Der Tag der schlechten Gedichte

Da ich das Wochenende über meine berufliche Zukunft nachdenken muss (ich hab zwei Jobangebote, die ich gerne beide annehmen würde), gibt’s meinen Blogpost diese Woche schon heute. Viel Spaß beim Lesen!

Schon mehrfach wurde in den Geschichten von der Sejereh von den Abschlussprojekten der Schüler gesprochen, deren Aufgabe es ist, die Bewohner des Raumschiffs zu unterhalten. Bisher waren es immer Projekt, die so gut waren, dass noch lange davon geredet wurde.

Das Projekt, von dem ich heute erzählen will, war da anderes. Es wurde schon darüber geredet, wahrscheinlich sogar länger als über die meisten anderen, aber der Grund dafür war nicht, dass es so gut und unterhaltsam gewesen wäre, sondern eher im Gegenteil. Doch seht selbst, wie es Sadji und Kasida erging.

Die Sejereh war bereits im Anflug auf die Sonnen Alpha und Beta, als Sadji und Kasida zur Schule gingen. In achtunddreissig Jahren, so der Plan, würden sie den Planeten Furasch erreichen und die ersten Menschen sein, die jemals einen richtigen Planeten, der um eine fremde Sonne kreist, neu besiedelten. Doch bis dahin würde es noch dauern und es es gab noch viel Bedarf für Unterhaltung.

Die beiden wollten unbedingt ein neues Projekt machen, irgendetwas, das in der tausendjährigen Geschichte der Reise noch niemand gemacht hatte. Sie waren nicht die ersten, die Wochen- und Monatelang recherchierten, und trotzdem nicht wirklich zu einem guten Ergebnis kamen. Das Raumschiff hatte zwar nur knapp über 500 Einwohner, aber in tausend Jahren waren es trotzdem eine riesige Menge Leute, die Abschlussprojekte gemacht hatten.

Es hatte Kunstprojekte gegeben, Forschungsbemühungen, Sternenbeobachtungstage, kulinarische und musikalische Projekte, Prosa und Gedichte.

„Vielleicht sollten wir etwas mit Gedichten machen“, überlegte Kasida, die selber gerne Gedichte schrieb, als sie darüber redeten.

„Mit Gedichten“, fragte Sadji skeptisch. „Was sollen wir denn mit Gedichten machen? Wenn wir die einfach schreiben und vortragen, ist es nichts besonderes. Und andere Gedichte zu bestimmten Themen schreiben zu lassen, das gab es auch schon oft genug.“

Kasida nickte. „Das stimmt schon. Aber immer ging es darum, dass die Gedichte gut oder besonders oder unterhaltsam waren.“

„Warum sollte jemand Gedichte wollen, die nicht unterhaltsam oder gut sind?“

Jetzt grinste Kasida: „Weil wir uns die schlechtesten Gedichte geben lassen, die die Leute haben.“

„Die schlechtesten Gedichte?“

Kasida nickte enthusiastisch. „Wir lassen uns von jedem sein schlechtestes jemals verfasstes Gedicht geben und tragen die dann anonym vor. Das wird bestimmt sehr lustig.“

„Dann müssen wir sie aber auch möglichst schlecht vortragen“, ergänzte Sadji.

„Das machen wir.“

Am nächsten Tag stellten sie ihrer Lehrerin ihr Projekt vor. Sie war anfangs nicht überzeugt, musste dann aber zugeben, dass es tatsächlich ein Projekt war, das noch niemand vor ihnen jemals gewagt hatte.

„Ich hoffe nur“, sagte sie, „ihr habt euch das gut überlegt.“ Kasida und Sadji nickten enthusiastisch.

„In Ordnung, dann macht euer Projekt und ich hoffe mal, dass es auch wirklich so gut wird, wie ihr beide denkt.“

In den nächsten Monaten besuchten die beiden Schüler jeden Bewohner der Sejereh persönlich und erzählten ihnen von ihrem Projekt. Bei vielen mussten sie eine Menge Überzeugungsarbeit leisten und versprechen, dass die Gedichte anonym gesammelt würden.

Manche Leute waren einfach gar nicht zu überzeugen oder hatten Ausreden.

„Ich hab meine Gedichte alle vernichtet und erinner mich nicht mehr dran.“

„Ich hab noch nie ein Gedicht geschrieben.“

„Mein schlechtestes Gedicht war so kurz, dass es nur eine leere Seite war.“

Und die lächerlichste Ausrede: „Ich kann nicht denken, mir also auch keine Gedichte ausdenken. Konnte ich noch nie.“

Insgesamt bekamen sie aber 434 schlechte Gedichte zusammen, was sie eine ganz gute Ausbeute fanden. Manche waren kurz, Drei- oder Vierzeiler, mache waren aber auch deutlich länger, das längste dauerte über zwanzig Minuten, um es vollständig vorzulesen.

In den nächsten Wochen verbrachten sie ihre Freizeit damit, die Gedichte zu sortieren und sich zu überlegen, wie sie sie vortragen wollten. Sie entschieden sich, die Gedichte über das Lautsprechersystem der Sejereh möglichst gelangweilt vorzutragen, um die schlechte Qualität der Gedichte noch zu unterstreichen.

Dann kam der große Tag. Sie schlossen sich in dem Senderaum ein und Sadji kündete schlecht gereimt über die Lautsprecher an, dass alle nun den legendären Tag der schlechten Gedichte miterleben durften. Dann trugen die beiden abwechselnd die Gedichte der Bewohner vor.

Fast fünf Stunden lang beschallten sie das ganze Raumschiff mit einem Gedicht nach dem nächsten. Da sie sich eingeschlossen hatten, bekamen sich nichts von der Reaktion der anderen Bewohner des Raumschiffes mit, zumindest so lange nicht, bis es jemandem gelang, die Türverriegelung zu umgehen und die beiden unsanft vom Mikrophon zu entfernen.

Wie sich herausstelle, hatten viele Bewohner versucht, der Beschallung durch die schlechten Gedichte zu entgehen. Mehrere hatten Raumanzüge angezogen und anfangen, uralte Schäden an der Außenhülle der Sejereh auszubessern, nur um die schlechte Gedichte nicht hören zu müssen.

Andere Leute hatten versucht, sich die Ohren zu verstopfen oder mit lauter Musik die Gedichte zu übertönen. Aber die schlechten Gedichte waren so schlecht, dass sie immer durchdrangen und die Leute weiter nevten. Irgendwann hatte sich dann eine Gruppen von einem Dutzend Personen zusammengefunden, die die Gedicht um jeden Preis stoppen wollten und es schließlich schafften, die Tür aufzubrechen.

Viele der Bewohner der Sejereh waren ziemlich sauer auf die beiden und es brauchte den Kapitän, ihre Lehrerin und zwei Ordnungshüter, um alle wieder zu beruhigen und die beiden Schüler in Schutz zu nehmen.

Die nächsten Wochen wurden Sadji und Kasida oft angefeindet und angepöbelt, aber da sie sich entschuldigten, verziehen ihnen die meisten Bewohner recht schnell. Wie der Kapitän so schön sagte: „Es ist das Privileg der Jugend, Dinge auszuprobieren und dabei Fehler machen zu dürfen – ungestraft, wenn sie sich aufrichtig entschuldigen.“

Noch Jahre und Jahrzehnte später wurde der Tag der schlechten Gedichte auf der Sejereh als abschreckendes Beispiel für ein misslungenes Abschlussprojekt genannt, selbst als Sadji, Kasida und alle anderen, die den Tag erlebt hatten, schon längst nicht mehr lebten.

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Orte auf Haeth

Der folgende Artikel ist Teil des Glossars. Eigentlich wollte ich auch Stadtpläne der fünf Orte mit einbauen, aber die sind noch nicht fertig – mein Brotjob frisst im Moment einfach zu viel Zeit, aber da ein weiterer Karriereschritt in Aussicht steht, ist das in Ordnung, finde ich. Also hier die Beschreibungen der Orte:

Die Orte auf Haeth

Haeth (Mauerlan, 4007 EW)

Haeth war die erste Siedlung auf der gleichnamigen Insel und nach Kiswof und Buslan die zweite Siedlung im späteren Staat Timatim. Der Ort wurde auf Grund seiner tagwärtigen Lage und der geschützten Bucht, an der er errichtet wurde, als erste Siedlung auf der Insel ausgewählt.

