Hepkaale und die Bibliothek von Hubüwot

hepkaale_headerHepkaales kleine Schwester Sibüü hatte sich ein Bein gebrochen und musste ein paar Tage im Bett bleiben. Hepkaale saß bei ihr, sie hatte ihrer Schwester Tee gebracht.

„Hepkaale, kannst du mir nicht eine Geschichte erzählen?“

„Was für eine Geschichte soll ich dir denn erzählen?“

„Ich weiß nicht, eine spannende. Krank sein ist so langweilig.“

„Nun gut“, sagte Hepkaale. „Du hast es so gewollt. Ich erzähle dir von den vielen Büchern.“

„Von den vielen Büchern?“

„Genau, von den vielen Büchern. Es war nämlich so, vor ein paar Jahren mal, da hat mich das Plot-Device in ein Haus mit einem sehr seltsamen Raum geschickt. Du weißt ja, wie das ist, wenn man mit dem Plot-Device reist, es summt und brummt und dann ist man plötzlich ganz wo anders. Ich war dann in einem Raum voller Regale.“

„Was für Regale? War das ein Laden?“

Hepkkale schüttelte den Kopf. „Nein, Sibüü, das war kein Laden, es war eine Bibliothek.“

„Eine was war das?“

„Eine Bibliothek. Soll ich dir erzählen, was das ist?“

„Au ja.“

„Na, dann pass mal gut auf. Eine Bibliothek, die gibt es nur in großen Städten mit vielen Einwohnern. Das ist ein Haus oder ein paar Räume in einem Haus, in dem ganz viele Bücher gelagert werden. Viel mehr Bücher, als eine einzelne Person lesen könnte.“

„So viele Bücher gibt es doch gar nicht“, widersprach Sibüü.

„Doch, in Hubüwot gibt es so etwas. Da gibt es viele, sehr alte Bücher, viel älter als du oder ich oder sogar die Großeltern unserer Großeltern.“

Sibüü riss die Augen auf. „So alte Bücher gibt es dort?“

Hepkaale nickte. „Die gibt es dort und die stehen in langen Regalen, ein ganzes Haus nur mit Büchern voll. Und es war kein kleines Haus. Es war ein richtig großes Haus, in dem die ganzen Bücher standen. Es war angeblich dort erbaut worden, wo die ersten Menschen in Sma Azirk gelandet sind.“

„Die ersten Menschen? Du meinst die von der Sejoreh?“

„Genau, die Menschen, die mit dem Raumschiff Sejoreh hergekommen sind, die sind angeblich dort gelandet, wo dann das Haus mit den vielen Büchern stand. Und es war ein wirklich tolles Haus, mit wunderbar glatten Steinfußböden. Und die weißen Steine, aus denen die Böden waren, die hatten farbige Linien drin, fast wie die Adern von Quallen.“

„Solche Steine gibt es doch gar nicht.“

Hepkaale lachte. „Hier bei uns nicht. Aber in Hubüwot gibt es sie. Und an den Wänden und Säulen hatten sie wunderschöne Figuren geschnitzt, dass es fast so aussah, als würden irgendwelche Tiere und Personen das ganze Gebäude auf ihren Schultern tragen. Es war wunderschön, sag ich dir. Und die Bücherregale, sowas hast du noch nicht gesehen. Irre hoch, aus schönem, dunklem Holz, auch sehr viel verziert mit Mustern von Pflanzen und Bäumen und manchmal mit ganz kleinen Figuren von Vögeln und anderen Tieren. Es war so toll, da müssen eine ganze Menge Schnitzer ganz schön lange dran gearbeitet haben. Du hättest es sehen sollen.“

„Und das alles nur für die Bücher?“, wollte Sibüü wissen.

„Ja, alles nur für die Bücher. Es gab Leute, deren einzige Aufgabe es war, diese Bücher zu beaufsichtigen und wenn jemand kam und eines davon lesen wollte, ihm das passende Buch zu geben. Und dann nachher die Bücher wieder richtig aufzuräumen.“

„Was waren denn das für Bücher?“

„Alle möglichen. Einer der Bücherwärter hat mir erzählt, dass sie die Aufgabe hätten, jedes einzelne Buch, das ist unserem Land geschrieben wird, dort aufzubewahren, falls es später jemand nochmal lesen möchte.“

„Alle Bücher?“

„Genau, alle Bücher. Als ich dann dem Bücherpfleger erzählt habe, dass ich Hepkaale aus Tirüplet bin, da war er ganz aus dem Häuschen und hat mich an der Hand gefasst und hinter sich her durch das Labyrinth der hohen Regale gezogen. In einem recht engen Gang irgendwo in einem Raum im zweiten Stock ist er dann stehen geblieben. Und da standen ganz viele Bücher in dem Regal. Er hat eines davon herausgezogen und mir in die Hand gegeben. Und, weißt du, wie das Buch hieß?“

Sibüü schüttelte den Kopf. „Woher soll ich wissen, welches Buch dir dieser Bücherpfleger gegeben hat?“

„Es war ein Buch mit dem Titel: ‚Die unglaublichen Abenteuer der Hepkaale und ihrer kleinen Schwester Sibüü mit ihrem Plot-Device‘.“

„So ein Buch gibt es doch gar nicht“, widersprach Sibüü.

„Doch“, sagte Hepkkale. „In der Bibliothek von Hubüwot gibt es so ein Buch. Ich habe natürlich sofort gefragt, ob ich es mitnehmen kann, aber der Bücherpfleger wurde dann ganz böse und sagte, dass das auf keinen Fall ginge. Ich könnte darin lesen, aber mitnehmen dürfte ich es nicht.“

„Und was stand drin?“

„Ich habe nur kurz reingeschaut. Die erste Geschichte, die ich gesehen habe, war die mit diesem komischen Schwert in Rüngdüngdüng. Und die zweite war die, wo wir die Kohlfäule hier in Tirüplet hatten. Es waren noch einige Geschichten mehr, aber ich hatte dann keine Lust, die alle nochmal zu erleben, die waren beim ersten Erleben schon schlimm genug, auch ohne dass sie jemand aufgeschrieben hätte.“

„Aber Hepkaale. Du hättest uns das Buch doch mitbringen können. Dann hätten wir unsere ganzen Geschichten nachlesen können.“

Hepkaale schüttelte den Kopf. „Die Bücherwärter hätten mich nicht gehen lassen. Und das Plot-Device hat mich erst wieder nach Hause geschickt, als ich das Buch ins Regal zurück gestellt hatte.“

„Och schade. Das wäre wirklich toll gewesen.“

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4 Antworten zu Hepkaale und die Bibliothek von Hubüwot

  1. 500woerterdiewoche schreibt:

    Und keine von beiden kommt auf die Idee, dass darin auch zukünftige Erlebnisse stehen könnten? Das wäre das erste, was ich an ihrer Stelle nachgeschaut hätte: Ob ein Abenteuer drinsteht, das ich noch nicht erlebt habe…

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