Ein Blick auf das Ziel

Wahad und Athanna standen in der Luftschleuse und warteten darauf, dass die Luft herausgepumpt wurde und sie den Raum verlassen konnten. Sie waren unterwegs zum Rakmalyth-Modul, um dort einige Sensoren zu überprüfen. Und da es sich bei dem Modul um ein luftleeres Modul ohne Rotation und daher ohne Schwerkraft handelte, hatten sie ihre kompletten Raumanzüge anziehen müssen.

Als die Tür sich schließlich öffnete, liefen sie vorsichtig mit ihren Magnetschuhen auf der Außenhülle des Verbindungsmoduls entlang. Hier draußen konnte man erst die gewaltigen Ausmaße der Sejereh so richtig überblicken. Die riesigen, rotierenden Module für Landwirtschaft, die etwas kleineren Module für die Wohn- und Arbeitsräume und die unzähligen zusätzlichen Module, die sie im Lauf der letzten Jahrhunderte gebaut hatten und die zum Teil, wie das Rakmalyth-Modul, nicht unter Druck standen und daher nur in Raumanzügen zugänglich waren. Die anderen zentralen Knoten der Station konnten sie von ihrer aktuellen Position aus nicht sehen, da die großen Module sie völlig verdeckten.

Die Station erstreckte sich mehrere hundert Meter in jede Richtung und Athanna wusste aus Erfahrung, dass es möglich war, sie in einem Orbit zu umkreisen. Jedoch musste man dabei sehr aufpassen, dass man nicht zu schnell wurde, wenn man absprang, damit man den Einflussbereich der Station nicht verließ. Für Notfälle waren sie mit einem langen Seil mit der Station verbunden.

Früher mal konnte man die Seile, wenn es die Mission erforderte, selber lösen, doch nachdem sich mehrere Personen umgebracht hatten, indem sie einfach von der Station weggeflogen waren – und natürlich die Raumanzüge mitgenommen hatten – konnte man die Sicherheitsleinen jetzt nur noch im Inneren von Schleusen lösen. Das war zwar lästig, aber immer noch besser als jedes Mal einen Raumanzug zu verlieren. Und glücklicherweise waren Außeneinsätze recht selten.

Zwanzig Minuten später hatten die beiden das Rakmalyth-Modul, das eines der vordersten Module des Raumschiffkomplexes war, erreicht. Sie betraten die Schleusen und hakten ihre Sicherheitsleinen ein. Während sich die Tür schloss, wurden die Sicherheitsleinen automatisch nach außerhalb der Schleuse geführt, damit sich die Tür luftdicht schließen konnte. Athanna hatte sich schon oft darüber gewundert, dass dies auch bei luftleeren Modulen der Fall war, aber wahrscheinlich waren die Schleusen einfach alle baugleich, unabhängig davon, ob es ein Druckmodul war oder nicht.

In dem Modul waren einige Sternensensoren untergebracht, die ihnen halfen, ihre Lage im Raum festzustellen und die sie überprüfen mussten. Außerdem waren mehrere große Teleskope da, die den Weg der Sejereh nach Gefahren absuchten. Die Wand in Flugrichtung, der Boden ihres Zylinders, bestand aus mehrlagigem, extra-stabilem Glas, das einen guten Blick auf die Sterne erlaubte.

Wahad überprüfte die Sternensensoren auf der einen Seite, Athanna die auf der anderen. Während sie arbeitete, merkte sie, dass sie langsam zum hinteren Ende des Moduls gezogen wurde, ganz langsam nur, aber hier in der Schwerelosigkeit doch merkbar. Zumindest wenn man sich eine Weile nicht bewegte.

Als sie mit ihrer Reihe Sensoren fertig war, traf sie Wahad, der vor der Scheibe schwebte und den Sternenhimmel betrachtete.

„Hast du gemerkt, dass es hier eine kleine Schwerkraft gibt?“ fragte sie Wahad.

„Das sind die Tether, mit denen die Sejereh weiter beschleunigt. Du weißt doch, diese Dinger, die das galaktische Magnetfeld nutzen, um uns zu beschleunigen.“

„Ich dachte, das wäre nur ganz wenig.“

„Ist es auch. Aber hier in der Schwerelosigkeit kann man es merken, wenn man genau aufpasst.“

Dann betrachtete er wieder den Sternenhimmel.

„Siehst du den Doppelstern dort?“

Er zeigte auf einen besonders hellen Stern, doch für Athanna sah er wie ein ganz normaler, einzelner Stern aus.

„Ich sehe nur einen Stern dort. Vielleicht ist er auf einer Seite etwas röter, aber ich bin nicht sicher.“

„Versuch es mit dem Fernrohr, dann kannst du ihn auflösen.“

Athanna schwebte zu dem fest installierten Fernrohr und suchte den Stern damit.

„Da ist er. Ein heller, gelber Stern und ein rötlicher ganz in der Nähe. Aber der Helle scheint auch aus zwei Sternen zu bestehen.“

„Der Helle sind Alpha und Beta, die Sterne, zu denen wir unterwegs sind. Der rote ist Gamma, der die beiden in größerem Abstand umkreist.“

„Das ist also unser Ziel“, stelle Athanna verwundert fest. „Man kann es also schon richtig sehen.“

„Kann man“, stimmte Wahad zu. „Aber kaum einer macht es, denn wir sind zu sehr mit uns selber und unserem Raumschiff beschäftigt.“

„Wie schade“, antwortete Athanna. „Es ist doch schön zu wissen, wo wir hin unterwegs sind.“

Dann machten sich die beiden wieder auf den Rückweg.

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3 Antworten zu Ein Blick auf das Ziel

  1. 500woerterdiewoche schreibt:

    Das wird ja richtig philosophisch zum Ende hin 🙂

  2. Pingback: Results for week beginning 2014-08-04 | Iron Blogger Berlin

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