Gegründet wurde Haeth im Jahr 478 von Siedlern aus Allewalla. Da das Land in der Region sehr fruchtbar war, entwickelte sich die Siedlung gut. Im Timatimschen Unabhängigkeitskrieg wurde die Stadt befestigt, da sie oft von feindlichen Soldaten angegriffen wurde.

Die Rebellion umfasst die gesamten Inseln zwischen Timatim und Khesib, jedoch konnte Alewalla auf den tagwärtigeren Inseln die Aufstände schnell niederschlagen, so dass Haeth ab 691 bis 695 eine Frontstadt war, die immer wieder von Alewalla angegriffen wurde. Zu Anfang des Jahres 695 kam es zur großen Seeschalcht vor Haeth, bei der insgesamt 27 Schiffe beider Seiten versenkt wurden. Timatim ging siegreich aus dieser Schlacht hervor, was kurz darauf zur Timatimschen Unabhängigkeit führte.

Auch im Jahr 900 ist Haeth noch der bedeutendste Marinestützpunkt Timatims, da die Stadt auf Grund ihrer stategischen Lage große Bedeutung hat.

Nach der Unabhängigkeit wurde die Insel Haeth von der gleichnamigen Stadt aus verwaltet. Dadurch erhoffte sich die Regierung in Kiswof eine besser Kontrolle, da zu jeder Zeit Timatimsche Soldaten hier stationiert waren.

Im Jahr 871 schließlich wurde die Verwaltung der Insel doch nach Hisihla verlegt, da die Anbindung an Kiswof von dort aus besser ist und Haeth durch die Unabhängigkeit der Maghad-Inseln zwischen Timatim und Alewalla fünfzig Jahre zuvor einen Teil seiner strategischen Bedeutung verloren hat.

Auch wenn Hishila mittlerweile die Hauptstadt Haeth‘ ist, sind die Bewohner der Stadt noch immer der Meinung, dass ihre Stadt die wichtigste der Insel ist und das völlig zurecht die Insel nach ihrer Stadt benannt wurde.

Hisihla (Burgerlan, 7498 EW)

Hisihla ist die zweitälteste Siedlung auf Haeth und wurde nur acht Jahre nach der Stadt Haeth gegründet. Von außenpolitischen Konflikten abgesehen war die Rivalität der beiden Städte seit je her der dominierende Faktor der Politik auf der Insel Haeth.

So gab es im Jahr 671 eine Eingabe an den Herrscher von Alewalla, die Insel in Hisihla umzubenennen, die jedoch abgelehnt wurde. Im Zuge des Unabhängigkeitskriegs hofften die Bewohner Hisihlas, das zum Ende des Krieges mehr als doppelt so viele Einwohner wie Haeth hatte, endlich die Verwaltung der gesamten Insel übernehmen zu dürfen. Es war eine große Enttäuschung für die Bewohner Hisihlas, als die neue Regierung nichts am Verhältnis der beiden Städte änderte. Es sollte weitere 175 Jahre dauern, bis im Jahr 871, zweihundert Jahre nach der Eingabe an die Herrscher von Alewalla, endlich der status geändert wurde und die Regierung der Region nach Hishila umzog.

Im Gegensatz zu Haeth, das vom Militär dominiert wird, ist Hishila eine Stadt Industrie. Eine Vielzahl an Betrieben verarbeitet Rohstoff zu Waren, die anschließend, zum großen Teil per Schiff, mit anderen Regionen Timatims und Khesibs gehandelt werden.

Auch gibt es in Hishila eine große Bibliothek, die je nach Schätzung die zweit- oder drittgrößte Timatims ist. Sie ist deutlich umfangreicher als die Bibliothek von Haeth. Es gibt mehrere Schulen in der Stadt und sogar eine kleine Universität, auf der man Recht, Medizin, Technik und Landwirtschaft studieren kann. Aktuell gibt es dort 43 Studenten, von denen 20 aus Hishila, 9 aus Haeth, 5 aus den übrigen Teilen der Insel, 5 aus Timatim und 3 von den Maghad-Inseln stammen.

Buzaeqduzulu (Fehlbade, 366 EW)

Der Ort Buzaeqduzulu wurde 691 von geflüchteten Bewohnern der Maghad-Inseln gegründet, die hier ein Leben ohne die Bevormundung Alewallas suchten.

Der Ort liegt an einer geschützten Bucht am nachtwärtigen Ende der Insel. Der Ort ist nur 200 Seekilometer von Kiswof entfernt und liegt damit deutlich näher an der Hauptstadt Timatims als an Hishila, der Hauptstadt der Insel Haeth.

Der Gründungsmythos des Dorfes als Zuflucht im Unabhängigkeitskrieg Vertriebener im kollektiven Gedächtnis sehr präsent ist, ist trotzdem das kulturelle Zugehörigkeitsgefühl zur Insel Haeth sehr ausgeprägt. Den Buzanern ist sehr bewusst, dass der Timatimsche Unabhängigkeitskrieg hauptsächlich auf den Maghad-Inseln und auf Haeth ausgetragen wurde und Timatim selber nicht viele Schäden davongetragen hat.

Lubumerquyun (Milcherleben, 91 EW)

Im Jahr 790 an der nördlichen Küste Haeth gegründet, ist Lubumerquyun ein aufstrebender Ort. Wie auch alle anderen wichtigen Siedlungen der Insel liegt der Ort an der Küste an einer geschützten Bucht. Der Ort wurde vor vier Leuten aus Kiswof und zwei Personen aus Haeth gegründet. Es handelt sich um ehemaligen Soldatinnen und Soldaten, die sich beim Dienst kennen gelernt haben und nicht mehr länger in der Armee dienen wollten. Da die Gründung einer neuen Stadt vom Militärdienst befreit, gründeten sie Lubumerquyun.

Durch die zahlreichen Nachkommen der sechs Gründer und einige Neuzuzüge wuchs der Ort schnell, so dass er im Jahre 900 schon fast 100 Einwohner hat.

Die meisten Bewohner leben vom Fischfang oder von der Landwirtschaft. Daneben gibt es eine kleine Schule mit Internat für die Kinder der umliegenden Höfe sowie einen Einzelhandelsladen. Hinzu kommt alle sechs Tage der Markt auf dem Marktplatz des Ortes.

Durbohnikir (Erdenfollen, 38 EW)

Durbohnikir ist der jüngste Ort auf Haeth. Erst im Jahr 848 gegründet, hat er im Jahr 900 erst 38 Einwohner, die in fünf Häusern/Gehöften leben. Zwei Familien leben vom Fischfang, zwei von der Landwirtschaft und eine vom Handel, der über den Hafen abgewickelt wird. Der Haupthandel findet dabei mit Kiwsij und den Orten Durbohmaas statt.

Zu den Markttagen kommen die Bewohner der umliegenden Gehöfte in den Ort, so dass sich an solchen Tage oftmals bis zu hundert Personen im Ort versammeln. Da es kein offizielles Gasthaus gibt, übernachten die Marktbesucher bei den Dorfbewohnern, die sie schon seit langer Zeit kennen.

 

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Haeth (Region/Insel)

Dieser Artikel ist Teil des Glossars.

Die Insel Haeth im Jahr 900. Gleichzeitig bezeichnet Haeth auch die mit der Insel identische Region Timatims.

Haeth ist eine Insel tagwärts von Timatim. Die naturräumlich und politisch zu Timatim gehört. Dierekt nödlich von Ksiwofmaa gellegen, zählt Haeth zu den am dichtesten besiedelten Regionen Timatims.
Die Insel ist länglich und erstreckt sich in Nachtnord-Tagwest-Richtung. Sie ist 400 Kilometer lang und durchschnittlich 100 km breit, wobei die schmalste Stelle 60 und die breiteste knapp 200 Kilometer breit ist.
Die Insel ist sehr flach, die höchste Erhebung sind die Luylihklippen (Nachtenklippen) am tagwärtigen Ende der Insel mit 63 Metern Höhe. Im tagnordwärtigen Bereich der Insel die die Landschaft leicht gewellt mit bis zu 40 Meter hohen Erhebungen. Die westnachtwärtige Seite der Insel ist deutlich flacher. Ebenso wie Timatim ist auch Haeth größtenteils durch eine Moränenlandschaft geprägt, wobei die Entstehung der Hügel in Haeth schon länger her ist und die Höhen daher flacher sind. Lediglich ganz im Norden tritt felsiges Grundgestein zu Tage.

