Hepkaale und die Weltraum-Hühnchen II

hepkaale_headerDer erste Teil ist hier.

Die Leute bildeten einen Kreis um Hepkaale, und Mekizani, wie der Mann hieß, der sie gefunden hatte, stand neben ihr. Hepkaale schaute in die Runde und dann ihren Begleiter unsicher an.

„Hab keine Angst“, sagte er beruhigend. „Wir werden dir nichts tun. Es ist nur so, dass uns noch nie jemand vom Planeten besucht hat.“

Er legte Hepkaale beruhigend eine Hand auf die Schulter, wahrscheinlich hatte er bemerkt, wie sehr sie am Zittern war. Er wartete noch ein paar Minuten, dann räusperte er sich.

„Hallo! Wie ihr seht, bin ich nicht alleine. Ich habe diese junge Frau in Modul Beta 37 gefunden, und sie sagt, dass sie von der Oberfläche Amels kommt.“

Ein Raunen ging durch die Menge. Mekizani wandte sich zu Hepkaale um. „Am besten, du stellst dich ihnen mal vor.“

„Ich bin Hepkaale aus Tirüplet.“ Sie schaute die Menge erwartungsvoll an, doch es gab keine Reaktion und sie war ein wenig enttäuscht. Bisher hatten alle immer schon von ihr gehört, wenn sie ihren Namen sagte, aber hier auf dem Raumschiff schien ihr Name völlig unbekannt zu sein. Sie war über ihre eigene Reaktion überrascht: sie sich doch sonst immer darüber geärgert, dass alle sie kannten.

„Ich komme vom Kontinent Sma Azirk und bin ausgeschickt worden herauszufinden, ob wir irgendwo neue Hühner bekommen können, denn bei uns sind alle verstorben, bevor wir ihnen das neue Gegenmittel gegen eine Epidemie geben konnten.“

„Du bist hier, weil du Hühner sucht?“, fragte ein junges Mädchen ungläubig nach. „Nur wegen Hühnern?“

Hepkaale nickte. „Genau das ist mein Auftrag.“

„Aber wenn du schon mal hier bist“, sagte ein älterer Mann, „dann kannst du uns ja ein wenig von deiner Heimat erzählen, bevor du wieder abreist, oder?“

Hepkaale nickte. „Das kann ich gerne machen.“

Die nächsten vier Stunden verbrachten die Bewohner der Sejereh damit, Hepkaale auszufragen. Sie hatten schon seit Jahrhunderten nicht mehr mit Leuten vom Planeten gesprochen, auch wenn Hepkaale feststellte, dass sie überraschend viel darüber wussten, was in Sma Azirk so passierte.

Als schließlich ihr Magen knurrte, holten die Bewohner der umgebenden Häuser Essen und Trinken. Nachdem sie alle satt waren, diskutierten sie, wieviele Hühner sie Hepkaale schenken sollten.

„Wie groß ist dein Raumschiff“, wollte einer wissen, und Hepkaale erklärte, dass sie überhaupt kein Raumschiff hätte sondern mit ihrem Plot Device hierher gereist war. Daraufhin wollten die Leute mehr über ihre wunderbare Maschine wissen und Hepkaale erzählte, wie sie das Plot Device gebaut und zwei oder drei der Abenteuer, die sie erlebt hatte.

„Wenn ich das richtig verstanden habe“, sagte eine Frau mittleren Alters, „dann holt dein Device dich zurück, sobald du alle Aufgaben erledigt hast, oder?“

Hepkaale nickte. „Das Dumme ist nur, dass ich vorher nie weiß, was genau die Aufgaben sind, die ich zu erledigen habe. In diesem Fall könnten es die Hühner sein. Oder dass ich euch Geschichten erzähle. Oder etwas ganz anderes, das weiß ich eben erst, wenn ich zurück bin.“

Die Frau nickte. Dann sagte sie: „Wir können dir zwanzig unserer Hühner mitgeben. Und die bringen wir in ein Außenbordmodul und ich fliege dich mit den Hühnern dann ein wenig im Weltraum herum. Und wenn dein Plot Device dann entscheidet, dass wir fertig sind, dann kann ich das Außenmodul zurückbringen.“

