Die blauen Flüsse – Teil II

Den ersten Teil der Geschichte findet ihr hier.

102. Wachperiode auf dem Eis

Einer unserer Hunde ist zusammengebrochen, kurz bevor wir den Pass erreicht haben. Wir sind mit ihm genauso verfahren wir mit allen anderen unserer Hunde. Jetzt sind wir noch zwei Männer und zwei Hunde sowie unsere vier Schlitten.

Wir sind nun auf dem Pass und schauen in die Dunkelheit. Soweit wir das erkennen können – Alpha und Beta stehen schon recht tief am Himmel – geht das Eis noch ein gutes Stück weiter. Soulima meint, dass er in der Ferne einen Streifen Wasser gesehen hat, aber ich bin mir nicht sicher, ob das nicht am Ende nur eine Wunschvorstellung ist. Ich zumindest konnte in dem fahlen Licht der Begleiter nichts entsprechendes erkennen. Aber wenn Soulima daran glaubt, dann werde ich ihm nicht widersprechen, denn wenn es uns Energie gibt, weiter zu gehen, dann ist es in Ordnung, auch wenn es eine Täuschung ist.

Was aber viel wichtiger ist, ist das, was ich etwas näher gesehen haben. Soulima lachte vor Freude, als ich es ihm zeigte: Die unverkennbare Sihouette des Zackenberges. Und dort haben wir auf dem Hinweg ein Lager für unsere Rückreise errichtet. Und wenn wir es wenigstens bis dorthin schaffen, dann sind unsere Chancen gut, auch die Küste zu erreichen. Und dann können wir fischen und mit Treibholz Feuer machen. Aber das ist noch ein weites Stück.

103. Wachperiode auf dem Eis

Der Abstieg geht schneller als wir dachten und ist auch weniger kompliziert als der Aufstieg. Auf dieser Seite ist der Hang flach, der Schnee, der hier immer fällt, hat alle Steilheiten eingeebnet. Wir kommen gut voran und Soulima schätzt, dass der Zackenberg nur noch wenige Tage vor uns liegt. Wir haben zwar wieder Gegenwind, aber dafür ist die Luft hier weniger kalt, was sowohl uns als auch den Hunden sichtlich gut tut.

104. Wachperiode auf dem Eis

Noch immer geht es ganz leicht bergab. Wir sind schneller unterwegs als in den ganzen letzten Wochen. Unsere Nahrungsvorräte gehen uns zwar langsam aus und auch Brennstoff haben wir bis auf die Schlitten keinen mehr. Aber wenn wir es wirklich bis zum Zackenberg schaffen sollten, der schon deutlich näher gerückt ist, dann könnten wir es bis ans Meer schaffen. Ich hoffe, dass wir ihn morgen oder spätestens übermorgen erreichen und dann auch unser Lager wiederfinden. Jetzt bin ich zu müde, um weiter zu schreiben.

105. Wachperiode auf dem Eis

Wir waren so nah am Ziel, und dann bin ich zusammen mit meinem Schlitten und einem der Hunde in eine Eisspalte gestürzt. Nicht tief, vielleicht drei oder vier Meter, aber tief genug, um mir ein Bein zu brechen. Dabei konnten wir die Fahne, die wir an unserem Vorratslager aufgestellt hatten, schon sehen, vielleicht noch vier Kilometer haben uns von der vorläufigen Rettung getrennt.

Ich habe Soulima losgeschickt zum Lager, sich und seinen Hund verpflegen. Ich weiß nicht, ob er wiederkommen wird – ich habe es ihm verboten, aber ich weiß nicht, ob er sich daran halten wird – aber mit meinem gebrochenem Bein kann ich so oder so nicht weiter zur Küste.

Aus meinem Schlitten haben ich ein kleines Feuer gemacht, um mich und den Hund ein wenig zu wärmen. Also liege ich jetzt in dieser Eisspalte und kann nur einen kleinen Ausschnitt des Sternenhimmels sehen und werde hier wohl auf mein Ende warten müssen.

