In den Schluchten des Uasabi – Teil 1

Rachida und ihre Crew hatten Holz für die Hauptstadt geladen, als die Aswahd Halwa auf dem Uasabi auf Rekordfahrt ging. Es war nicht beabsichtigt, die Stecke von Saj in die Große Ebene in Rekordzeit zurück zu legen, aber die Umstände führten dazu.

Es war im Jahre 527 planetarer Zeit, als Kapitän Rachida mit ihrer Crew ihre regelmäßige Tour von Saj nach Bwis fuhr. Sie hatte eine Ladung wertvolles Saj-Holz für die Hauptstadt Alewalla an Bord und machte die achttausend Kilometer lange Fahrt nun schon zum achten Mal.

Die Tour flussabwärts war immer recht angenehm, da sie sowohl mit der Strömung als auch mit dem Wind unterwegs waren, während ihre Dampfmaschinen in die Gegenrichtung immer große Mengen billiges Brennholz verbrauchten, was viel Arbeit für alle bedeutete, da der Ofen von Hand befeuert werden musste.

Doch diesmal ging es von Saj am Ramadey Budeyrah, wie der größte See der Ebene hieß, den Uasabi hinab, durch die drei tiefen Schluchten bis zum Hafen von Bwis. Der Uasabi war der längste Fluss des Kontinents Khesib und die wirtschaftliche Hauptschlagader für den Handel zwischen den wenigen bewohnten Regionen und die einzige Verbindung von Saj zur Hauptstadt Alewalla.

Die Crew des Dampfschiffs bestand neben Rachida aus drei weiteren Personen, von denen jeweils einer am Steuer und einer an den Maschinen Dienst hatte. So war es für sie zu viert möglich, rund um die Uhr unterwegs zu sein. Zum einen war da Rachidas Mann Chamned, der als Ingenieur daran mitgewirkt hatte, dass die Aswahd Halwa überhaupt gebaut wurde. Die anderen beiden waren Chamneds Assistent Grassuf sowie dessen Frau Riffo, die an Bord Mädchen für alles war.

Der See war lang, sie waren mehrere Tage in nachtwärtiger Himmelsrichtung unterwegs, um ihn zu durchqueren. Die Ufer waren größtenteils menschenleer und zogen endlos an ihnen vorbei. Erst folgten sie der Küste der großen Halbinsel, dann, nach einem halben Tag Fahrt, wechselten sie mit der Hauptströmung an das Westufer, das hügelig im schräg einfallenden ewigen Sonnenschein lag. Die Bäume, die die Hügel säumten, strebten der Sonne entgegen und wurden vom immer aus tagwärtiger Richtung wehenden Wind nachtwärts gedrückt, was zu lustig aussehenden, fast eckigen Formen führte.

Die Fahrt über den See verlief ruhig. Je näher sie dem westlichen Ufer kamen, desto mehr Insekten ärgerten Rachida, die gerade am Steuer stand. Sie setzten die Segel und danach hatten die Maschinisten nicht mehr viel Arbeit, denn der Wind blies sehr regelmäßig über den See flussabwärts. Verglichen mit den Geschichten, die sie in Büchern über Schifffahrer auf der Erde gelesen hatten, waren ihre Zustände hier am Uasabi-Fluss doch recht paradiesisch und sie konnte sich kaum vorstellen, wie es sein musste zu navigieren, wenn sich Strömungen und Wind oft änderten. Und auch der Wasserspiegel schwankte kaum, da es im Bereich der Berge um die Uasabiquellen oberhalb von Aldyhamaru herum ununterbrochen regnete und der Fluss dort zahlreiche große und wilde Zuflüsse hatte. Ab Jabal Gahni, mehrere Tagesreisen Flussaufwärts von Saj, war der Fluss bereits so groß, dass man keine Überraschungen zu erwarten hatte, und unterhalb der Ramadey Budeyrah erst recht nicht.