Im Jahr 900 lebten etwas weniger als 20 000 Menschen auf der Insel, verteilt auf fünf größere Siedlungen und viele kleinere Höfe. Entlang der Reiserouten zwischen den größeren Siedlungen gibt es im Abstand von jeweils einer Tagesreise Gehöfte, die auch Gasthöfe für die Reisenden betreiben.
Die wichtigsten Ort sind Hisihla (Burgerlan) mit 7500 Einwohnern und Haeth (Mauerlan) mit 4000 Bewohnern. Drei weitere Siedlungen haben den Dorf-Status: Buzaeqduzulu (Fehlbade) mit 366 Einwohnern, Lubumerquyun (Milcherleben) mit 91 und Durbohnikir (Erdenfollen) mit 38 Bewohnern. Weitere 7000 Einwohner leben über die Insel verstreut.
Das berühmteste Bauwerk Haeth ist der sechzig Meter hohe, als massivem Fels auf den Luylihklippen errichtete Leuchttum von Haeth, der im Jahr 900 der tagwärtigste Leuchtturm des Planeten war.
Landwirtschaftlich ist Haeth deutlich fruchtbarer als die meisten Regionen Timatim, da auf Grund des Dämmerlichts, das Haeth noch erreicht, Pflanzen deutlich schneller wachsen.
Bodenschätze finden sich in Haeth kaum, lediglich im Landesinneren gibt es einige Stellen, an denen Torf abgebaut und mit Ochsenkarren nach Hisihla und Haeth gelifert wird.
Schiffbare Flüsse gibt es auf Haeth keine, aber die Insel wird von einer Vielzahl von Bächen und kleineren Flüssen durchzogen. Sowohl in Hisihla als auch in Haeth gibt es Pläne, Kanäle anzulegen, um die Hafenanlagen zu erweitern. Wahrscheinlich werden diese Pläne aber erst deutlich später umgesetzt werden, wenn die Bevölkerung soweit gewachsen ist, dass sich der Aufwand lohnt. Bei der aktuellen Bevölkerungsdichte von 0,4 Einwohnern pro Quadratkilometer sind die Transportbedürfnisse noch übersichtlich.
Die Insel wurde ursprünglich von Haeth aus verwaltet, auf Grund der zentraleren Lage wurde die Verwaltung im Jahre 871 nach Hisihla verlegt. Durch diese Maßnahme sind die nachtwärtigen Bereiche der Insel nun deutlich besser angebunden und auch der Kontakt zu Kiswof ist auf Grund des über 300 Kilometer kürzeren Seewegs einfacher.

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Timatim (Staat)

Dieser Artikel ist Teil des Glossars.

Die Karte zeigt die politische Aufteilung des unabhängigen Staates Timatim auf der gleichnamigen Insel. In violet sind die Grenzen und Namen der Verwaltungsregionen eingezeichnet. Rot sind Siedlungen, grau Straßen und in blau sind die wichtigsten Schiffsverbindungen eingezeichnet. Die Karte ist in der üblichen tagwärtigen Ausrichtung, Tagwärts oben, Nachtwärts unten Norden ist nach links.

Timatim ist die größte Insel Khesibs und gleichzeitig eine der größten Inseln Amels. Die Insel liegt grob in West-Ost-Richtung, die Halbinsel Luylur liegt in nachtwärtiger Richtung. Das Hauptgebirge der Insel trennt die tagwärtige Seite, auf der es durch die Drehung Amels und die Schiefstellung der Drehachse einen regelmäßigen Wechsel von hell und dunkel gibt. Auf der Nachtseite der Insel ist im nördlichen Bereich zu Mittag noch über den Bergen ein wenig Licht zu sehen, im südlichen Bereich der Insel und auf Lylur erhellt nur das Licht von Alpha und Beta das Land.

Die Insel ist seit dem Jahr 355 besiedelt, als sich die ersten Menschen in Kiswof niederließen. In der folgenden Zeit breiteten sich die Siedler über die ganze Insel aus, teilweise durch Menschen aus Khesib, nach einiger Zeit jedoch hauptsächlich durch Binnenkolonisation aus anderen Orten Timatims.

Bis zum Jahr 689 AZ war Timatim eine Kolonie Alewallas und entwickelte sich gut. Gegen Ende dieser Zeit wurde die kulturelle Auseinanderentwicklung von Timatim und Khesib deutlicher und die Menschen Timtatims begannen ein eigenes Regionalbewußtsein zu entwickeln. Ab den 660er Jahre kam es immer wieder zu kleinere Konflikten mit der Zentralmacht im 3000 Kilometer entfernten Alewalla, die in den Jahren 689 bis 695 im Timatimschen Unabhägigkeitskrieg mündeten. Im Jahr 695 musste Alewalla die vollständige Unabhängigkeit der Insel Timatim anerkennen. Damit war Timatim nach Alewalla und Budeyrah (Saj) das Dritte Land Khesibs. Im Gegensatz zu Alewalla und Saj gab es bis in die 1000er Jahren auf Timatim keine weiteren Abspaltung von unabhängigen Ländern und Stadtstaaten, was der Entwicklung Timatims sehr förderlich war.

Kurz nach der Unabhängigkeit wurde Timatim in mehrere Regionen eingeteilt, die jeweils eine eigenständige Verwaltung besitzen. Ursprünglich waren es drei Regionen: Die Umgebung der Hauptstadt (Kiswofmaa), der übrige tagwärtige Teil Timatims (Muharmaa) und der nachtwärtige Teil der Insel (Qumekmaa). In dem Maße, wie die Bevölkerung wuchs, wurden die Regionseinteilungen Timtatims verfeinert. Als erste neu geschaffene Region wurde 788 die Insel Haeth aus der Region Kiswof ausgegliedert. 835 folgte die Aufteilung von Muharmaa in den nördlichen Teil Durbohmaa und den südlichen Teil Zituwinith. 881 wurde die Region Werumaa aus Zituwinith und einem kleinen Teil von Qumekmaa gegründet und 897 schließlich wurde die Halbinsel Luylur als letzte Region eingerichtet.

Im Lauf der Jahrhunderte haben sich die Menschen sehr gut an ihre Umgebung angepasst. Neben biologischen Anpassungen, wie einer besseren Nachtsicht und der besseren Verwertung von Sonnenlicht zur Vitaminproduktion gab es auch technische und gesellschaftliche Anpassungen.

Durch spezielle Zuchtprogramme und die Domestizierung einheimischer Pflanzen und Tiere ist es den Menschen auf Timatim so gut wie nirgends sonst auf Amel gelungen, eine funktionierende Landwirtschaft aufzubauen, die mit dem wenigen vorhandenen Licht auskommt.

Eine weitere Besonderheit ist der geordnete Tag-Nacht-Rythmus durch die Dämmerung Gammas auf dem tagwärtigen Teil Timatims sowie durch die Sonnen Alpha und Beta im Rest der Insel. Der dadurch entstandene unterschiedliche Umgang mit Zeit hat ebenfalls zu einer kulturellen Entfremdung zwischen Khesib und Timatim geführt.

Verglichen mit anderen Regionen Khesibs hat Technik auf Timatim eine deutlich größere Bedeutung. Zum großen Teil ist dies der Tatsache geschuldet, dass die Lebensbedingungen auf Grund des fehlenden Sonnenlichts auf Timatim schwieriger sind und ein Überleben auf der Insel ohne Technik, vor allem in den nachtwärtigen Bereichen, nicht möglich wäre.

Die wichtigste Einrichtung auf Timatim ist die Große Bibliothek in Kiswof. Sie wurde im Jahr 608 gegründet und bis zur Unabhängigkeit gelang es den Bibliothekaren mit Unterstützung der Politiker, einen großen Teil des Wissens der Bibliothek von Alewalla, und damit der Sejereh, zu kopieren. Insbesondere alles was mit Wissenschaft und Technik zu tun hat, wurde bereits früh übernommen.