106. Wachperiode auf dem Eis

Soulima ist tatsächlich zu mir zurück gekommen, um mich aus der Eisspalte zu retten. Er hat erst den Hund und dann mich mit einem Seil hochgezogen. Dann hat er mich auf seinem Schlitten zu unserem Vorratslager gebracht und dort habe ich erstmal geschlafen.

Soulima hat mir erzählt, dass ich wohl zwei Tage lang geschlafen habe, aber da um unser Zelt herum ein heftiger Schneesturm tobte, musste er bisher noch nicht entscheiden, ob er mich hier zurücklassen oder mitnehmen soll.

Nun, mit meinem gebrochenen Bein und den entkräfteten Hunden gibt es eigentlich nur die Möglichkeit, dass er mich hier mit einigen Vorräten zurücklässt und sich alleine auf den Weg zur Küste macht. Ich kann es hier schon eine Weile aushalten, wir haben schließlich jetzt Vorräte für vierzehn Personen und sind nur zu zweit. Und vielleicht gelingt es ihm ja, gerettet zu werden und dann einen Suchtrupp herzuschicken, um mich zu holen.

107. Wachperiode auf dem Eis

Soulima ist noch immer hier. Wenn er doch nur endlich Richtung Küste aufbrechen und Hilfe holen würde. Je länger er wartet, desto schwieriger wird es für mich, so lange durchzuhalten. Er sagt zwar, dass die Hunde noch ausruhen müssten, aber in Wirklichkeit kann er sich nicht entscheiden, mich hier zu lassen.

Wir haben diskutiert, ob ich ihm das Logbuch mitgeben soll, aber er besteht darauf, dass ich auf jedem Fall weiter schreiben soll. Er ist fest davon überzeugt, dass es hier eher gefunden wird. Und da er, wenn er gerettet ist, auf jedem Fall wiederkommen will, habe ich nachgegeben.

108. Wachperiode auf dem Eis

Soulima ist losgezogen Richtung Küste. Endlich, ich weiß nicht, wie lange ich ihm noch etwas hätte vormachen können. Er wird mich nicht retten können. Mein Bein ist zwar geschient, aber das wird mir nicht helfen, denn ich werde krank.

Die Hunde hat er beide mitgenommen, dafür habe ich hier ein kleines Brennöfchen, dass mein Zelt ein paar Tage lang warm halten kann. Und ausreichend Essen und warme Kleidung, aber leider keine Medizin.

Ich hoffe, dass er es schafft, so dass wenigstens eine Person von unserer Expedition zurückkehrt. Ich werde jetzt erstmal wieder schlafen.

109.? Wachperiode auf dem Eis

Ich habe Fieber und Schüttelfrost und Hitzewallungen. Ich weiß nicht, wieviel Zeit vergangen ist, nur dass es kalt ist. Meine Erinnerung ist bruchstückhaft. Ich bin gelegentlich wach, oft aber nicht. Und es ist so kalt hier. Ich weiß nicht, wie lange ich mich ausreichend konzentrieren kann, um noch etwas aufzuschreiben. Aber ich muss es wenigstens versuchen, denn was sonst könnte ich

110.? Wachperiode

Ich weiß nicht, wie ich den Satz beenden wollte, noch wieviel Zeit vergangen ist. Ich werde wohl hier sterben. Allein in der ewigen Nacht des Nachtkontinents … auf dem Rückweg von den blauen Flüssen zur Küste.

Ich wünschte, ich könnte noch einmal Pflanzen sehen. Und vielleicht die Sonne und Wärme spüren. Vielleicht sollte ich den Brennofen auf Maximum stellen? Ich kann es versuchen, auch wenn er dann sehr schnell seinen Brennstoff verbraucht hat. Und dann habe ich es zumindest jetzt warm…

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