Der Erste der Tage von Tewila

Masmai wurde von dem Krieg überrascht. Vielleicht hätte sie es ahnen können, wenn sie sich mehr für Politik interessiert hätte, aber das ließ sich jetzt nicht mehr ändern.

Masmai war auf dem Zabe Frekach aufgewachsen, der paar Kilometer von Tewila entfernt an der Straße nach Huith Ditheh. Der Hof lag auf einer kleinen Anhöhe, die von einer Schleife des Chadylil umflossen wurde und dadurch fast wie eine Insel wirkte. Lediglich ein schmaler Felskamm verband sie mit dem restlichen Land.

Durch die günstige Lage hatte sich der Hof in den letzten Jahren gut entwickelt und sie konnten einen Überschuss an Lebensmitteln erwirtschaften. Masmai war heute zusammen mit Zehydi auf dem Benedar Sewak, dem Markt am Stadthafen, und verkaufte ihre Waren und kaufte Dinge, die sie auf dem Hof brauchten.

Sie waren mit ihrem Handelstag fast fertig, als unter den Marktbesuchern plötzlich eine Unruhe aufkam. Masmai dachte sich erstmal nicht viel dabei, denn die Stadtbewohner schienen ihr immer voller Unruhe und Hektik zu sein, aber diesmal war es anders. In tagwärtiger Richtung schien etwas zu passieren, denn viele der Menschen verließen der Marktplatz in Richtung Jad Alewalla.

„Weißt du, was passiert ist?“, fragte Zehydi sie, doch Masmai schüttelte nur den Kopf.

„Ich habe keine Ahnung. Vielleicht brennt es irgendwo?“

Sie schauten beide in die Richtung, in die die Leute verschwanden, konnten aber keine Rauchwolken erkennen.

Masmai hielt einen Mann an, der vorbeieilte. „Weißt du, was los ist?“

„Eine Kompanie von Alewalla-Wächtern marschiert auf die Stadt zu. Der neue König will seine Macht untermauern und unseren Bürgermeister verhaften lassen.“

Bevor Masmai etwas sagen konnte, sprach Zehydi dazwischen: „Was hat er denn gemacht, der Bürgermeister?“

Der Mann schaute sie irritiert an. „Ihr seid nicht von hier, oder?“

Masmai schüttelte den Kopf. „Wir leben auf dem Zabe Frekach. Da bekommen wir nicht viel von der Politik mit.“

„Hmm, dann will ich es euch erklären“, sagte der Mann und trat unruhig auf sein anderes Bein, also wollte er möglichst schnell den anderen hinterher. „Der Alte König hat Tewila zum Marktort ernannt. Und damit hatten wir das Recht, bestimmte Sachen alleine zu entscheiden. Und den Bürgermeister zu wählen. Aber dem neuen König gefällt es nicht, dass es so viele Marktorte gibt, und er wollte uns unsere Rechte wieder wegnehmen. Da hat unser Bürgermeister sehr eindringlich darauf bestanden, dass wir unsere Rechte behalten und hat die Anordnungen des neuen Königs ignoriert. Den letzten Boten des Königs hat der Bürgermeister mit Hilfe der örtlichen Polizisten aus der Stadt geworfen, aber jetzt kommen sie mit einer ganzen Kompanie an. Wir müssen alle dem Bürgermeister helfen, unsere Stadt zu verteidigen!“

Und dann rannte er davon, den anderen Leuten hinterher.

Masmai schaute sich um. Der Marktplatz war mittlerweile recht leer geworden, auch die meisten Händler hatten sich Richtung Jad Alewalla aufgemacht.

„Komm, wir packen zusammen und schauen uns an, was da los ist. Und dann gehen wir nach Hause.“

Ihre kleine Schwester war begeistert von der Idee und half tatkräftig, alles wieder zu verpacken. Dann gingen sie die mittlerweile größtenteils leere Straße entlang, den anderen hinterher. Als sie an der Gasse vorbeikamen, konnten sie Leute rufen hören und kurz darauf, als sie am Sebyl Zabe Tijalla vorbei waren und den Stadtrand sehen konnten, sahen sie eine große Menge Menschen, wahrscheinlich alle Einwohner Tewilas. Sie bildeten ein dichtes Knäuel auf der Straße, knapp außerhalb der ersten Häuser. Einige Bewohner hatten sich seitlich der Straße postiert und bewachten den Bereich bis zum Bablali-Ufer auf der einen Seite und ein ganzes Stück in die Wiese hinein auf der anderen Seite.