Regiert wurde Timatim anfangs von einer Demokratie. Auf Grund der Machtkonzentration innerhalb weniger, eng verwandter Familien, ist die Zugehörigkeit zur Regierungsfamilie mittlerweile offizielle Voraussetzung dafür, dass man als Präsident gewählt werden kann. Auch alle Regierungsmitglieder gehören der Familie an. Familienzugehörigkeit kann man durch Geburt oder in seltenen Fällen auch durch Adoption erhalten.

Jeder Minister wird einzeln von der Bevölkerung gewählt, jeweils für fünf Jahre. Der Präsident wird für zehn Jahre gewählt und kann zweimal wiedergewählt werden. Minister kann man insgesamt viermal werden.

Im Jahr 900 hatte Timatim ungefähr 130 000 Einwohner, die sich wie folgt auf die einzelnen Regionen verteilten:

Kiswofmaa: 88 762

Haeth: 19 011

Zituwinith: 12 331

Werumaa: 3 516

Luylumaa: 1 461

Qumekmaa: 2 866

Durbohmaa: 3 511

Mehr Informationen zu den einzelnen Regionen stelle ich zur Verfügung, sobald ich sie fertig zusammen gestellt habe.

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Schejels Schlichtung 3

Teil 1 ist hier, Teil 2 hier.

Das Bild, das sich Schejel im Gelenhekyle bot, unterschied ich kaum von dem in Kaxekehepe. Ein ärmliches, kleines Fischerdorf mitten im nirgendwo. Der Ort lag an einem tagwärtigen Hang, wurde im Gegensatz zu Kaxerkehepe also von der Sonne beschienen, aber darin erschöpften sich die offensichtlichen Unterschiede auch schon.

Die Begrüßung war hier genauso freundlich wie auf der Anderen Seite des Fjords, auch hier erzählte er von seiner Arbeit als Regierungsbeamter und dass er hier war, um sich die Sorgen und Nöte der Bevölkerung der Außenregionen der Landes anzuhören und sie mit in die Hauptstadt zu nehmen, um ihre Lebensbedingungen zu verbessern.

In den folgenden Gesprächen versuchte er behutsam, das Thema Kaxerkehepe anzusprechen, aber immer, wenn er im Gespräch einen bestimmten Punkt überschritt, schienen seine Gesprächspartner ihn nicht mehr zu hören oder zu verstehen. Es hatte fast den Eindruck, als würde ihr Gehör alles, was mit Kaxerkehepe zu tun hatte, direkt rausfiltern und gar nicht an ihre Gehirne übermitteln.

Stundenlang redete er mit den Einwohnern, aber jeder einzelne schien von dieser selektiven Wahrnehmungsstörung betroffen zu sein. Als er schließlich erschöpft ins Bett ging, war er mutlos, was die Lösung seiner Aufgabe betraf. Die einen litten an selektiver Amnesie und nahmen den anderen Ort nicht wahr, während die anderen diesen Ort hier für unglücksbringend hielten. Wie sollte es ihm jemals gelingen, diesen Streit zu schlichten? Wie sollte er sich so für seine neue Stelle qualifizieren?

Im Laufe der Gespräche hatte er sich eine ganze Menge Sorgen und Nöte der Bewohner angehört, und sie hatten einige, aber der jeweils andere Ort gehörte nicht zu den Sorgen, die sie ihm erzählten. Warum war das so? Man sollte meinen, dass es wichtig für die Leute wäre, wenn sie mit der einzigen anderen Ansiedlung im Umkreis von 200 Kilometern verfeindet waren. Wie sollte er sie bloß dazu bringen, den jeweils anderen Ort zu akzeptieren?

Seine Gedanken kreisten lange um das Problem und schließlich fiel er in einen unruhigen Schlaf, der ihm nicht die nötige Erholung brachte, die er sich erhofft hatte.

Als Schejel wieder aufwachte, frühstückte er ausgiebig und wusch sich. Danach ging es ihm wieder besser. Er ging zum Hafen, wo sie die ganzen Bewohner des Ortes versammelt hatten. Wie sich herausstellte, fuhr ein Handelsschiff gerade in den Hafen ein. Wie immer, wenn ein Händler in diese kleinen Orte kam, entwickelte sich spontan ein Markt, bei dem alle möglichen Waren gehandelt und getauscht wurden.

Schejel stand am Rande und beobachtete das Treiben und sprach dabei mit verschiedenen Leuten über Belanglosigkeiten. Dann kam er mit dem Kapitän des Schiffs in Gespräch. Der Händler fuhr immer die gleiche Route, von Jehuwep Mersana in nachtwärtiger Richtung bis zu den ersten Orten, die unter dem Einfluss Alewallas standen und dann wieder zurück, seit viele Jahren schon.

Schejel schaute sich um. Keine der Dorfbewohner war in seiner Nähe, also fragte er den Kapitän: „Was ist mit diesem Zwist zwischen Gelenhekyle und Kaxerkehepe? Mein Auftrag ist, den Konflikt zu schlichten, aber ehrlich gesagt, bin ich etwas ratlos.“

Der Händler lachte. „Das glaube ich dir. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie die Leute sich gegenseitig genüsslich ignorieren. Aber das ist schon mal ein deutlicher Fortschritt zum Zustand vor 50 Jahren.“

Schejel schüttelte den Kopf. „Noch schlimmer?“

Der Händler nickte. „Da haben sie sich regelmäßig gegenseitig überfallen und auch schon mal Fischerboote im gegnerischen Hafen versenkt. Irgendwann wurde es der Regierung dann zuviel und sie hat in jedem Ort ein Bataillon Soldaten stationiert. Offiziell sollten die Soldaten den Ort vor seinem Gegner beschützen, aber praktisch haben die Soldaten auch dafür gesorgt, dass die Raubzüge ein Ende fanden.“

„Das hat funktioniert?“

Der Händler nickte. „Irgendwann schon. Aber die letzten Soldaten konnten erst nach fünfzehn Jahren abgezogen werden, und seit dem gibt es den jetzigen Zustand.“

„Aber könnte man die Leute nicht dazu zwingen, sich gegenseitig anzuerkennen?“

Der Händler schaute Schejel streng an. „Das wäre sicherlich möglich. Aber dann muss man bereit sein, die nächsten Jahrzehnte in beiden Orten Soldaten zu stationieren. Ich habe meine Zweifel, ob diese beiden Käffern unseren Politikern so viel Wert sind.“

Schejel nickte. „Sicherlich nicht.“

„Dann sieh es so“, sagte der Händler, „solange die jetzige Situation anhält, sind beide Orte friedlich und ihr habt mit ihnen nicht mehr Arbeit als mit anderen Orte auch. Wenn ihr zu viel Druck auf sie ausübt, wird sicherlich ihre Fehde wieder aufflammen und für mehr Probleme sorgen.“

Schejel seufzte. „Ich befürchte, du hast recht. Aber es ist meiner Karriere sicherlich nicht zuträglich, wenn ich hier scheitere.“

Der Händler lachte. „Das haben die anderen Schlichter, die vor dir hier waren, auch schon gesagt. Wir Händler vermuten, dass ihr absichtlich auf solche unlösbaren Missionen geschickt werden.“

Schejel war verwirrt. „Warum sollten sie das tun?“

Der Händler musterte Schejel. „Wenn du ein hoher Beamter werden willst“, sagte er, „dann hast du noch nicht viel Erfahrung darin, zu scheitern, oder?“

Schejel überlegte, wann er in der Vergangenheit mal gescheitert war. Die eine oder andere Situation gab es, das musste er zugeben, aber es war nie etwas wichtiges gewesen. War er jemals bei etwas wichtigem gescheitert?

„Deinem Gesichtsausdruck entnehme ich, dass ich Recht habe“, sagte der Händler.

Schejel nickte widerwillig. „Heißt das, es war von vornherein klar, dass ich hier scheitern werde?“

Der Händler machte eine nichtssagende Geste.