Als sie sich dem Ufer weit genug genähert hatten, mussten die Segel in eine veränderte Position gebracht werden, aber auch das war schnell getan. Chamned und Grassuf lagen danach an Deck in der Sonne und lasen in Büchern. Riffo bereitete ihre nächste Mahlzeit zu. Rachida hatte also viel Zeit zum Nachdenken, so wie bei jeder Fahrt in die Nacht.

In der Ferne sah sie schon die Vorberge des Taaleth Teleh, durch die der Fluss in einer engen Schlucht – der tagwärtigsten der drei Teleh, der Uasabi-Schluchten – hindurch floss. Die Schluchten waren sehr lang und nachdem sie die letzte verlassen haben würden, wären sie bald am Ziel. An manchen Stellen waren die Schluchten so tief, dass dort keine Sonne schien und immer Dämmerlicht war. Doch es würde noch mehrere Tage dauern, bis sie diese Dämmerungsstellen erreichen würden.

Wenn sie erst einmal in Bwis angekommen waren, würden sie das Schiff dort gründlich reinigen lassen und ein paar Tage frei haben, bis sie wieder nach Saj zurück fahren würden, so dass sie in siebzig Tagen wieder hier wären.

Nach Verlassen des Sees würden sie schneller durch die Strömung getrieben werden. Doch dafür würden ihre Segel weniger Bedeutung haben, da der Wind über dem Ramadey Budeyrah erheblich stärker war als in den engen Flusstälern des Uasabi.

Der Fluss war breit, als er den See verließ, mindestens hundert Meter, jedoch kein Vergleich zu der Breite, die er im Bereich von Bwis oder noch weiter Richtung Mündung hatte, wo er mehrere Kilometer breit war. Doch in den Schluchten würde der Fluss auch stellenweise sehr viel schmaler und tiefer sein. Und dort waren die dreifache Stahlwandung und die Gummipolsterung des Rumpfs von unschätzbaren Wert. Die Entwicklung dieser Schutzeinrichtungen war der entscheidende Vorteil der Aswahd Halwa, weswegen die Halwa das schwere Saj-Holz so gut transportieren konnte. Andere Schiffe, die den Uasabi durch die Schluchten befuhren, waren sehr flach und konnten deswegen nur leichte Ladung aufnehmen.

Rachida stand wieder auf der Brücke, als sie den See verließen. Der Übergang zwischen See und Fluss war fließend, aber für Rachida war die Stelle, wo sie die Maschinen zum Navigieren brauchten, weil die Strömung stärker als der Wind wurde, die Stelle, wo der See endete und der Fluss begann.

Chamned saß mit den Zeichnungen des Schiffs auf dem Deck und überlegte wieder, was man wohl noch verbessern könnte. Riffo war bei ihm und sie diskutierten irgendeinen Aspekt der Schiffsformen. Chamned war immer auf der Suche nach einer Möglichkeit, das Schiff zu navigieren, wenn sie flussabwärts unterwegs waren, ohne die Dampfmaschinen dafür nutzen zu müssen. Manche Ideen waren im ersten Moment vielversprechend, stellten sich dann aber doch als unpraktisch heraus. Bei anderen Ideen wiederum war Rachida von vornherein klar, dass die nicht zielführend waren, wie beispielsweise der Windrichtungskonverter, der nur ein zusätzliches Segel war, dass den Wind ablenken und so schräg auf die anderen Segel leiten sollte.

Da war die Idee mit den Muskelkraft-betriebenen Schrauben, die er auf der letzten Fahrt flussaufwärts hatte, schon besser, nur dass die Aswahd Halwa dafür natürlich viel zu schwerfällig war. So waren sie seit Monaten unterwegs und ihnen wurde nie langweilig. Und viele der Verbesserungen waren ja auch wirklich hilfreich, wie beispielsweise der schwenkbare Flaschenzug, um so die schweren Stämme schneller ausladen zu können. Oder die Idee, die Küche neben den Schornstein der Maschinen zu verlegen und auf den am Kamin angeschlossenen Kupferplatten zu kochen. So konnten sie zumindest etwas von dem Brennholz einsparen, dass sie brauchten. So war es doch ganz gut, dass sie immer wieder die Zeiten hatten, in denen eine Person zum Steuern des Schiffs völlig ausreichend war und die übrigen sich Verbesserungen überlegen konnten oder diese sogar, wenn sie nicht zu aufwendig waren, umsetzen konnten.

