Die Brücke von Halaka Sala

Chadra ist auf dem Weg nach Saj. Sie ist Händlerin und ist zwischen Sahmams Hamyam am hellen Meer, Jabal Gahny an den Uasabiquellen und Saj unterwegs. Sie reist zusammen mit ihren zwei Gehilfen und fünf Eseln, die ihre Waren befördern. Eigentlich hätte sie lieber Pferde als Lasttiere gehabt, aber über den Wadrasch-Pass ist das nicht möglich. Auch ihre Esel haben da schon immer Probleme mit der dünnen Luft, aber ohne geht es einfach nicht.

Sie haben gerade den Pass hinter sich und reisen jetzt am Ufer des Quell-Uasabi entlang Richtung Nacht. Es ist immer wieder schön, sobald sie die höchsten Berge hinter sich haben, denn nachtwärts der Berge regnet es weniger stark und in der Eben von Saj scheint sogar manchmal die Sonne.

Diesmal ist der Regen jedoch auch auf der Nachtseite der Berge sehr stark, den Wind kommt aus linkstägiger Richtung. Chadra wundert sich manchmal darüber, warum man die Himmelrichtungen immer mit Blick auf die Sonne und nicht mit Sonne im Rücken angibt, aber so ist es eben in den Taglanden üblich. Im Nachtbereich des Kontinents, hat sie mal gehört, sei das anders. Aber hier ist es eben so und wenn sie sagt, linkstägig, dann ist klar, aus welcher Richtung der Wind bläst.

Unabhängig von der Bezeichnung ist das Ergebnis von linkstägigem Wind an den Uasabiquellen heftiger Regen und meistens tritt dann auch der Fluss über seine Ufer. Das ist auch diesmal der Fall, aber glücklicherweise steht das Wasser nicht so hoch, dass der Weg überflutet wäre.

Doch als sie an die Brücke von Halaka Sala kommen, haben sie ein Problem, denn das Wasser des Uasabi ist so hoch gestiegen, dass es bis zur Unterkante der Bücke steht und in der Mitte sogar über die Bretter der Hängebrücke hinweg schwappt.

Sie stehen alle drei am Übergang und schauen die Brücke an. Wenn das Wasser so hoch steht, wirkt sie weniger vertrauenserweckend als bei normalem Wasserstand. Die Brücke schwankt mit jeder Welle und wird vom Wasser hin und her gerissen. Ein paar Äste haben sich in ihr verfangen. Chadra betrachtet die beiden Zanawabäume, an denen die Brücke befestigt ist. Sie sind stabil genug, um dem Reißen der Strömung stand zu halten, aber die Seile summen vor Spannung.

Ist es ratsam, die Brücke zu überqueren? Hinter der Brücke verläuft der Weg in etwas höher gelegenem Gelände. Dort wären sie vor den Fluten sicher, zumal der Wind noch immer stark aus linkstagwärtiger Richtung blies. Die Wolken, die der Wind mit sich brachte, bleiben an den Bergen auf ihrer Seite des Flusses hängen.

Wenn sie auf dieser Seite bleiben, haben sie immer die Gefahr, dass das Wasser noch weiter steigt und den Weg überflutet. Und abseits der Wege haben sie mit ihren Eseln keine Chance voran zu kommen. Also müssen sie die Brücke überqueren, ob sie wollen oder nicht, wenn sie nicht zwanzig Kilometer zurück laufen wollen.

„Auf geht’s, wir müssen hinüber“, spornt Chadra die anderen an. „Ich gehe mit einem Esel vor, dann bringt einer von euch die Esel einen nach dem anderen und du kommst zum Schluss mit dem letzten Esel.“

Die Brücke ist schon bei gutem Wetter nicht die sicherste, zwei Seile mit Brettern dazwischen und zwei weitere Seile zum Festhalten. Die Esel muss man festhalten, damit sie die Brücke überqueren, aber bisher war es noch nie ein Problem. Wenn man den erfahrendsten Esel als erstes nimmt, machen die anderen gewöhnlich nur wenig Probleme.

Also nimmt sich Chadra ihren Lieblingsesel und führt ihn über die schwankende Konstruktion und durch das in der Mitte knöcheltiefe, brausende Wasser. Mehrfach muss sie anhalten, wenn die Brücke zu stark schwankt. Kurz nach der Mitte bockt ihr Esel und sie muss ihn fünf Minuten lang streicheln und gut zureden, bis das Tier sich wieder bewegt.

Nach zwanzig Minuten hat sie das andere Ufer erreicht. Zwei Stunden und viele nasse Füße später sind auch die anderen sicher am anderen Ufer und sie können ihren Weg fortsetzen.

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2 Antworten zu Die Brücke von Halaka Sala

  1. 500woerterdiewoche schreibt:

    So viele „a“s in den Namen! Zu Weihnachten schenke ich dir einen Beutel Vokale 😛

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