„Aber wenn viele angehende Beamten auf so eine Mission gesandt werden… soll das heißen, das Ganze ist mehr eine Prüfung für mich als ein wirklicher Auftrag?“

Der Händler lächelte. „Manchmal haben wir Händler den Eindruck, dass es so ist.“

„Hmm, dann ist es ja nicht so schlimm, wenn ich hier nichts erreiche.“

Der Händler schüttelte den Kopf. „Nimm es nicht so leicht. In Jehuwep erwarten sie von dir, dass du alles versuchst, um das Problem zu lösen. So gehört sich das für einen guten Beamten.“

Schejel nickte. „Das stimmt. Ich muss also so tun, als würde ich versuchen, dieses Problem wirklich zu lösen, damit ich dann bei meiner Rückkehr von meinen Bemühungen erzählen kann, ohne dass jemand mitbekommt, dass ich die Prüfung durchschaut habe.“

Der Händler lächelte. „Dann los, stürz dich in Arbeit.“

Schejel lächelte jetzt auch. Endlich war ihm klar, was er hier zu tun hatte.

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Schejels Schlichtung 2

Teil 1 ist hier.

Schejel wurde in die Versammlungshalle geführt. Es dauerte nicht lange, bis alle Bewohner Kexerhepes versammelt waren. Schejel war es ein wenig unangenehm, dass sie extra wegen ihm ihre Arbeit unterbrachen, aber das war er ja von seiner Reise nach Sethakuwesh gewohnt. Wenn es in kleinen Orten Neues zu erfahren gab, versammelten sich alle Einwohner, egal mit was sie vorher beschäftigt waren. Schejel war froh, in einer größeren Stadt zu wohnen, wo auch ohne Reisende immer etwas los war und man sich nicht hungrig nach Neuigkeiten auf jedem Fremden stürzen musste.

Andererseits hatte es natürlich auch Vorteile, dass Fremde so offen aufgenommen wurden, denn es machte das Reisen durch die leeren Landschaften Amels deutlich einfacher. Da Reisen durch die unbesiedelten Landschaften sowieso schon recht beschwerlich war, war es am Ende wohl die Aufregung wert, dass sich alle trafen, wenn man irgendwo zu Besuch war.

In der Versammlungshalle gab es tatsächlich ein kleines Podium, auf das er, zusammen mit dem örtlichen Verwalter, gestellt wurde. Er schaute über die Menge, die für jemanden aus Mersana dann doch recht überschaubar war. Der Verwalter begrüßte jede Familie einzeln. Es ging überraschend schnell, weil es nur sechs oder sieben unterschiedliche Familien gab, die jeweils bei ihrer Begrüßung jubelten.

Schejel machte sich nicht die Mühe, die Namen der einzelnen zu lernen, den wichtigsten würde er später noch persönlich vorgestellt werden, das war immer so. Das er jetzt als staatlicher Offizieller hier war, würde die Ansprache etwas formaler machen, aber am Ende war es egal. Dann stelle der Verwalter ihn vor: „Das ist Schejel. Er ist Mitarbeiter der Regierung in Mersana und hat extra den weiten Weg auf sich genommen, um uns zu besuchen. Was genau er macht, das kann er euch selber erzählen.“

Er drehte sich zu Schejel um, der daraufhin das Wort ergriff: „Liebe Mitbürger von Kaxerkehepe. Ich bin ein angehender Beamter der Regierung in Mesana. Als solcher gehört es zu meinen Aufgaben, die verschiedenen Orte unseres Landes zu bereisen. Ich diene einerseits Euch als Ansprechpartner, falls ihr Fragen zur Arbeit der Regierung habt. Andererseits bin ich hier, um mir eure Wünsche und Probleme anzuhören, um sie den entsprechenden Stellen der Regierung vortragen zu können, denn die Regierung in Mersana ist immer bestrebt, das Leben der Menschen im ganzen Land zu verbessern.

Des weiteren plant die Regierung eine Reihe neuer Gesetze, die ich euch vorstellen soll. Wenn diese Gesetze euch problematisch erscheinen, so sagt mir dies bitte, damit ich eure Bedenken der Regierung vermelden kann, denn bisher sind die Gesetze noch nicht beschlossen und wir können noch darauf Einfluss nehmen.

Im Detail geht es um folgende Vorhaben:“

Dann erzählte er eine Liste von neuen Regelungen und Vorschriften, die größtenteils für die Bewohner dieser Gegend irrelevant waren. Aber es ging hier vor allem darum, den Menschen in der Ferne das Gefühl zu vermitteln, dass die Regierung auf ihrer Seite stand und so seine eigentliche Aufgabe, die Schlichtung der Streitereien zwischen Kaxerkehepe und Geleneheklye, vorzubereiten. Jetzt war er froh, dass er in seiner Ausbildung ein Training erhalten hatten, wie man am besten das Vertrauen von Menschen verschiedener Regionen gewinnen konnte, auch wenn sie womöglich gegen die Regierung eingestellt waren.

An seinen Vortrag schloss sich wie erwartet eine Diskussion mit den einzelnen Familienoberhäuptern an. Immer, wenn er das Gespräch auf Gelenhekyle bringen wollte, blockten die Kexerianer jedoch ab. Am schlimmsten war es, wenn er den Namen des Ortes erwähnt. Es schien fast, als würden die Leute hier denken, dass es Unglück bringen würde, den Namen des Nachbarortes auszusprechen. Immer, wenn der Name erwähnt wurde, hielten die Leute sich den Mund zu und schauten nach oben.

Nachdem er fünf Stunden lang erfolglos mit den Leuten gesprochen hatte, lud ihn der örtliche Lehrer zu sich ins Haus ein, um in Ruhe mit ihm zusammen Tee zu trinken. Schejel nahm das Angebot gerne an, und so saß er kurz darauf vor einer einfachen Hütte und trank heißen Tee. Der Lehrer saß neben ihm und gemeinsam schauten sie über das Meer in nachtwärtiger Richtung.

„Du hast Glück, heute ist mal gutes Wetter“, sagte der Lehrer. „Man kann gerade so bis zu den gegenüberliegenden Bergen sehen.“

Schejel nickte. „Man kann sie sehen, aber darüber reden will hier keiner.“

Der Lehrer nickte. „Da wirst du hier nur schwerlich jemanden finden. Der Name des dortigen Ortes ist eines der schlimmsten Schimpfwörter hier.“

„Das habe ich schon bemerkt.“

„Du hast Glück, dass du nicht von hier bist. Es gilt als sehr unhöflich, danach zu fragen, auch wenn man das Wort nicht benutzt.“

Schejel lächelte säuerlich. „Das hätte ich mal vorher wissen sollen.“

Der Lehrer nickte. „Macht nichts, du hast ja eindeutig genug in deiner Rede gesagt, dass du diese Gegend nicht kennst.“

Schejel schaute den Lehrer an. „Was meinst du, ist es umgekehrt genauso?“

„Das kann ich nicht sagen. Da ich schon lange hier wohne, redet auch mit mir niemand darüber. Selbst die Kaufleute, die hier regelmäßig vorbeikommen und deren nächstes Ziel es ist, reden hier nicht darüber. Auf die Frage nach ihrem nächsten Ziel sagen sie nur: Nachtwärts.“

„So schlimm also?“

„Ja.“

„Warum redest du mit mir darüber?“

„Ich bin nicht hier aufgewachsen sondern in Mersana. Ich bin erst hierher gekommen, als ich meine Frau kennen gelernt habe. Deswegen bin ich nicht so verblendet wie die anderen und gebe durchaus zu, dass es dort einen Ort mit Menschen gibt.“

„Ehrlich gesagt“, sagte Schejel, „wurde ich hierher geschickt, um in den Fehde zwischen euch und denen“, er zeigte übers Meer, „zu vermitteln.“

Der Lehrer nickte. „Das dachte ich mir schon. Aber ich glaube nicht, dass du Erfolg haben könntest. Dafür ist zuviel passiert, was schließlich zur Gründung Kexerkehepes führte. Ich denke, es müssen noch zwei oder drei Generationen ins Land gehen, bis der Umgang wieder normal wird.“

„Gibt es denn keine Möglichkeit?“

Der Lehrer überlegte. „Wenn die sich offiziell entschuldigen würden und uns für unser Leid entschädigen würden, dann wäre es vielleicht etwas anderes.“

„Hmm“, überlegte Schejel und schaute zum Dorf hin und dann wieder übers Meer. „Mal schauen…“

Hier ist Teil 3.