Hepkaale nickte. „Wir können es versuchen.“

„Wie wäre es, wenn Scheridi dir die verschiedenen Module der Sejereh zeigt, während wir die Hühner aussuchen? Dann hast du wenigstens ein wenig gesehen, wie wir hier leben, und kannst zu Hause von uns berichten.“

„Das können wir so machen. Aber sobald die Hühner fertig sind, sagt Bescheid, denn ich will dann möglichst schnell wieder nach Hause.“ In Gedanken fügte sie noch ein „Wenn das Plot Device mich lässt“ hinzu.

Die nächsten drei Stunden wurde sich durch viele Module geführt, manche mit Schwerkraft und mache ohne, in denen man sich nur ganz leicht abstoßen musste, um quer hindurch zu schweben. Hepkaale war beeindruckt, wie vielfältig die Module waren und wieviele Pflanzen und Tiere hier lebten. Es gab Wiese und Wälder, Module voller Felsen und welche, die vollständig mit Wasser gefüllt waren, auf dessen Oberfläche man mit einem Boot herum fahren konnte. Es gab welche voller Häuser und manche, die in kleine Räume unterteilt waren, die mit Technik vollgestopft waren. Und überall Bildschirme, die alle möglichen Informationen anzeigten. Auf einem davon konnte sie die Umrisse Sma Azirks erkennen, teilweise von Wolken bedeckt.

Ihr Begleiter sah ihr Interesse und fragte sie, wo genau Tirüplet war. Hepkaale konnte es nur ungefähr angeben, doch dann vergrößerte er das Bild, und sie wurden immer genauer, bis sie schließlich ihr Haus erkennen konnte und sogar ihre Familie und den Boten aus Fareech, die im Garten an einer Bank saßen. Sibüü saß ein Stück abseits bei den Erbsensträuchern. Es sah aus, als würde sie mal wieder Erbsen naschen.

„Soll ich dir das Bild ausdrucken, damit du es mitnehmen kannst?“, fragte ihr Begleiter.

„Es mitnehmen? Das geht?“

Der Mann nickte. „Auf Papier natürlich nur.“

Hepkaale grinste. „Das wäre toll. Dann kann ich Sibüü sagen, sie muss immer artig sein, auch wenn ich mal mit dem Plot Device unterwegs bin, denn ihr könnt sie ja jederzeit beobachten.“

Hepkaale lachte und ihr Begleiter lachte mit ihr. Dann nahm er irgendwelche Einstellungen vor, und kurz darauf hielt Hepkaale ein Blatt Papier von ihrem Garten in der Hand. Am Rand war eine Übersichtskarte von Sma Azirk mit Wolken zu sehen und ein X markierte Tirüplet. Vorsichtig steckte sie es zwischen die Seiten eines Buches, dass sie immer in ihrer Tasche hatte, und dann gingen sie weiter.

Kurz darauf bekam ihr Begleiter ein Signal, dass die Hühner fertig waren. Sie brauchten fast eine halbe Stunde bis zum Raumschiff, in dem die Hühner auf sie warteten, und Hepkaale war überrascht, wie weitläufig das Raumschiff doch war. Sie hatte sich immer vorgestellt, dass es auf einem Raumschiff recht eng sein müsste, vor allem, wenn man tausend Jahre unterwegs war. Aber hier konnte man es eindeutig aushalten.

Das Raumschiff, in dem sie herum fliegen wollten, bestand im Inneren aus einem Lagerraum sowie eine Raum voller Technik mit zwei Sitzen, auf denen wohl die Piloten saßen. Auf dem einen Sitz saß die Frau, die sie herumfliegen wollte. Als Hepkaale herein schaute, sagte sie: „Der andere Sitz ist für dich. Wenn wir erstmal unterwegs sind, gehen wir nach hinten zu den Hühner, dann kann deine Maschine dich abholen.“

Hepkaale nickte, verabschiedete sich von Scheridi und setzte sich. Die Frau, die Selsiya hieß, erklärte ihr, wie sie sich anschnallte, und dann ging es auch schon los. Sie starteten rückwärts und als sie sich von der Sejereh entfernten, konnte Hepkaale die Station zum ersten mal als Ganzes sehen.