„Kannst du erkennen, was hinter den Leuten los ist?“, wollte Zehydi wissen.

Masmai schüttelte den Kopf. „Kletter auf meine Schultern, dann kannst du vielleicht was erkennen.“

Sie hockte sich hin. Als Zehydi sich auf ihre Schultern setzte und Masmai aufstand, stöhnte sie. Sie hatte Zehydi schon seit mindestens zwei Jahren nicht mehr so getragen, und sie war deutlich schwerer geworden. Aber es gelang ihr, aufzustehen.

„Da steht eine Gruppe Leute mit Uniformen auf der Straße, schon einer neben dem anderen in mehreren Reihen, ganz so wie die Pflanzen im Gemüsegarten. Ganz seltsam sieht das aus. Einer von den Leuten von Tewila steht vor ihnen und scheint mit ihnen zu reden.“

Zehydi verstummte.

„Und weiter?“, fragte Masmai ungeduldig.

„Die reden miteinander. Hinter den Soldaten steht eine zweite Gruppe auf der Straße, zusammen mit irgendwelchen Tieren, die Karren ziehen. Aber die stehen einfach nur rum. Die machen gar nichts. Manche von denen haben sich sogar hingesetzt. Glaube ich.“

Sie machte eine kurze Pause. Dann fuhr sie fort. „Jetzt bewegen sich die Wächter plötzlich, alle zusammen, als wären sie aus einem Stück. Der Mann, der mit ihnen geredet hat, dreht sich um und läuft zu den anderen zurück. Jetzt rennen auch die Wächter. Und zwar ziemlich schnell. Sie…“

Der Rest von dem, was sie sagte, ging in plötzlichem Aufruhr in der Menge vor ihr unter. Masmai hörte Geschrei und Rufen. Dann sah sie, dass die Leute plötzlich in ihre Richtung rannten. Die ganze große Menge kam auf sie zu und stürmte Richtung Stadt. Mit Zehydi auf den Schultern konnte sie nicht wegrennen, das war Masmai klar. Aber hier stehen bleiben konnte sie auch nicht.

„Die Wächter haben ihre Waffen gezogen und schlagen mit ihren Schwerten auf die Leute ein“, konnte Masmai ihre Schwester schreien hören.

Hektisch überlegte Masmai, was sie machen sollte. Dann fiel ihr Blick auf das Haus neben ihn und die Laube, die vor dem Eingang errichtet worden war.

„Festhalten!“, rief sie ihrer Schwester zu, griff nach ihren Beinen und rannte dann die drei Schritte bis in die Laube. Dann waren die Leute und die Wächter auch schon bei ihr und rannten an ihr vorbei, die einen flüchtend und schreien, die andere brüllend und mit den Schwertern schlagend. Masmai ließ ihre Schwester wieder runter, dann kam die zweite Gruppe Wächter mit den Wagen und Tieren. Als Masmai sah, wie sie einfach über die verletzten Dorfbewohner hinweg fuhren, hielt sie ihrer Schwester die Augen zu.

Masmai war fassungslos. Anstatt den Verwundeten zu helfen, verletzten die Wächter sie nur noch mehr. Wie konnten sie nur sowas machen? Das ging doch nicht, das war doch gegen jede menschliche Vernunft. Verletzten musste man doch immer helfen, es gab schließlich so wenige Menschen auf dem Planeten.

Kaum waren die letzten Wächter um die nächste Straßenecke verschwunden, da schaute Masmai sich um und trat dann aus der Laube.

„Komm, wir müssen den Verletzten helfen“, rief sie ihrer Schwester zu und lief zu dem Jungen, der ihr am nächsten auf der Straße lag. Er stöhnte erbärmlich, und Masmai musste ihm eine Backpfeife geben, damit er ihr zu hörte. Sein Bein hatte eine tiefe Verletzung von einem Schwert und sseine Schulter war ausgekugelt, so wie es aussah.