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Etwas Besonderes

Almassa und Chafira saßen in einem ungenutzen Lagermodul am Computer und durchstöberten das Archiv der Sejereh, ob sie etwas interessantes finden konnten. Vor ein paar Tagen hat Almassa entdeckt, dass sie von diesem Computer aus auf alte Zeitschriften zugreifen können, die die Leute von der Erde für so wichtig gehalten haben, dass sie sie elektronisch auf die Sejereh transferiert haben.

Die meisten Zeitschriften, die sie bisher gesehen hatten, waren recht langweilig. In einer ging es um Modelleisenbahnen, in einer anderen ums Angeln und eine dritte war eine Reisezeitschrift für Georgien. Da Almassa und Chafira keine Ahnung hatten, wer oder was dieser Georgien war, haben sie nicht weiter drin geblättert.

„Wusstest du“, sagte Almassa plötzlich, „dass man sich anschauen kann, wann zuletzt jemand diese Zeitschriften angeschaut hat.“

„Echt? Das geht?“

Almassa zeigte auf den Bildschirm. „Da, schau, hier steht, wann der Artikel geschrieben wurde, und hier, direkt darunter, steht, wann er zuletzt geöffnet worden ist.“

„Oh, spannend“, sagte Chafira daraufhin. „Kannst du den Artikel finden, der am längsten nicht gelesen wurde?“

„Bestimmt.“ Almassa nahm ein paar Einstellungen am Computer vor. „So müsste es gehen… Mal schauen…“

Beide schauten gespannt den Bildschirm an, wie der Computer ihnen zeigt, dass er am Suchen war. Dann tauchte eine Reihe von Artikeln auf.

„Diese hier“, sagte Almassa. „Die wurden noch nie geöffnet, seit sie an die Sejereh überspielt wurden.“

Chafira wurde ganz aufgeregt. „Das heißt, wenn wir einen davon lesen, sind wir die einzigen, die wissen was drin steht. Die einzigen, die jemals auf der Sejereh das wussten.“

Almassa überlegte kurz. „Stimmt, wir sind dann ganz was Besonderes. Welchen Artikel wollen wir lesen?“

Chafira machte die Augen zu und tippte blind auf den Bildschirm. „Die da.“

Almassa öffnete die Datei. Ein Bild von einer blonden Frau mit teurem Schmuck erschien auf dem Bildschirm. Die Überschrift war: „Bodyguards für Paris Hiltons Diamanten“. In dem Text, der dann folgte, wurde erzählt, dass besagte Frau für ihre Diamanten eigene Wächter angestellt hatte, die den ganzen Tag auf ihren Schmuck aufpassen mussten.

„Hmm“, sagte Chafira, als sie den Artikel zu Ende gelesen hatte. „Warum haben sie uns diesen Artikel mitgegeben?“

Almassa schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung. Vielleicht waren die Diamanten später für irgendwen wichtig?“

„Dann müssten wir dazu ja noch mehr finden.“ Chafira ließ den Computer nach weiteren Berichten über die Diamanten der Frau durchsuchen, konnte aber nichts weiter finden. Auch eine Suche nach der Frau ergab nicht viel sinnvolles. Sie war wohl eine reiche Erbin von irgendwem, aber ob sie selber etwas wichtiges getan hatte, dass über sie berichtet wurde, konnten sie nicht rausfinden.

Nachdem sie fast drei Stunden mit Suchen und Lesen verbracht hatten, sagte Chafira: „Weißt du was? Ich glaube, es gibt einen Grund dafür, dass diesen Artikel bisher niemand gelesen hat.“

Almassa war gespannt. „Ja? Welchen?“

„Er ist völlig uninteressant und unwichtig und es gibt überhaupt keinen Grund für irgendwen, ihn zu lesen.“

Almassa sah enttäuscht aus. „Meinst du wirklich?“

Chafira nickte. „Ja, ich bin mir sicher.“

„Ich dachte, wenn wir die einzigen sind, die so etwas gelesen haben, macht uns das zu etwas Besonderem.“

Chafira lächelte. „Ja, zu etwas Besonderem macht es uns. Wenn auch nur zu besonders gelangweilten Personen.“

Almassa grinste. „Das stimmt. Niemand vor uns hat sich über diesen Artikel so gelangweilt wie wir. Lass uns das feiern und ein Eis essen gehen!“

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Protokoll einer ersten Landung – Teil 5

Hier gibt es Teil 1 und Teil 4.

R: Hallo Sejereh, könnt ihr uns hören?

S: Hier Sejereh, wir hören euch.

R: Wir haben einen weiteren Todesfall zu melden.

S (Erschrocken): Oh! Schlecht.

R: Ja, ist es. Außerdem haben wir die Systemüberprüfung abgeschlossen.

S: Status?

R: Das Haupt-Lebenserhaltungssystem ist nicht reparierbar. Der Hauptcomputer und ein Ersatzcomputer ebenfalls nicht. Das zweite Reservecomputersystem läuft jetzt. Das Ersatz-Lebenserhaltungssystem funktioniert nur teilweise, die Luftaufbereitung und die Abwasserrückgewinnung sind ausgefallen, genauso die Ersatzheizung. Unserem Techniker ist es gelungen, die Abwärme unserer RTGs direkt für die Heizung des Schiffs anzuzapfen, so dass uns jetzt gut warm ist, wir aber unsere Temperatur nur durch öffnen der Türen kontrollieren können.

S: OK, aus Sicht der Technik droht euch also kein Schneller Tod.

R: Nicht ganz so schnell, aber unser Techniker sagt, dass die strukturelle Integrität des Landeschiffs nicht gesichert ist und es jederzeit auseinander fallen kann. Es gibt bereits mehrere Risse in der Hülle.

S: Könnt ihr sie reparieren?

R: Unsere Techniker sagen nein.

S: Hmm.

R: Habt ihr eine Idee, wie wir aus diesem Schlamassel rauskommen können?

S: Ihr werdet zur Küste laufen müssen. Unsere Techniker versuchen seit Stunden, sich einen Weg auszudenken, wir man Teile des Landeschiffs in ein Schiff umbauen kann, das ihr zur Küste befördern könnt und das euch dann in wärmere Gefilde bringt.

R: Ich hoffe, ihr habt bald einen Plan.

S: Das hoffen wir auch.

R: Das Signal wird schon wieder schwächer, wir sprechen uns in drei Stunden wieder.

*** (Nächster Überflug)

R: Hallo Sejereh!

S: Hallo Landeschiff. Wir können euch hören.

R: Wir euch auch. Wenigstens die Funkanlage funktioniert noch. Die Hülle des Landeschiffs ist ein Stück weiter aufgebrochen. Wir haben die größten Risse mit Folie abgedeckt, so dass nicht zu viel Wärme verloren geht, haben jetzt aber ein Problem mit Kondenswasser. Frische Luft pusten wir zum Aufwärmen direkt über die RTGs.

S: Ihr wärmt eure Atemluft direkt mit den RTGs?

R: Genau. Wir haben entschieden, dass heute erfrieren schlimmer ist als Schäden durch Radioaktivität in dreißig Jahren. Wenn ihr einen besseren Vorschlag habt, könnt ihr ihn gerne machen.

S: Ich sende euch eine Datei mit einem möglichen Design für ein Schiff, damit ihr Mithlij verlassen könnt.

R: Datei empfangen.

S: Wir haben übrigens das Gefühl, dass euer RLS immer weiter im Schnee versinkt.

R: Wir wissen es. Erstens ist es warm und schmilzt langsam das Eis unter sich und zweitens fällt jede Luftfeuchtigkeit, die durch die Ritzen austritt, als Schnee sofort aus.

S: Ich denke, ihr solltet dringend mit Punkt fünf des Planes anfangen. Alles andere hat dann wahrscheinlich mehr Zeit.

R: Mal schauen, was ihr…

(Die Verbindung ist wieder abgebrochen, weil die Sejereh nicht mehr im Empfangsbereich der Notfallantenne ist.)