Die nächsten eineinhalb Tage fuhren sie durch die Taaleth Teleh. Die Felsen an den Seiten der Flusses wurden immer höher. Manchmal, wenn sie durch die engen Felswände fuhren, stellte sich Rachida vor, wie es wäre, auf den Bergen zu stehen und auf den Fluss hinab zu schauen. Vielleicht würde dann grade ein Schiff durch die Schlucht fahren, sowie sie jetzt gerade. Eindrucksvoll würden es aussehen, aber sie bezweifelte, ob jemals jemand die Berge ersteigen würde, nur um von oben eine gute Aussicht zu haben. Das wäre doch sehr sinnlos.

Ihr Mann Chamned war in der Kabine und schlief, genauso wie Grassuf und Riffo. Es war gut, dass sie mittlerweile Routine hatten und die Strecke kannten, denn bei ihrer ersten Tour vor einigen Jahren mussten sie noch zu viert arbeiten, um gemeinsam die Schluchten meistern zu können. Dementsprechend mussten sie oft ihr Schiff an Bäumen am Ufer anbinden, damit sie schlafen konnten. Ihre Körper waren eben einfach nicht daran angepasst, dass die Sonne ununterbrochen am Himmel stand und sie rund um die Uhr genug Licht zum Fahren hatten, obwohl ihre Vorfahren schon vor bald sechs Jahrhunderten auf diesem Planeten gelandet waren. Aber Anpassung brauchte eben seine Zeit.

Durch ein Loch in den Wolken fielen Sonnenstrahlen auf einen der Berggipfel rechts hinter ihnen, ein seltenes Schauspiel. Ein Stück flussabwärts verbarg ein dichter Regenvorhang die Sicht, ein Phänomen, dass an dieser Stelle häufig war. Aber ein Loch in den Wolken, das war schon etwas, dass nur alle paar Wochen mal passierte. Das Sonnenlicht, das über den Fluss hinweg fiel, spiegelte sich in der Regenwand und erzeugte eine bunten Bogen, bei dem die verschiedenfarbigen Streifen weich ineinander übergingen.

Als sie den Bogen noch betrachtete, kam Chamned aus seiner Kabine.

„Sieh mal, Chamned, die Sonne scheint und bringt den Regen über der Schlucht zum Leuchten!“

Chamned drehte sich um und blieb dann mit offenem Mund stehen. Der Bogen spannte sich zwischen den Bergen über der Schlucht, von den Höhen des nördlichen Taaleth Teleh zu ihrer linken über den Fluss hinweg bis auf der anderen Seite an die Hänge des südlichen Ufers.

Als sie den Regenbogen vor ihnen betrachteten, war plötzlich ein dumpfes Grollen zu hören, das schnell lauter wurde und tief in ihren Eingeweiden vibrierte. Und dann fingen die Berge um sie herum sichtbar an zu wackeln.

„Ein Erdbeben! Halt dich fest!“, konnte Chamned noch rufen, und dann wurde das Schiff mit samt dem Wasser auf dem Fluss herum geworfen. Rachida konnte sich gerade noch festhalten, als das Schiff sich zur Seite neigte und heftig schwankte. Das Grollen schien kein Ende nehmen zu wollen, und Rachida konnte sehen, wie sich an den Bergflanken Felsen lösten und zu Tal stürzten. Wahrscheinlich war das ziemlich laut, doch das Grollen des Erdbebens war viel lauter als in den Fluss stürzenden Felsen.

Zu Teil 2 findet ihr hier.

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