„Ruhe“, befahl sie ihm und dann steckte sie ihm ein Stück Leder, das irgendwer auf der Straße verloren hatte, in den Mund. „Beiß darauf.“

Als er seinen Mund geschlossen hatte, schlug sie vor sein Schultergelenk und kugelt es so wieder ein. Ein Heiler hätte wahrscheinlich die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen angesichts dieser Methode, aber Masmai wusste nicht, wie sie dem Jungen sonst hätte helfen können.

„Masmai!“ rief Zehydi. „Was soll ich machen?“

„Rede mit den Leuten, frag sie, was sie haben.“

„Und wenn sie nicht reden können?“

„Dann geh zum nächsten.“

Dann zog Masmai ihren Gürtel aus und zog ihn eng um das Bein des Jungen, um so den Blutverlust zu verringern. Sobald wie möglich würde sich ein Heiler um ihn kümmern müssen, das war klar.

„Versuch dich an den Straßenrand zu schleppen“, befahl Masmai dem Jungen und wandte sich dann dem nächsten zu.

Kurz darauf kam eine alte Frau aus einem der Häuser und half Zehydi und sagte ihr, was sie machen musste. So gelang es ihnen, fünf Verletzte zu versorgen. Bei drei Leuten, die Masmai untersuchte, konnte sie nichts mehr machen.

Plötzlich war ein lautes Krachen von der Stadt her zu hören und dann sahen sie schwarze Rauchwolken über dem Ortskern aufsteigen. Dann waren lauter werdende Rufe zu hören.

„Schnell! Von der Straße runter!“

Sie packte den Verletzten, dem sie gerade half, unter den Armen und zog ihn von der Straße, seine Schmerzensschreie völlig ignorierend. Sein gebrochenes Schienbein war sein kleinstes Problem, wenn die Wächter zurück kamen.

Sie hatten gerade einen Vorgarten erreicht, als die Wächter die Straße entlang kamen, diesmal verfolgt von den Einwohnern Tewilas. Die Einwohner jagten die Wächter bis zum Ortsrand und blieben dann stehen und schauten ihnen hinterher. Als die Wächter eine sichere Entfernung zwischen sich und die Verfolger gebracht hatten, wurden sie langsamer und hielten dann an und schauten sich um.

Einer der Wächter hatte ein Sprechrohr, durch das er nun sprach: „Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt, die Soldaten des Königs anzugreifen! Nächstes Mal kommen wir mit einer ganzen Garnison!“

Dann rief er den Wächtern etwas zu und die ganze Gruppe zog langsam ab.

„Das habt ihr gut gemacht!“, rief ein Mann mittleren Alters ihnen zu. „Aber ich bin sicher, sie werden wiederkommen. Wir müssen die Zeit bis dahin nutzen, um Tewila besser auf einen Angriff vorzubereiten.“

„Was ist mit den Verletzten?“, rief Masmai dazwischen.

„Scht! Unterbrich den Bürgermeister nicht!“, raunte sie ein älterer Mann an. Doch der Bürgermeister hatte sie gehört.

„Die Verletzten sind wichtig. Neben dem Schutz der Stadt sollte das unsere höchste Priorität sein. Weiß jemand, wieviele Verwundete wir haben?“

Als niemand etwas sagte, sprach Masmai: „Hier auf diesem Stück Straße haben wir fünf gefunden, denen wir helfen konnten. Aber für drei kam jede Hilfe zu spät. Wie es in der Stadt aussieht, weiß ich nicht.“

„Hast du dich um die Verwundeten gekümmert?“

Masmai nickte. „Aber sie brauchen dringend einen Heiler.“

Der Bürgermeister nickte zwei Männern und einer Frau zu. „Helft ihr.“ Dann nickte er einer Gruppe älterer Leute zu. „Geht in die Stadt und versorgt dort die Verwundeten.“

Er gab weitere Befehle, doch die drei Heiler zogen Masmai mit sich und besichtigten zusammen mit ihr und Zehydi, die ihr folgte, die bereits versorgten Patienten.

Einen Stadtplan von Tewila im Jahr 761 AZ, in dem diese Geschichte spielt, findet ihr hier. Den Zweiten der Tage von Tewila findet ihr hier, den Dritten hier und den Vierten hier.

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2 Antworten zu Der Erste der Tage von Tewila

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