***

S: Landeschiff, könnt ihr uns hören?

R: …fen die Sejereh, könnt ihr uns hören?

S: Hier Sejereh, wir hören euch. Wie ist euer Status?

R: Euer Plan ist verrückt.

S: Ich weiß, aber anders geht es nicht, sagen die Techniker. Und ich würde mir nicht anmaßen, ihnen zu widersprechen.

R: Trotzdem ist es verrückt.

S: Ah, die Bilder kommen rein. Wie ich sehe, habt ihr schon angefangen, euer Schiff zu stabilisieren, um nicht im Eis zu versinken.

R: Punkt fünf des Plans. Nicht toll, aber immerhin sehen wir dabei, wie es funktionieren soll. Was die anderen Punkte betrifft…

S: Ich weiß. Wir versuchen im Moment eine Möglichkeit zu finden, euch Versorgungsgüter auf eurem Weg zum Meer zur Verfügung zu stellen, aber es ist noch nicht klar, wie wir etwas heile an die richtige Position auf die Oberfläche bekommen. Wegen euch sind unsere Orbitalmechaniker fast am durchdrehen.

R: Dann geht es euch wenigstens nicht anders als uns. Schlitten aus Betten und Kochtöpfen. Was für ein Blödsinn.

S: Es muss sein.

R: Ich weiß. Aber trotzdem…

***

R: Hallo Sejereh! Hört ihr uns?

S: Hier Sejereh. Wir hören euch.

R: Wir haben euren Plan nochmal angeschaut und sind zu dem Schluss gekommen, dass er zwar verrückt ist, aber funktionieren könnte.

S: Haben wir doch gleich gesagt.

R: Was ist mit den Versorgungsgüter?

S: Bisher haben wir zwar eine Menge Ideen, aber nichts, das innerhalb von wenigen Tagen funktionieren würde. Die größten Probleme machen dabei die Navigation zur Landestelle sowie die Tatsache, dass euer Versorgungspaket im Eis versinken wird. Aber wir arbeiten noch dran.

R: Naja, gut, wir müssen ja eh erstmal unser Landeschiff vollständig zerlegen und dabei mit der Kälte hier klarkommen.

S: Ich weiß… Wir sprechen uns in ein paar Stunden wieder.

R: Bis dann.

***

S: Hallo Landeschiff! Könnt ihr uns hören?

S: Hallo Landeschiff?

S: Hört ihr uns?

S: Hallo?

(Stimmen im Hintergrund)

S: Was? Trümmer? Hallo Landeschiff!

(Weitere Stimmen im Hintergrund)

S: Die Satellitenbilder? Überlebende? Ja?

S: Hallo Landeschiff! Wenn ihr uns hört, so geht uns ein Zeichen!

S: Hallo Landeschiff! Wie können euch zwar nicht hören, werden aber bei den nächsten Überfügen wieder versuchen, euch zu erreichen. Wenn ihr überlebt habt, meldet euch!

 

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Weihnachten in der Schwerelosigkeit

Nafra und Jadjari überlegten, was sie in der Schule als Abschlussprojekt machen konnten. Es musste etwas gutes sein, etwas sehr gutes, da waren sie sich einig. Aber wie konnten sie die anderen Bewohner ihres Raumschiffes, der Sejereh, unterhalten? Was konnten sie machen, was die Menschen auf diesem Schiff in den letzten siebenhundert Jahren nicht schon mal gemacht hätten, um sich zu unterhalten?

Tagelang hatten die beiden am Computer in alten Unterlagen gestöbert und verschiedene Ideen verworfen: Ein Oper – wie langweilig. Das Spiel Völkerball mit allen 500 Bewohnern – hatte es letztes Jahr schon gegeben. Eine Verschönerung von Verbindungsgängen – gab es auch schon. In siebenhundert Jahren konnte man eine Menge Unterhaltungsmöglichkeiten ausprobieren.

„Die Schüler am Anfang der Reise hatten es echt besser“, sagte Nafra.

Jadjari nickte zustimmend. Dann sagte sie: „Wir werden schon noch etwas finden, das wir machen können. Vielleicht suchen wir einfach nach den falschen Begriffen.“

Nafra überlegte und sagte dann: „Du meinst, wir sollten nach Walfisch suchen, um Unterhaltung zu finden?“

„Vielleicht. Lass es uns ausprobieren.“

Die nächsten drei Stunden verbrachten die beiden damit, alle möglichen Begriffe, die ihnen einfielen, in die Suche einzugeben und zu schauen, was sie für Ergebnisse bekamen. Sie lernten zwar viel interessantes über die Erde, aber wirklich weiter kamen sie mit ihrem Projekt nicht.

Dann fand Nafra einen Artikel über Ferien und insbesondere über Weihnachtsferien. „Das hier könnte interessant sein“, sagte sie.

Jadjari schaute sich den Artikel und die zugehörigen Bilder an. „Hier steht, dass die Menschen die vier Wochen vorher immer mit Vorbereitungen für dieses Weihnachtsfest verbracht haben.“

„Vier Wochen? Was war das für ein Fest, dass sie vier Wochen zur Vorbereitung gebraucht haben?“

Jadjari schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung, aber das ist genau das, was wir suchen. Ein Fest, wo jeder an der Vorbereitung beteiligt ist, und das vier Wochen lang… Wenn wir dafür keine eins kriegen, weiß ich es auch nicht.“

Die nächsten Wochen suchten die beiden nach allen Informationen, die sie über dieses Weihnachtsfest und die Adventszeit, wie die Vorbereitungszeit hieß, finden konnten. Es schien in manchen Regionen der Erde ähnlich wichtig gewesen zu sein wie ihr Abflugsfest auf der Sejereh. Mit Geschenken für alle und gutem Essen und mehreren Tagen ohne Arbeit. Nur dass es vorher einen Haufen Zeremonien zur Vorbereitung des Festes gab.

Jadjari und Nafra trugen alles zusammen, was sie über die Vorbereitung des Festes fanden. Dann stellten sie ihr Projekt ihrem Lehrer vor. Der fand es eine gute Idee und sagte, dass sie es weiter verfolgen sollten.

In den nächsten drei Wochen mussten Jadjari und Nafra in jedem der Wohnmodule von ihren Plänen berichten und so die Zustimmung der Bewohner der Sejereh zu ihrem Projekt einholen. Tagelang mussten sie ständig Fragen beantworten und Auskünfte geben. Über 500 Personen zu überzeugen, merkten sie, war nicht ganz einfach. Aber am Ende hatten sie es geschafft und ihrem großen Abschlussprojekt stand nichts mehr im Weg.

Sie erstellten Anleitungen und Rezepte, die in der Vorweihnachtszeit benutzt werden sollten. In Modul Gamma Zwei, in dem auch die Pinguine lebten, gab es drei Tage lang einen Weihnachtsmarkt, mit Kinderpunsch, Glühwein und gleichmäßigem, ruhigem Schneefall. Dazu spielte die Kapelle zusammen mit dem Kinderchor mehrfach am Tag sogenannte Weihnachtslieder, die meistens von Frieden, Ruhe und obskuren göttlichen Wesen handelten.

Abends trafen sich die Familien in ihren Wohnzimmern und die Erwachsenen lasen den Kindern Geschichten vor und sangen gemeinsam Lieder. Meistens sangen sie ziemlich schief, aber bei Kerzenschein war es egal.

Außerdem waren alle damit beschäftigt, Geschenke für die Leute, die ihnen wichtig waren, zu basteln oder zu besorgen. Eltern halfen ihren Kindern dabei und brachten ihnen so ganz nebenbei erste handwerkliche Fähigkeiten bei. Oder aber sie malten mit den Kindern Bilder oder schrieben Gedichte.

In vielen Häusern trafen sich die Bewohner in den Küchen, um gemeinsam Weihnachtsgebäck zu backen. Vor allem für die Kinder war es ein großer Spaß, die Kekse in verschiedenen Formen zu schneiden und anschließend zu backen.

