftigen Schlag und das Schiff prallte nach links. Die nächste Kurve. Sie wurden langsamer und je langsamer sie wurden, desto mehr sank der Wasserspiegel. Als der Fluss wieder relativ ruhig war und sie sich nur noch mit geschätzten 30 bis 40 Stundenkilometern bewegten, stellte Rachida wieder auf vollen Schub voraus. Sie war sich ziemlich sicher, dass der Fluss durch den massiven Bergrutsch blockiert war, denn soviel Fels und Erde konnte der Fluss nicht sofort wegspülen. Sie mussten unbedingt die Taaleth Teleh durchqueren, bevor sie wegen Wassermangel auf Grund liefen. Im Tal von Hajry Aitiaz gab es mehrere große, wasserreiche Nebenflüsse, von da aus würden sie wohl auch so weiterkommen, aber bis dahin mussten sie es auf jedem Fall schaffen.

Riffo kam von ihrem Erkundungsgang zurück: „Es gibt einen Haufen Dellen an Deck und in den Bordwänden. An vier Stellen haben Felsen das Deck durchschlagen, sind aber im Holz stecken geblieben, bevor sie den Rumpf durchschlagen konnten. Ein kleineres Loch gibt es am Bug steuerbords, aber das ist nicht groß und oberhalb der Wasserlinie.“

„Sehr gut. Wenn wir die Segel gesetzt haben, kannst du dich um das Loch kümmern. Aber im Moment ist Geschwindigkeit erst einmal wichtiger, denn ich möchte nicht in der Schlucht stranden, wenn das restliche Wasser aus der Schlucht abgelaufen ist.“

Über die Sprechverbindung erkundigte sie sich erneut im Maschinenraum nach der Lage und orderte dann Grassuf an Deck, um Riffo mit den Segeln zu helfen.

Eine Übersichtskarte des Uasabi findet ihr im Glossar. Eine Karte des ganzen Kontinents gibt es hier. Weiter geht es in Teil 3.

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