Das Raumschiff schien aus hunderten Zylindern zu bestehen, die wie zufällig zusammengesetzt aussahen. Hepkaale fand es faszinierend, dass ihre Vorfahren mit so einem fragil aussehenden Objekt so eine lange Reise zurück gelegt haben sollten. Wenn sie vorher gewusst hätte, wie instabil das alles wirkt, so hätte sie die ganze Zeit Angst gehabt, dass irgendwann einfach alles auseinander bricht.

Dann drehte die Pilotin das Schiff und Hepkaale sah einen unglaublich beeindruckenden Sternenhimmel. Und dann tauchte Amels am Fenster auf, eine schwarze Fläche, die die Sterne verschluckte. Und dann der Terminator und ein Teil der Tagseite, sie konnte die Umrisse von Inseln oder Kontinenten sehen, konnte sie aber nicht richtig zuordnen. Dann drehte das Raumschiff wieder ab.

„Mehr von Amel kann ich dir leider nicht zeigen“, entschuldigte sich die Pilotin, „denn dann würde die Sonne in unser Schiff scheinen und wir müssten die Fenster verdunkeln. Wenn wir das nicht täten, würden wir blind werden.“

Hepkaale nickte. „Ich glaube, das war auch so schon beeindruckend genug.“

„Du kannst dich jetzt übrigens abschnallen und zu den Hühner gehen, wenn du möchtest.“

Das ließ sich Hepkaale nicht zweimal sagen, denn trotz allem wollte sie möglichst schnell nach Hause.

Vorsichtig schwebte Hepkaale in den Lagerraum. Die Hühner waren in kleinen Käfigen gefangen, und Hepkaale öffnete eine Tür nach der anderen. Die Hühner kamen heraus und trudelten dann durch den Laderaum. Sie waren offensichtlich davon verwirrt, dass sie keine Schwerkraft hatten, und immer wieder musste Hepkaale waghalsige Sprünge machen, um sie davon zu bewahren, mit zuviel Schwung gegen die Wand zu stoßen. Dazu gackerten die Hühner laut und schlugen erfolglos mit ihren Flügeln. Irgendwann fand sich Hepkaale in eine dichten Wolke auf Hühnern wieder, und dann war plötzlich das Summen und Brummen des Plot Devices zu hören.

Hepkaale fiel, umgeben von einer Wolke Hühner, erst auf den Rücken und dann auf ihren Hintern, während neben ihr wild Gackernd die Hühner zu Boden vielen.

Durch den Lärm aufgeschreckt kamen die anderen in ihre Werkstatt gelaufen.

„Hühner!“, rief der Bote. „Sie hat tatsächlich Hühner besorgt.“

Hepkaale setzte sich auf.

„Da habt ihr eure Hühner. Sie gehören zur Rasse der Space Chicken.“

„Ich hab ja gesagt, dass sie es schaffen wird“, sagte Sibüü.

Hepkaale schaute sie streng an. „Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du nicht heimlich Erbsen naschen sollst?“, tadelte sie ihre Schwester. Die schaute sie überrascht an.

„Ich habe es genau gesehen. Ich habe sogar ein Bild davon mitgebracht.“ Hepkaale zog das Bild aus der Tasche und zeigte es ihrer Schwester, die daraufhin ganz rot im Gesicht wurde. Hepkaale lächelte befriedigt.

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5 Antworten zu Hepkaale und die Weltraum-Hühnchen II

  1. Pingback: Results for week beginning 2015-05-04 | Iron Blogger Berlin

  2. Oh Mann, ich muss öfter deine Geschichten lesen, sie sind immer so genial. Die im Raum herumtrudelnden Hühner… :D. Und die Leute in den Hepkaale Geschichten sind auch irgendwie so friedlich und naiv, das find ich immer witzig. Ich meine, nichts mit Eindringlingsalarm, erstmal Raumschiffführung. Das ist doch nett. 🙂

  3. dieses plot-device ist eine bahnbrechende Erfindung 🙂

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