Während all dies sich über vier Wochen hinzog, bereiteten Jadjari und Nafra die große Zeremonie vor. Im Modul Beta vier, dem Modul mit dem größten offenen Raum, dekorierten sie in der Mitte auf der Rotationsachse, wo Schwerelosigkeit herrschte, einen großen Tannenbaum mit allerlei Schmuck, wie sie ihn auf den Bildern von der Erde gesehen hatten. Elektrische Kerzen, Äpfel, Strohsterne, die der Kinderhort im Modul Gamma eins gebastelt hatte, bunte Figuren aus Holz und aus Salzgebäck, filigrane Glaskugeln und einiges mehr. Durch die Schwerelosigkeit, die in diesem Bereich herrschte, war das Dekorieren des zehn Meter langen Baumes kein Problem.

Die Leute murrten ein wenig, dass Jadjari und Nafra das Modul für alle anderen gesperrt hatten, aber mit dem Hinweis auf eine große Überraschung konnten sie doch alle davon abhalten, ihre Vorbereitungen zu stören.

Für jeden Bewohner der Sejereh hatten die beiden ein kleines Geschenk besorgt, eingepackt und mit dem Namen beschriftet. Dann sortierten sie die Geschenke nach den Wohnmodulen der Empfänger und ließen sie, jedes versehen mit einem kleinen Licht, um dem Baum herum schwirren. Immer wieder mussten sie einzelne Geschenke, die sich zu weit entfernt hatten, wieder einfangen, aber insgesamt funktionierte es gut.

Dann war der große Zeitpunkt gekommen und sie öffneten die Türen, dass alle in das Modul herein kommen konnten. Jadjari und Nafra hatten sich Aufzeichnungen von einigen Weihnachtszeremonien angeschaut und daraus ein Programm entwickelt, das sie für die Sejereh für angemessen hielten.

Rund um das Modul versammelten sich die Bewohner der Raumschiffs, jedes Wohnmodul an einer Seite des rotierenden Zylinders. Jadjari und Nafra schwebten in der Mitte in der Nähe des Baumes, das Orchester der Sejereh und der Chor schwebten jeweils über bzw. unter dem Baum, dessen Spitze entlang der Rotationsachse zeigte.

Gemeinsam sangen alle mit Unterstützung von Chor und Orchester drei Lieder, dann trugen Jadjari und Nafra abwechselnd einen rituellen Text vor und dann wurde wieder gesungen. Dann löschten sie alle Lichte im Modul bis auf den Baum und die an den Geschenken. Jedem einzelnen Geschenk gaben sie einen Schubs, so das es in einem großen Bogen um den Baum herum schwirrte und von der künstlichen Schwerkraft nach außen gezogen zu seinem Empfänger trudelte.

Es sah wunderschön aus, wie der ganze Zylinder des Module mit den kleinen Lichtern der Geschenke gefüllt war, die sich langsam immer weiter nach außen bewegten und schließlich wie kleine Schneeflocken bei ihren Empfängern ankamen.

Nachdem jeder sein Geschenk erhalten hatte, verabschiedeten Jadjari und Nafra die Leute und dann gingen alle nach Hause, um gemeinsam mit ihrer Familie zu Essen und die Geschenke, die sie sich gegenseitig gebastelt hatten, auszutauschen.

Als alle das Modul verlassen hatten, kam ihr Lehrer zu Jadjari und Nafra und gratulierte ihnen zu diesem sehr gelungenen Projekt und der guten Note, die sie damit zum Abschluss erhalten hatten. Dann gingen auch Jadjari und Nafra zu ihren Familien nach Hause.

Diese Geschichte ist Teil der Weihnachtskalenders des Brüllmausblogs. Deswegen gab es diesen Artikel auch nicht wie gewohnt Sonntags sondern erst heute.

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Schejels Schlichtung

Schejel war ausgesandt worden, um im Streit zwischen Kaxerkehepe und Geleneheklye zu schlichten. Er war ein Beamter Mersanas, der in naher Zukunft in eine verantwortungsvolle Position befördert werden sollte. Doch damit die Beförderung wirksam werden konnte, musste er einen Einsatz in den ländlichen Gebieten Mersanas erfolgreich absolvieren.
Bisher hatte er Mersana nur ein einziges Mal für eine Reise verlassen, als er über den Pass nach Sethakuwesh gereist war, um dort mehr über die Lebensweise der von Alewalla kontrollieren Regionen zu erfahren. Die Reise war anstrengend gewesen und hatte vier Wochen auf dem Hinweg und nochmal so lange auf dem Rückweg gedauert. Wenn es nicht notwendig gewesen wäre, hätte er damals liebend gerne auf die Reise verzichtet.
Es war ein interessantes Erlebnis gewesen, das musste er zugeben, aber er war noch immer der Meinung, dass die meisten Reisen den Aufwand, der sie bedeutete, im Grunde genommen nicht wert waren. Sicher, es war gut, dass er Händler gab, die die verstreuten Siedlungen miteinander verbanden, aber warum musste ein Beamter, der eine Bürotätigkeit in der Hauptstadt ausüben wollte, zu den abgelegensten Orten des Landes reisen?
Er kannte natürlich die offizielle Begründung: „Damit die Orte wissen, dass sie in der Hauptstadt ernst genommen werden und ihre Zugehörigkeit zu Mersana nicht anzweifeln.“ Schejel war sich aber nicht sicher, ob diese Begründung wirklich so sinnvoll war, denn fast zwei Drittel der Bevölkerung Mersanas lebten in der Hauptstadt Jehuwep Mersana und umliegenden Höfen. Die übrige Bevölkerung war so weit verteilt, dass sie genau wussten, wie abhängig sie waren, und dass sie sicherlich schnell wieder unter die Herrschaft Alewallas geraten würden, wenn sie sich mit Jehuwep streiten würden.
Seine Meinung über den Sinn von Reisen änderte leider nichts daran, dass diese Reise für seine Beförderung notwendig war. Streit schlichten zwischen zwei abgelegenen Orten, die beide kaum als richtiges Dorf bezeichnet werden konnten.
Zum Glück lagen beide Orte am Meer, so dass er auf einem Händlerschiff mitfahren konnte und nicht wie bei seiner letzten Reise die ganze Strecke zu Fuß wandern musste. Es war deutlich bequemer, auch wenn es nicht wirklich schneller war, da das Schiff bei jedem Hof und jeder Siedlung an der Küste eine Pause zum Handeln einlegte. Und so ein Handel konnte schon mal ein paar Tage dauern.
Doch so lange die Reise auch gedauert hatte, endlich kam Kexerhepe in Sicht. Der Ort war sein erstes Ziel, die Aufgabe war, herauszufinden, warum die beiden Orte weiterhin verfeindet waren und zu versuchen, den Streit zu schlichten, wenn dies möglich war.
Der Ort lag am Ende einer Bucht an einer Stelle, an der die felsige Küste flacher war und eine Besiedelung erlaubte. Schejel war davon nicht überrascht, denn die meisten Siedlungen und Höfe waren an Stellen errichtet worden, die von der Küste aus einfach zu erreichen waren.
Der Steuermann navigierte das Schiff mit erkennbar viel Erfahrung zwischen den Felsen hindurch in die Bucht. Schejel schaute sich den Ort an, fünf Häuser, zwei davon Höfe, die anderen drei wohl von Fischern bewohnt. Eines davon sah aus, als würde es eine Mischung aus Versammlungshalle, Gaststätte und Dorfladen beinhalten, wahrscheinlich auch eine Schule für die Kinder, die zum Steg gelaufen kamen, als sie das Schiff erblickten.
Schejel konnte Rufe über das Wasser hinweg hören und sah kurz darauf, wie sich die Erwachsenen des Ortes zu den Kindern gesellten und zum Steg liefen. Ein Schiff brachte Neuigkeiten, das sorgte in jedem Dorf für Aufregung. Jeder Fremde wurde überall auf Khesib herzlich begrüßt, denn Nachrichten und Abwechslung waren hier selten.
Eine Matrosin, die im Bug des Schiffes stand, rief den Dorfbewohnern etwas zu und warf ihnen kurz darauf Leinen zu, mit denen sie das Schiff fest machten. Dann wurde ein Laufsteg vom Schiff zum Steg gelegt, und die Besatzung konnte das Schiff verlassen. Schejel folgte ihnen.

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