Kunst rettet die Welt

Jadi stöhnte. Schon wieder war Dienstag und er musste zur Schule, und in der ersten Stunde hatten sie auch noch Kreativunterricht. Wir er dieses krampfhafte: „Denkt euch was zum Thema Bladiblub aus“ hasste. Und das nur, weil vor fünfhundert Jahren auf der fernen Erde irgendjemand entschieden hatte, dass es für die Raumschiffbesatzung der Sejereh unbedingt notwendig sei, die Kreativität zu schulen. Und jetzt hatten sie den Salat und alle Kinder mussten einmal die Woche zwei Stunden krampfhaft kreativ sein. Als ob man dabei etwas lernen würde.

Jadi lief durch das zylindrische Wald-Modul, da es der schnellste Weg zur Schule war. Wen man geschickt war, konnte man es in fünf Minuten durchqueren, in dem man diagonal durch den Wald lief. Dann kam man nach genau eineinhalb Umdrehungen des Zylinders am anderen Ende an und konnte den Ausgang zum Modul Theta-Vier benutzen und dann durch den Korridor schweben und war kurz darauf in der Schule. Wenn man natürlich den richtigen Moment verpasste, musste man entweder einen Umweg nehmen oder die vier Minuten warten, bis das Modul sich erneut gedreht hatte. Doch heute klappte es, die Tür öffnete sich gerade, als Jadi bei ihr ankam. Er stieß sich kräftig ab und glitt dann schwerelos durch den Verbindungskorridor zum Schulmodul.

Der Eingang hier war in der Mitte in der Schwerelosigkeit, und Jadi stieg die Treppen zu seinem Unterrichtsraum, der weiter außen in dem Modul lag, hinab und kam gerade noch pünktlich. Seine Mitschüler waren schon da, ihr Lehrer fehlte noch. Er setzte sich an seinen Platz, und dann kam Herr Sendwakleider  auch schon.

Es folgte der übliche Begrüßungsquatsch des Lehrers, und dann stellte er ihnen das heutige Thema vor: „Kunst rettet die Welt!“ Sie sollten Gruppen bilden und sich überlegen, wie genau das ablaufen würde, wenn Kunst die Welt retten würde. Jadi meldete sich: „Herr Sendwak, ist das für Viertklässler wie mich nicht zu schwer?“

Herr Sendwak schüttelte den Kopf. „Ihr werdet das schon schaffen. Im Zweifel lass dir von den älteren helfen.“

Jadi seufzte. Es war immer das gleiche. Wenn er nicht weiter kam, sollte er sich eben an die älteren Schüler wenden, die ebenfalls keine Ahnung hatten. Er fragte sich, was Herr Sendwak wohl zu den Leuten in der Abschlussklasse in so einem Fall sagen würde. Schade, dass von denen niemand nachfragte.

Herr Sendwak teilte Jadi zusammen mit Refe, die auch in der vierten war, und Schebsab und Bureg, die beide in der zehnten Klasse waren, in eine Gruppe. Jadi war nicht begeistert davon, aber es hätte auch schlimmer kommen können. Wenigstens war Fanwes in einer anderen Gruppe, denn die ging ihm mit ihrer schrillen Stimme immer mächtig auf den Geist.

Die erste halbe Stunde verbrachten die vier damit, sich zu überlegen, was denn die Welt bedrohen könnte. Am Ende hatten sie eine sehr interessante Liste möglicher Gefahren: Seuchen, Erderwärmung, herabstürzende Klaviere, Leben in Einsamkeit, Tsunami, Mathematik als Kunst, Aliens, schlechtes Essen.

Das meiste davon kannte er aus den Videos und verschiedenen Spielen. Die anderen Sachen, wie zum Beispiel Mathematik oder schlechtes Essen, hatte er immer als gegeben hingenommen. Das Klaviere gefährlich waren, wenn sie herabfielen, leuchtete ihm ein, auch wenn er nicht wusste, warum so etwas passieren sollte.

„Und wie könnte jetzt Kunst uns vor diesen Gefahren bewahren?“, riss Bureg ihn aus seinen Gedanken und brachte sie zum Thema zurück. Im ersten Moment saßen sie alle ratlos herum. Dann schlug Refe vor: „Man könnte sich unter einem Bild verstecken, oder einer Stahlskulptur, um so den herabstürzenden Klavieren zu entgehen.“

„Sehr gut“, sagte Schebsab. „Man könnte auch Kunst herstellen und Leuten schenken, um so deren Einsamkeit zu lindern.“

„Aber wie könnte Kunst jemanden vor Seuchen retten?“, fragte Bureg.

„Oder vor Aliens?“, wollte Refe wissen.

„Aliens ist einfach“, sagte Jadi. „Wenn ich ein Bild male, ist das so schlecht, wenn die Aliens das sehen, hauen die gleich wieder ab.“

Da mussten sie alle Lachen. Und jetzt kamen auch weitere Ideen. Die Kunst des Seiltanzens könnte einen zum Beispiel vor einem Tsunami schützen, wenn man nur hoch genug war. Gegen die Erderwärmung würde es helfen, wenn an jedem Ort Figuren aus Eis aufgestellt würden. Und gegen schlechtes Essen half natürlich die Kunst des Kochens.

Damit bleiben noch Mathematik und Seuchen als Aufgaben übrig. Wie konnte einen Kunst vor Mathematik oder vor Seuchen retten? Dann hatte Bureg eine Idee: „Vielleicht könnte sich jemand einen Raumanzug anziehen und Tänze außerhalb des Raumschiffs aufführen, das wäre doch auch Kunst. Und vor einer Seuche wäre man dort sicher.“

Blieb nur noch das Problem mit der Mathematik, doch dafür fand Jadi dann die Lösung: „Wenn jemand die Kunst beherrschen würde, wie man erwachsen wird, ohne vorher Kind zu sein, dann müsste man ja nicht in die Schule. Und dann bräuchte man in der Schule auch keine Mathematik zu lernen.“

Da freuten sie sich, denn nun waren sie mit ihrer dieswöchentlichen Kreativaufgabe fertig, und bekamen von ihrem Lehrer sogar ein Lob, als sie ihre Ergebnisse vorstellten.

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